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Manchmal ist ihm Oberbayern einfach zu postkartig, gibt Kabarettist Hannes Ringlstetter zu. Er ist gebürtiger Niederbayer – und liebt seine Heimat in allen Facetten.

Ein Gespräch über Heimat

Hannes Ringlstetter: "Der Bayer ist ein widersprüchliches Wesen"

München - Der Kabarettist Hannes Ringlstetter ist gebürtiger Niederbayer - und hat im Interview mit dem Münchner Merkur verraten, was Heimat für ihn bedeutet.

Hannes Ringlstetter ist ein bayerischer Allroundkünstler: Kabarettist, Komiker, Musiker, Schauspieler, Moderator – und dabei leidenschaftlicher Niederbayer. Unser Mitarbeiter Klaus Mergel ist mit ihm per Du und hat sich mit ihm zu einem Gespräch über das bayerische Lebensgefühl getroffen. Ringlstetter hat ihm verraten, was Heimat für ihn bedeutet, wie man seinen Platz in der bayerischen Gesellschaft findet – und was die Wiener besser können als die Bayern.

Als Niederbayer im tiefsten Oberbayern – wie fühlt sich das an?

Hannes Ringlstetter: Immer wenn ich hierher komme, denk ich mir: eigentlich total schön. Aber nach einer gewissen Zeit wird es mir zu postkartig. Für mich besteht Bayern nicht nur aus dem Idyll. Wenn man zwischen Dingolfing und Straubing über die Dörfer fährt, in denen es nicht einmal einen Marktplatz gibt, entdeckt man eine gewisse Trostlosigkeit. Ich finde es schade, dass dieser etwas depressivere Teil Bayerns nirgends vorkommt. Die vergessenen Landstriche – ohne gut gelaunte Zurschaustellung des Lebensstils, wenig Tracht, kein Humtata.

Was unterscheidet den Niederbayern von den anderen Bayern?

Ringlstetter: Stolz. Grantigkeit. Der Niederbayer braucht lange – für Vertrauen.

Der Bayer gilt aber auch als gemütlich – und streitbar. Was oft ein Zeichen von Sensibilität ist...

Ringlstetter: Er ist eben ein widersprüchliches Wesen. Auf der einen Seite extrem hart. Auch abgrenzend, zu Fremden, also ängstlich. Wenn er mit jemandem zusammen ist, kann er sensibel sein. Und er hat halt dieses Problem mit der Nähe: Der Bayer hat noch mehr Probleme damit als es der Mann ohnehin schon hat. Und um damit klar zu kommen, um überhaupt Kontakte zu haben, dafür hat der Bayer den „Schmatz“ – was im Englischen der Smalltalk ist. Man muss nicht ernsthaft miteinander reden, aber kann stundenlang dahin kommunizieren. Am besten pseudophilosophisch: Dass man das Gefühl hat, es geht doch um was. Das ist es, was die bayrische Gemütlichkeit ausmacht, dass man lange zusammensitzt, lange redet, aber nix sagt.

Bayern ging früher bis Tirol. Was unterscheidet die Alpenbewohner heute?

Ringlstetter: Für mich besteht der Unterschied heute eher zwischen Stadt und Land – urban oder rural. Ich glaube, dass die Menschen in den Großstädten meist identische Leben führen. Dadurch, dass Bayern ein rural strukturiertes Land ist, hat es eine andere Lebensenergie. Ich finde es echt eine Leistung, wenn man in einer turbulenten Welt so lebt, dass man Zufriedenheit erlangt. Das können die auf dem Land besser.

Du lebst ja beides. Du wohnst in München, aber auch im Laabertal. Stehst du zwischen den Welten?

Ringlstetter: Nein, aber das liegt an meinem Beruf. Früher, wenn ich weggefahren bin, habe ich zwei Tage gebraucht, um mich zu akklimatisieren. Seit ich ständig irgendwo anders bin, kann ich das ganz gut. Wenn ich ins Labertal komme, und Stress hatte oder zu lange weg war, weiß ich mittlerweile was ich tun muss, damit ich in den Groove komme. Ich geh eine Stunde in den Wald oder setz mich an den Steg und schau ins Wasser. Ich brauche Umgebungen, Orte. Die Hilfe von Natur.

Oder eine Stunde Brennholz machen?

Ringlstetter: Auch gut, haptische Sachen, Körpereinsatz. Alles, was erdet. Das geht in der Stadt schlecht. Bei uns im Westend ist immer donnerstags Markt. Dann kaufen die urbanen Typen wie ich so Sachen wie einen Saibling vom Ammersee. Zu Hause denk mir dann: Hab ich jetzt grad für vier Saiblingsfilets 28 Euro zahlt? Zwei Tage drauf bin im Labertal, da ruft mich ein Spezl an und sagt: „Übermorgen haben wir Fischräuchern. Kommst vorbei und nimmst dir vier Forellen mit.“ Dann zahl ich für vier ganze Forellen zwölf Euro. Und denk mir: Irgendwas ist anders.

Ist der Bayer eigentlich anarchistisch? Sagt man den Südländern ja so nach.

Ringlstetter: Ich persönlich bin ein konservativer Anarchist. Ich hab ein festes Wertekonstrukt, das null anarchistisch ist. Aber im Umgang mit Systemen und Autoritäten bin ich’s schon.

So hält’s der Bayer auch, oder?

