+
Ein Mann und sein Rindvieh: Fritz Ostner ist Betriebsleiter der JVA Rothenfeld.

Kein gewöhnliches Gefängnis

JVA Rothenfeld: Wo Häftlinge zu Bauern werden

Rothenfeld - Die JVA Rothenfeld ist kein gewöhnliches Gefängnis, eher ein Hofgut mit Zellenbereich. Die Häftlinge dürfen sich hier freier bewegen als anderswo, außerdem arbeiten sie in der Landwirtschaft mit. Ein Besuch.

Der Witz mit den freilaufenden Hühnern drängt sich auf. Ein Eierkarton mit dem amtlichen Stempel einer Justizvollzugsanstalt darauf – wie viel Freiheit kann Federvieh im Gefängnis haben? Fritz Ostner, Betriebsleiter der JVA Rothenfeld (Kreis Starnberg), nimmt die Frage durchaus ernst. „Unsere Hühner dürfen raus aus dem Stall“, sagt er. Genau genommen leben sie hier aber etwas eingeschränkter als die JVA-Insassen: Wer in Rothenfeld einsitzt, hat es schon fast in die Freiheit geschafft. Darf sich auf dem Gelände ungehindert bewegen. Und: Er darf in der Landwirtschaft arbeiten. Darf. Bei näherem Hinsehen ist das ein Privileg.

Die Außenstelle der JVA Landsberg brachte es nach der Verurteilung von Uli Hoeneß kurz zu etwas Prominenz. Doch normalerweise geht es hier ruhig zu: Kein meterhohes Tor, keine Torwache stoppen den Besucher. Nur ein Schild verkündet links des Weges, dass es im Hofladen frisches Gemüse und Salat zu erwerben gibt. Wie bei vielen Bauernhöfen. Wäre nicht das sperrige „JVA“ im Text. Schilder untersagen das Fotografieren und weisen darauf hin, dass Unbefugte keinen Zutritt haben: Rothenfeld ist immer noch ein Gefängnis.

So idyllisch kann Gefängnis sein: Die Außenstelle der JVA Landsberg im Andechser Ortsteil Rothenfeld.

Ein stämmiger Mann um die 30 mit Gummistiefeln spritzt mit einem Schlauch den Boden sauber. In der Werkstatt daneben bemühen sich drei drahtige Burschen mit Hipsterbärten und blauen Arbeitsjacken, einen Rasenmäher flott zu kriegen. Vor dem Kuhstall steht ein Mann mit beiger Hose, grünem Pulli und einem „Justiz“-Aufnäher am Ärmel: Landwirtschaftsmeister Ostner, 51. Der große Mann mit der ruhigen Stimme betreut seit 1994 den Hof. „Sehr gerne“ mache er den Job, sagt er. „Die Mischung zwischen Natur, Mensch und Technik ist vielseitig.“ Da klingt Stolz mit. Zusammen mit 15 Freigängern und einigen Mitarbeitern bewirtschaftet Ostner 78 Hektar Nutzfläche und 15 Hektar Wald. Mit 46 Charolais-Rindern in Mutterkuhhaltung, neun Ziegen, acht Stück Damwild im Freigehege, einem graugetigerten Kater namens Garfield und diversem Federvieh.

In der ehemaligen Liegenschaft des Kloster Andechs können Gefangene eine 20-monatige Ausbildung zum Zerspanungsmechaniker machen. Sie können jedoch auch in der Landwirtschaft arbeiten: Tiere füttern, Heu und Brennholz machen, Gemüse jäten, Stall ausmisten. Harter Job. Doch jeder, der sich schon mal mit Holzhacken den Kopf frei gemacht hat, weiß: So eine schweißtreibende Arbeit tut eigentlich ganz gut – außerdem gibt’s ein wenig Geld für die Arbeit. „Eine sinnvolle Beschäftigung ist Teil der Resozialisierung“, sagt Monika Groß, Leiterin der JVA Landsberg und damit für Rothenfeld verantwortlich. Es geht darum, Fürsorge für die Tiere zu entwickeln. Täglich früh aufzustehen. Körperlich aktiv zu sein. Dinge, die aber feste Strukturen im Leben geben.

Nach Rothenfeld darf nicht jeder. „Man muss für den offenen Vollzug geeignet sein“, sagt Groß. Das bedeutet: maximal zwei Jahre bis zum Haftende. Man muss sich als zuverlässig bewährt haben. Und sollte etwas Geschick mitbringen. „Wenn einer Angst vor Kühen hat, macht das wenig Sinn“, sagt Groß.

Eier mit Knast-Stempel: Die Produkte der JVA gehen weg wie warme Semmeln.

