Zukunftssorgen

Trotz Einser-Examen: Keine Stellen für Lehrer

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München – Trotz Bestnoten bekommen viele angehende Lehrer in Bayern im Februar keine Stelle. Besonders für die Fächer Englisch und Deutsch ist der Bedarf zu gering.

Wenn Marie Müller (Name geändert) vor ihren Fünftklässlern steht, dann lächelt sie. Sie erklärt, beantwortet Fragen – so wie immer. Aber in ihr drin brodelt es. Denn Marie Müller ist eine der bayerischen Referendare, die ab Mitte Februar auf der Straße stehen. Trotz Abschlussnote 1,17. Nur 170 bayerische Lehramtsanwärter – rund 20 Prozent der Bewerber – haben ein Referendariat bekommen. Der Anruf am vergangenen Freitag war ein schwerer Schlag, erzählt Marie Müller. Sie hatte so auf eine Stelle gehofft – an irgendeiner Schule in Bayern. Aber bei ihrer Fächerkombination Deutsch, Geschichte und Sozialkunde ist die Konkurrenz zu groß, der Bedarf nur gering. Als sie vor sieben Jahren anfing zu studieren, wurden Lehrer noch händeringend gesucht. Nun stehen sie auf der Straße. Für die 29-Jährige bedeutet das: Raus aus der Wohnung in München, zurück zu den Eltern nach Schwaben – mit einer großen Menge Zukunftssorgen im Gepäck.

Ähnlich geht es Nadja Jost (29). Auch sie traut sich nicht, ihre Geschichte unter ihrem richtigen Namen zu erzählen. Weil sie Angst hat, auch im September keine Stelle zu bekommen. Sie hat jahrelang auf ihren Traumberuf hingearbeitet. Mit Ehrgeiz und Optimismus. Auch sie hatte mit ihren Fächern Englisch, Schulpsychologie und Ethik keine Chance – trotz Note 1,01. Nachdem sie Freitag aus der Schule kam, saß sie bis spät in die Nacht vor dem Computer. Sie schrieb Bewerbungen geschrieben. An alle Gymnasien in und um München. In der Hoffnung auf einen Aushilfsvertrag zur Überbrückung. Es kamen nur Absagen.

„Für engagierte Nachwuchslehrer ist es ein Schlag ins Gesicht“, sagt Klaus Wenzel, Präsident des Bayerischen Lehrer- und Lehrerinnenverbandes (BLLV). „Seit Anfang der Woche bekomme ich Anrufe von gestandenen Männern und Frauen, die mir weinend am Telefon sagen, wie hart sie für ihre Noten gearbeitet haben. Die die Welt nicht mehr verstehen.“ Das Groteske an der Situation: „Das Ministerium verurteilt Referendare dazu, sich selbst die Stellen wegzunehmen“, sagt Max Schmidt, Vorsitzender des Bayerischen Philologenverbandes. Aus Kostengründen müssen die Referendare während ihrer Ausbildung viele Unterrichtsstunden übernehmen, dadurch sinkt der Bedarf an Junglehrern. Das Ministerium könnte das jederzeit ändern, es würde aber mehr Geld kosten.

Der BLLV hat den Landtag nun aufgefordert, im kommenden Doppelhaushalt deutlich mehr Planstellen für alle Schularten vorzusehen und im Nachtragshaushalt entsprechende Mittel zur Verfügung zu stellen. Die jungen Lehrer würden dringend benötigt, um die Klassenstärken zu reduzieren, echte individuelle Förderung zu ermöglichen und das Ganztagsangebot auszuweiten – für all die Ziele, die sich die Staatsregierung gesetzt hat.

Das Kultusministerium verweist darauf, dass der Bedarf der Schulen vor Ort entscheidend sei für die Einstellung. Mit Fächern wie Mathematik, Physik, Kunst und Musik seien die Einstellungschancen momentan gut. Abiturienten, die sich für ein Lehramtsstudium interessieren, rät Kultusminister Ludwig Spaenle (CSU), sich frühzeitig über die Bedarfsprognosen zu informieren, die das Ministerium jährlich veröffentlicht.

Genau davor warnt der BLLV-Chef. „Man muss antizyklisch denken“, sagt er. „Wer jetzt anfängt, Deutsch und Englisch zu studieren, wird frühestens 2022 fertig – bis dahin stehen die Chancen auf eine Stelle wieder gut.“ Wenzel ist überzeugt: „Die hochkompetenten jungen Leute werden unterkommen. Ich fürchte eher, dass sie so gute Angebote in der freien Wirtschaft bekommen, dass uns für die Schulen Top-Leute verloren gehen.“

Katrin Woitsch und Katrin Martin

Rubriklistenbild: © dpa

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