Ringlstetter: Ich habe mal eine Geschichte gehört von einem Bauern im tiefsten Niederbayern: Dessen Bub fing irgendwann an, Gras anzubauen. Der Vater hat gesagt: „Das haben wir früher auch angebaut, schon der Opa, war früher nicht verboten.“ Und hat eine illegale Hanfplantage hinter seinem Hof hingestellt. Als man ihm draufgekommen ist, soll der Mann im Gemeinderat gesagt haben: „Ich weiß so viel über Euch, von Euch rührt sich keiner.“ Und es soll bis heute so sein, dass jeder das in dem Dorf weiß – aber keiner ihn anschwärzt. Das halte ich für relativ typisch für dieses Land.

Eine Art von sozialer Kontrolle. So machen es die Taliban auch.

Ringlstetter: Das sag ich sowieso immer. Gestern Abend nach der Show kommen vier Trachtler in das Lokal. Die redeten und agierten dann am Stammtisch, dass ich mir dachte: Vom Islam sagt man immer, der sei 150 Jahre zurück. Aber die sind auch 150 Jahre zurück. Deswegen haben die auch Angst vor Überfremdung. Bayern ist das Land, wo die Frauen noch Kopftücher auf den Feldern tragen. Wenn jetzt ein Kopftuchverbot durchgesetzt wird, müssen sie denen das Tuch auch runterschrauben. Da bin ich gespannt. Natürlich ist das Thema komplexer. Aber es ist schon erstaunlich, wie schnell Ressentiments aufkommen, obwohl es bei uns nicht viel anders ist. Auf den Dörfern gibt es keine Frauen am Stammtisch.

"Ich bin gespannt, wie Bairisch dank der Migranten in hundert Jahren klingt."

Wie kommt man in die bayrische Gesellschaft rein?

Ringlstetter: Ich glaube, dass es einen Riesenunterschied macht, ob du sprachlich dabei bist. Bei uns daheim wurde bairisches Hochdeutsch gesprochen, mein Vater war Gymnasiallehrer. Deswegen kann ich relativ dialektfrei reden. Trotzdem kann ich sofort umschalten auf das gscherteste Niederbayrisch, das man auf den Bauernhöfen spricht. Ich hab immer beides gehabt: Stadt und Land, Bildungsbürgertum und Bauernkultur.

Dialekt scheint eine wichtige Rolle zu spielen. Wäre es angebracht, Asylbewerber in Bairischkurse zu schicken?

Ringlstetter: Ich bin immer eher gegen deutsche Pädagogik. Wien ist ein gutes Beispiel, wie sowas schon lange funktioniert. Am Naschmarkt findest du die Vietnamesen, die machen Sushi. Daneben ein Türke mit Falafel. Und die reden alle dieses gebrochene Wienerisch. Weil man in Wien Dialekt spricht im Gegensatz zu München.

Und das in der Hauptstadt Bayerns. Traurig.

Ringlstetter: Naja, auch der Dialekt soll sich grundsätzlich verändern. Das ist normal, alles Statische stirbt aus oder gehört ins Museum. Ich wäre gespannt, wie Bairisch dank der Migranten in hundert Jahren klingt. Von der Geschichte her ist diese Sprache je eh schon durchsetzt vom Französischen, aus der Napoleonischen Zeit: Trottoir, Potschamperl...

Wie war dein Zugang zur bayrischen Kultur?

Ringlstetter: Ich war als Kind einerseits extrem sensibel, fast Eigenbrötler. Auf der anderen Seite wollte ich immer dabei sein. Und hab vor allem zugeschaut und zugehört. Wenn etwa der Maibaum bei uns im Dorf aufgestellt wurde, hab ich sofort angefangen, leere Maßkrüge wegzutragen, damit ich hör, was die reden. Und wie die reden. Schmutzige Witze. In fiesem Bairisch erzählt, halte ich das immer noch für eines der lustigsten Dinge auf der Welt. Nicht unbedingt immer feinsinnig, aber lustig.

„Heimatsound“ ist in Bayern plötzlich sehr angesagt. Wieso?

Ringlstetter: Es gibt in einer globalen Welt viel Unsicherheit und Angst, was die eigene Identität betrifft. Man fragt sich: Was können wir hier eigentlich? Es hat natürlich gedauert in Bayern bis musikalischer Crossover möglich war. Um in der Sprache der Heimat zu singen. Brass Banda haben ja nichts Neues erfunden. Haindling ist dasselbe in langsam.

Ist das gut oder schlecht für die bayrische Kultur?

Ringlstetter: Ich hab ein Problem mit dem inflationären Benutzen dieses Heimatbegriffs: Heimatsound, Heimatrauschen, Sound of Heimat und und und. Es wird immer ausgelutscht, bis nichts mehr übrig bleibt. Darum habe ich bei der neuen Platte auch ein anderes Konzept gewählt: die musikalische Reise.

Wie schaut das aus?

Ringlstetter: Jedes Lied hat einen anderen musikalischen Stil. Eins spielt in Paris, das nächste in New York: Das klingt dann auch so – aber halt auf Bairisch. Du springst nach Budapest und machst den Gypsy, in Wien ein Wiener Lied. Das finde ich interessanter: mit Identität reisen in eine Welt, die ein bisschen größer ist als vor 30 Jahren.

Was bedeutet Heimat für Dich?

Ringlstetter: Freunde, Familie. Emotionale Verortung also. Aber geographische Verortung habe ich auch – aber die muss man gestalten. Immer eine kritische Auseinandersetzung damit führen. Sonst wird es zum Versteck. Heimat ist im Fluss.

Klaus Mergel

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