Eine Kreissäge kreischt. Zwei Männer sind seit Stunden dabei, einen großen Stapel Fichtenprügel in ofenfertige Scheite zu verwandeln. Der eine: um die 40, braungebrannt, Tattoos, breiter Brustkorb. „Ist besser hier als in Landsberg“, sagt er knapp, „vor allem weiß ich jetzt, was ein Bauer leisten muss.“ Seit drei Monaten lebt der Mann in Rothenfeld. Wenn alles gut geht, ist er in zwei Monaten frei. „Wenn ich was mitnehme, dann die körperliche Arbeit und Genügsamkeit“, sagt er, „beides habe ich 20 Jahre lang nicht gehabt.“

„Am Anfang sind die Gefangenen wie erschlagen vom Eindruck der Freiheit“, sagt Ostner. Klar, auch das Leben hier hat Grenzen: Um 6.45 Uhr geht der Arbeitstag los, gegen 19 Uhr ist Einschluss im Stockwerk. Aber die Männer können sich frei bewegen. Dinge erleben, die sie noch nicht kennen. „Wenn einer dabei ist, wenn eine Kuh kalbt, und er dem Kälbchen die Milch aus der Flasche gibt – das macht etwas mit ihm“, sagt Betriebsleiter Ostner.

Es gibt keine Statistik, ob sich der offene Vollzug in Rothenfeld positiv auf das Sozialverhalten auswirkt. Aber die Stimmung sei, so sagt Ostner, gut. Manchmal ruft ein ehemaliger Häftling an. Erkundigt sich, wie es im Betrieb läuft. Gelegentlich schaut auch einer vorbei. „Ich persönlich habe hier viele interessante Menschen kennengelernt und von ihnen manches gelernt“, sagt Ostner. Das klingt nach echter Wertschätzung.

Ein Cabrio mit Starnberger Kennzeichen kommt angefahren, ein Mann steigt aus. Ostner sperrt den Hofladen für den Besucher auf. Hier wird das meiste verkauft, was der Hof hervorbringt: Zwiebeln, Salat, Karotten, Eier, Würste, Fleisch, Leberkäse im Glas. Bis aus München kommt die Kundschaft. „Wir bringen die Ware oft gar nicht her für die Nachfrage.“ Die Produkte haben eigentlich Bioqualität. Eigentlich – weil Rothenfeld wegen des Spaltenbodens im Stall noch nicht als Biobetrieb anerkannt ist, aber seit 1994 ohne Pestizide oder Kunstdünger auskommt.

Die ruhige Betriebsamkeit auf dem Gut wird nun übertönt vom knatternden Geräusch von Zweitaktmotoren. Mit Motorsensen schneiden Gefangene die Büsche und Hecken am riesigen Freigehege des Damwilds aus. Zur Kreisstraße nach Starnberg wäre es nur ein kleiner Sprint. Vielleicht 500 Meter durch Wiesen und Wälder: Die Freiheit ist zum Greifen nahe.

Kommt aber selten vor, dass einer stiften geht. Wie im vergangenen Juli: Abends fehlten zwei Gefangene. „Aber am nächsten Tag waren sie wieder da, die hatten was zu erledigen“, erzählt JVA-Leiterin Groß. Der Weg der beiden Männer führte direkt zurück in den geschlossenen Vollzug. „Sie hatten das Vertrauen missbraucht“ – das wurde bestraft. Da macht das Leben keinen Unterschied zwischen drinnen und draußen.

Klaus Mergel

Auch interessant

Meistgelesene Artikel

Privatfirmen dürfen nicht Altpapier sammeln
Das Sammeln von Altpapier bleibt ein Privileg der Landkreise. Das Bayerische Verwaltungsgerichtshof hat nach mehrjährigem Rechtsstreit die Klage eines privaten …
Privatfirmen dürfen nicht Altpapier sammeln
Wohin mit all dem Laub?
Hört man das Dröhnen der Laubbläser, ist klar: Der Herbst und sein Blätterwahnsinn sind wieder da. Doch wo landet eigentlich all das Zeug? Und wieso sollte man den …
Wohin mit all dem Laub?
Immer mehr Straftaten in Bayern
Im vergangenen Jahr ist die Zahl der verurteilten Straftäter wieder gestiegen - 4,5 Prozent mehr als im Jahr 2015.
Immer mehr Straftaten in Bayern
Psychiatrisches Gutachten über Reichsbürger steht fest
Der 50-jährige Reichsbürger soll im Oktober 2016 auf SEK-Beamte geschossen haben. Der zuständige Psychiater hat jetzt ein Gutachten zu dessen Schuldfähigkeit vorgestellt.
Psychiatrisches Gutachten über Reichsbürger steht fest

Kommentare