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Stimmen klar wie Tölzer Isarwasser: Ludwig Lamelsdorfer, Laurenz Ströbl, Pascal Pfeiffer und Lionel Wunsch (v.l.).

Serie: Musik in der Vorweihnachtszeit

Tölzer Knabenchor: Junge Profi-Sänger auf Advents-Tournee

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München – Von „Stille Nacht“ bis zu „Last Christmas“ – die nächsten Wochen stecken voller Musik. Unsere Adventsserie beschäftigt sich heuer mit diesem Thema. Für die jungen Sänger des Tölzer Knabenchors sind Auftritte vor großem Publikum längst Routine. Sie macht ganz anderes nervös. Zum Beispiel: Vorsingen daheim am Christbaum.

Die angebissene Brezn liegt auf dem Rucksack. Der Anbeißer hat den Mund schon wieder ganz weit auf. Nicht für das nächste Breznstückerl, sondern um ein kräftiges „Luiluilui“ in den Raum zu schmettern. Gerade wirkten die rund 70 Burschen im Sendlinger Proberaum noch wie drei tobende Schulklassen in der Pause. Aber wenn sie, animiert von der Klavier-Melodie ihres musikalischen Leiters, geschlossen die ersten Töne anstimmen und den Raum mit einem kräftigen „Jauchzet, frohlocket!“ fluten, bekommt man einen Eindruck davon, warum die Tölzer Chorknaben in Japan die Engel aus Bayern genannt werden.

Rund 250 Auftritte im Jahr, von New York über Tokio bis in die JVA Stadelheim. Zusammenarbeit mit Jahrhundert-Dirigenten wie Simon Rattle oder Herbert von Karajan. Ein Repertoire vom Mittelalter bis in die Moderne – der Tölzer Knabenchor zählt zu den renommiertesten Deutschlands. Im Münchner Süden werden die Buben zu musikalischen Höchstleistern ausgebildet. In der Weihnachtszeit steigt die ohnehin hohe Konzertfrequenz noch weiter an – allein im Dezember stehen 38 Auftritte im Konzertkalender. Das bedeutet: viel zu üben für die jungen Stimmwunder.

Für weihnachtliche Besinnung bleibt da wenig Zeit. „Luiluilui“ hallt es noch immer durch den Proberaum, bis Clemens Haudum am Klavier unterbricht. „Noch besser einschnaufen“, fordert er, bevor er die Melodie wieder anspielt. „Nicht schieben, ansaugen.“ Noch mal von vorne. Luiluilui. „Ausgezeichnet meine Herren.“ Warmsingen abgeschlossen. Die Buben teilen sich in Gruppen auf. Die Erfahreneren üben nun das Weihnachtsoratorium von Johann Sebastian Bach, das sie am vierten Advent im Münchner Herkulessaal singen werden.

Einer von ihnen ist Laurenz Ströbl, freches Grinsen und eine Stimme klar wie Tölzer Isarwasser. Der 14-Jährige aus Vagen bei Rosenheim wird in München als Solist auftreten. Vor sechs Jahren wurde er in den Chor aufgenommen, nachdem er einen Musiklehrer des Knabenchors an seiner Schule beim Vorsingen überzeugt hatte. Dass er ein Talent fürs Singen hat, bemerkte Laurenz erst bei den ersten Proben. „Das hat richtig Spaß gemacht. Und Freunde habe ich auch schnell gefunden.“ Wenn man jemanden hat, den man in den Gesangspausen mit dem Bleistift triezen kann, dann sind die vielen Proben – Minimum vier Stunden pro Woche plus Einzelunterricht – nur halb so anstrengend.

Der zwölfjährige Lionel Wunsch aus München hat es ebenfalls schon zum Solisten gebracht. Privat hört er Popmusik genauso wie Händel („geht sofort ins Ohr“) und Bach („der hat tolle Koloraturen“). Ja, in der Musiktheorie sind die Knaben außerordentlich fit. Seinen ersten großen Auftritt hatte er vor 850 Zuhörern beim großen Elternkonzert. Vor Fremden zu singen ist für ihn kein Problem. Unangenehmer sei es da schon, an Weihnachten der eigenen Familie vorzusingen. „Aber ab und zu mach ich’s trotzdem.“

Für Lionel wird die Weihnachtszeit zur Reisezeit. Nächste Woche geht es los, Auftritte in Berlin und Dresden warten. Kurz kommt er noch mal nach Hause, bevor es an Heiligabend wieder nach Dresden geht. „Ich feiere Weihnachten mit meiner Mama und meiner Schwester im Hotel“, sagt er. Und am 25. singt er in der Semperoper die Zauberflöte. „Weihnachten in einer anderen Stadt – ist doch cool“, sagt Lionel. „So sehe ich ganz viele verschiedene Christkindlmärkte.“

Christian Fliegner widmet sich mit seinen Auserwählten nun Bachs Weihnachtsoratorium. Er war vor 30 Jahren selbst Solist bei den Tölzer Chorknaben, heute ist er mit Clemens Haudum musikalischer Leiter. Während die Kinder singen, wippt er sanft mit dem Kopf und lauscht. „Da fiepst doch jemand, warst Du das?“, fragt er einen kleinen Lockenkopf. Der zuckt mit den Schultern und singt alleine vor. „Wusst ich’s doch.“ Der Bub singt noch mal. „Perfekt, bitte patentieren“, sagt Fliegner und der Knabe kritzelt sich nickend eine Notiz ins Notenbuch.

Luiluilui im Proberaum: Die Tölzer Sängerknaben proben seit Monaten für ihren Konzertmarathon in der Adventszeit. Und das Minimum vier Stunden pro Woche plus Einzelunterricht.

Auch Gerhard Schmidt-Gaden, den sie hier alle nur den Professor nennen, lässt sich den Besuch bei der Probe nicht nehmen. Er war es, der den Tölzer Knabenchor 1956 aus den Überresten einer Pfadfindergruppe gegründet hat. Damals war er mit 18 Jahren selbst beinahe noch im Knabenalter. Schmidt-Gaden machte aus der Singgruppe einen Chor mit Weltruf. Heute werden rund 200 Knaben in vier Ausbildungsstufen unterrichtet. Bis das Damoklesschwert des Stimmbruchs auf sie herabrauscht. Der Stimmbruch ist das natürliche Ende in der Knabenchorkarriere. Manchmal kündigt er sich an: „Die Stimme bricht und in den hohen Tönen geht die Luft aus“, sagt Fliegner. „Am frühesten merkt man es an der Frisur“, sagt er und lacht. Aber der Stimmwechsel kann sich auch innerhalb einer Woche bemerkbar machen. „Deshalb brauchen wir immer drei bis vier Backups für unsere Solisten“, sagt Fliegner. Könnte ja einer von heute auf morgen ausfallen. Dem bleibt dann der sogenannte Mutantenchor, bis die Stimme wieder gefestigt ist. Dann wartet der Jungmännerchor. Der Männerchor. Die Ehemaligenkonzerte. Die Lieder verstummen nie.

„Wer hat heute keinen Fehler gemacht?“, fragt Fliegner am Ende der Probe. Keiner meldet sich. Disziplin und Demut gehören auch zur Ausbildung. „Na, dann könnt ihr ja bis nächste Woche noch schön daran feilen“, sagt Fliegner. Noch sind es ja ein paar Tage bis zum großen Weihnachtskonzert. Aber jetzt ist erst mal Zeit für die restliche Butterbrezn.

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