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Der mutmaßliche frühere KZ-Wachmann, John Demjanjuk, im Saal des Landgerichts in München.

Demjanjuk-Prozess: Gutachter schildert Mordmaschinerie

München - Im Prozess gegen den mutmaßlichen NS-Verbrecher John Demjanjuk hat am ersten Verhandlungstag im neuen Jahr ein Gutachter grausame Einzelheiten der nationalsozialistischen Tötungsmaschinierie geschildert.

Das Vernichtungslager Sobibor im besetzten Polen, in dem Demjanjuk Wachmann gewesen sein soll, habe allein der Ermordung von Juden gedient, sagte Dieter Pohl vom Institut für Zeitgeschichte der Ludwig-Maximilians-Universität in München am Dienstag vor dem Landgericht München II. Ein geplanter Umbau zum KZ habe nicht stattgefunden.

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Rund 170 000 Menschen starben nach Pohls Einschätzung in Sobibor. Dahinter stünden Einzelschicksale, die vielfach nicht mehr rekonstruierbar seien. Vor allem von ermordeten Juden aus Polen und Weißrussland seien bis heute nicht einmal die Namen bekannt. Rund 25 bis 30 Deutsche sowie 100 bis 120 Trawniki-Männer, zu denen Demjanjuk gehört haben soll, seien in Sobibor eingesetzt gewesen.

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Der gebürtige Ukrainer ist angeklagt, 1943 bei der Ermordung von 27 900 Juden in den Gaskammern geholfen zu haben. Der gesundheitlich angeschlagene 89-Jährige verfolgte den Prozess erneut reglos liegend auf einem Rollbett, den Oberkörper leicht mit Kissen gestützt. Gleich zu Beginn legte er sich seine blaue Kappe aufs Gesicht und nahm sie auch nicht ab, als Pohl dem Gericht mit Projektionen an die Wand Aufbau und Organisation des Vernichtungslagers mit Gaskammern, Massengräbern und Minenfeldern erläuterte. Demjanjuk schweigt zu den Vorwürfen.

Pohl, der am Mittwoch genauer über die Aufgaben der Trawniki- Männer berichten wollte, schilderte auch die grauenvollen Zustände bei den Transporten, die viele der Deportieren nicht überlebten. Die Reichsbahn habe die Transporte problemlos übernommen, “obwohl der Zweck der Transporte auf der Hand lag“. Teils in gesonderte Waggons und dann in Arbeitslager kamen “junge, kräftige Männer, von denen schon klar war, die könnte man noch brauchen“. Wer nach Ankunft in Sobibor nicht transportfähig war, sei auf Pferdewagen oder einer Kleinbahn “zum “Lazarett“ gebracht und erschossen“ worden. Wer krank wurde, wurde in den Anfängen des Lagers ohnehin gleich ermordet, denn medizinische Versorgung war nicht vorgesehen. Später bekamen Kranke vier Tage Zeit, um gesund zu werden.

Demjanjuks Verteidiger Ulrich Busch überzog das Gericht am Dienstag erneut mit einer Antragsflut und lieferte sich Scharmützel mit Gericht und Anklage. Das Verfahren müsse auf unbestimmte Zeit, mindestens aber für ein Jahr ausgesetzt werden. Er verlangte, Hunderte Akten aus den USA, Israel und Polen, aber auch aus den baltischen Staaten, der Ukraine, Tschechien und Usbekistan beizuziehen. Auch Videoaufnahmen aus früheren Verfahren gegen Demjanjuk müssten einbezogen werden. Außerdem müssten die Nebenkläger und ihre Verteidiger vom Prozess ausgeschlossen werden.

Der Vorsitzende Richter Ralph Alt reagierte mit Unverständnis. Die Nebenkläger seien vom Gericht zugelassen worden. “Wie ich jetzt dazu kommen soll, das zu widerrufen, ist mir nicht klar“, sagte Alt. “Ob man das verstehen muss, weiß ich jetzt nicht.“ Er rügte Busch, dieser habe das Gericht mit dienstlichen Stellungnahmen öffentlich zitiert, die es nicht gemacht habe. Zu einem Wortgefecht kam es auch mit Staatsanwalt Hans-Joachim Lutz, der “unhaltbare“ Vorwürfe Buschs zurückwies, Dokumente aus den USA und Polen nicht zu den Akten genommen zu haben. Busch hatte beklagt, die Staatsanwaltschaft habe Akten eingesehen, die der Verteidigung bisher nicht zugänglich waren.

In dem Prozess, der seit seinem Beginn weltweit Aufsehen erregt, sind bis Mai vorerst 35 Verhandlungstage angesetzt. Wegen Demjanjuks Gesundheitszustand darf pro Tag nicht länger als zweimal 90 Minuten verhandelt werden. Zuletzt hatten zwei Tage vor Weihnachten Holocaust-Überlebende und Angehörige der Opfer, die als Nebenkläger auftreten, als Zeugen ausgesagt. Teils unter Tränen schilderten sie, wie ihre Verwandten nach Osten zu vermeintlichen Arbeitseinsätzen gebracht wurden - und dort vergast wurden.

dpa

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