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Angeklagt: André Bamberski, hier beim Pariser Prozess gegen Dieter Krombach im Jahr 2011. Nun könnte Bamberski selbst verurteilt werden – wegen Entführung.

Prozess gegen André Bamberski

Das Justizdrama um Kalinkas Vater

Lindau/Mulhouse - Kalinka starb 1982 unter mysteriösen Umständen. Ihr Vater jagte daraufhin den Täter, Kalinkas deutschen Stiefvater. 27 Jahre lang. Er ließ ihn nach Frankreich entführen – und steht deshalb jetzt selbst vor Gericht.

Der Franzose André Bamberski ist 76 Jahre alt – und sein Kampf um Gerechtigkeit dauert fast sein halbes Leben. Er ist weit gegangen bei diesem Kampf, vielleicht zu weit, genau das müssen nun die Richter beurteilen. Denn heute beginnt in Frankreich ein Prozess gegen Bamberski, der es in sich hat.

„Ich bereue nichts“, sagte der Angeklagte in diesen Tagen, nicht trotzig, sondern nüchtern, so als wäre er immer noch der Wirtschaftsprüfer von früher. Er kämpft um seiner Tochter willen, die starb, als sie fast noch ein Kind war. Und weil es einen Täter gab, der damals davonkam, hat Bamberski ein Verbrechen begangen. Jetzt steht er selbst vor Gericht. Doch der Reihe nach.

Am 10. Juli 1982 wird Kalinka Bamberski, 14 Jahre alt, tot in ihrem Bett gefunden. An mehreren Stellen ihres Körpers hat sie Einstiche von Spritzen. Die Gutachter finden heraus, dass das Mädchen an Erbrochenem erstickt ist, vielleicht hat sie sich wegen einer hohen Dosis Schlafmittel übergeben. Sie finden auch Hinweise auf Missbrauch: Blut und Verletzungen an der Vagina, eine weiße Flüssigkeit.

Kalinka ist Französin, sie wohnt damals aber mit ihrer Mutter in Lindau am Bodensee, im Haus ihres deutschen Stiefvaters Dieter Krombach. Der ist Arzt und gibt zu, Kalinka in der Nacht Medikamente gegeben zu haben – eine Vergewaltigung streitet er ab. Er will sogar versucht haben, sie wiederzubeleben. Daher die vielen Einstiche.

Die deutsche Justiz prüft den Fall, stellt aber 1987 die Ermittlungen ein: Mangel an Beweisen. André Bamberski schreibt Briefe, zahlt Anwälte, protestiert – es hilft alles nichts. Als er Flugblätter an den Bayerischen Landtag schickt und Kromberg darin einen Mörder nennt, wird der Justizminister hellhörig. Kalinkas Leiche wird exhumiert. Nur: Die Geschlechtsteile fehlen, eine Vergewaltigung ist nicht nachweisbar.

Die französische Justiz, von Bamberski in Bewegung gebracht, beurteilt den Fall anders als die deutsche: Sie verurteilt den Arzt zu 15 Jahren Haft – in Abwesenheit. Zu fassen bekommen sie ihn nicht. Denn die Bundesrepublik will Dieter Krombach nicht ausliefern. Nach deutschem Recht gilt: Niemand darf zweimal wegen desselben Vergehens belangt werden.

Am 19. Oktober 2009, gut 27 Jahre nach Kalinkas Tod, findet die französische Polizei in Mulhouse im Elsass nachts einen gefesselten und geknebelten Mann in einem Hauseingang. Der Mann ist verwirrt, man hat ihn geschlagen, er blutet aus Platzwunden am Kopf. Es ist der Arzt Dieter Krombach, gegen den in Frankreich ja ein Haftbefehl vorliegt. Nun ist er in der Hand der französischen Behörden.

Um es kurz zu machen: Krombach, der inzwischen am Stock geht und gesundheitlich angeschlagen ist, wird 2011 zu 15 Jahren Gefängnis verurteilt, wegen vorsätzlicher Körperverletzung mit Todesfolge einer minderjährigen Schutzbefohlenen. Bamberski ist nicht ganz zufrieden, er hält ihn für einen Mörder. Krombach geht in Berufung, die erste wird 2012 verworfen, im April 2014 auch die zweite vor dem Kassationshof in Paris, dem obersten französischen Gericht. Nun ist klar: Krombach, inzwischen 79, wird dafür bestraft, dass er ein junges Mädchen vergewaltigt und getötet hat.

Der verurteilte Stiefvater hatte immer seine Unschuld beteuert – auch im Gerichtssaal, als ihm Kalinkas Mutter, also seine Frau, direkt gegenüberstand und ihn aufforderte, endlich die Wahrheit zu sagen. Sie hatte lange an einen Unfalltod ihrer Tochter geglaubt, sich aber 1984 doch von Krombach getrennt. Sie suchte weniger rigoros als ihr Ex-Mann André Bamberski nach der Wahrheit. Als Nebenklägerin durfte sie alle Akten einsehen– und musste lesen, dass Krombach auch ihr Betäubungsmittel verabreicht hatte, um sie im Ehebett mit der Nachbarin zu betrügen.

Bereits 1997 war der Arzt in Kempten zu zwei Jahren Haft auf Bewährung verurteilt worden, weil er eine 16-Jährige mit Schlafmitteln ruhiggestellt und vergewaltigt hatte. Sie war bei ihm wegen einer Magenspiegelung in der Praxis gewesen – und konnte sich nicht wehren. Aber Jahre später, in Paris, siegt die Gerechtigkeit – aus Sicht von Kalinkas leiblichem Vater.

Aber darf das sein, dass Gerechtigkeit durch ein Unrecht hergestellt wird? Nein, sagt die französische Justiz. Deshalb steht Bamberski jetzt vor Gericht, er hat die Entführung des deutschen Stiefvaters nach Frankreich eingefädelt. Krombach, der Entführte, wird nicht im Gerichtssaal sein. „Aus gesundheitlichen Gründen“, sagt sein Anwalt.

Bamberski drohen bei einer Verurteilung wegen Entführung, Beihilfe zur Gewaltanwendung und Mitgliedschaft in einer kriminellen Vereinigung bis zu zehn Jahre Haft. Mit ihm angeklagt sind die beiden mutmaßlichen Entführer sowie eine Journalistin, die zwischen dem Vater und den Männern vermittelt haben soll. Klar ist: Als Krombach in Mulhouse gefunden wurde, wohnte Bamberski in einem nahegelegenen Hotel. 20 000 Euro soll er für die Entführung gezahlt haben.

Bamberski hat nie bestritten, die Verschleppung zugelassen zu haben. Vor Gericht will er sich jedoch wehren. „Ich habe nicht zugegeben, diese Entführung in Auftrag gegeben zu haben“, sagt er. „Ich habe einem Projekt zugestimmt, über das ich informiert worden bin.“

Lesen Sie auch: Eine Chronologie zum Fall "Kalinka"

Robert Arsenschek und Petra Klingbeil

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