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Geschäftsreise: Das undatierte Archiv-Foto zeigt Bustouristen während einer sommerlichen Kaffeefahrt in Bad Tölz.

Auf Kaffeefahrt: Die miesen Tricks der Abzocker

Wer auf Kaffeefahrt geht, wird abgezockt – das weiß jeder. Trotzdem fahren viele Menschen, vor allem Rentner, immer wieder mit. Sie glauben, dass sie cleverer sind als die Verkaufs-Profis. Nur manche sind es wirklich.

Edi soll kaufen, aber er will nicht. Nervös reibt der 88-Jährige über die Altersflecken auf seiner Hand, trommelt mit den Fingern auf den Tisch, es arbeitet in ihm. Doch sein Arm bleibt unten. Vorne lockt der Verkaufsleiter, will sie ködern, ihn und die anderen Senioren. Es geht um Wunder-Ampullen, 30 Stück für 898 Euro. Aber Edi kauft nicht. Dann passiert es: Josef, zwei Plätze weiter, lässt seinen Arm in die Höhe schießen. Ausgerechnet Josef, der Rebell. Der es allen zeigen wollte. Jetzt ist er eingeknickt.

Edi und Josef sitzen seit Stunden im Gasthof in Auerschmiede, einem winzigen Dorf bei Irschenberg, südlich von München. Es ist Kaffeefahrt – oder „Gewinnübergabe“, so nennt es der Veranstalter. Wie jeder der 50 Teilnehmer hat Edi, ein Rentner aus Unterhaching, vor Wochen einen Brief erhalten: Darin eröffnete der „Finanzdienstleister Dr. Müller & Partner“ dem Witwer, er habe 946,71 Euro gewonnen. Um sie zu erhalten, müsse er nur in einen Bus steigen, der ihn zu „nahe gelegenen Geschäftsräumen“ bringe. Dort winke das Geld, dazu ein „buntes Rahmenprogramm“ sowie ein „tolles Frühstück“.

Der 88-Jährige hat sich angemeldet. „Erwarten tu ich mir natürlich nichts“, das stellt er schon morgens klar auf dem Weg zur Bushaltestelle in Unterhaching. Er trägt einen hellgrauen Parka und Halbschuhe, eine graumelierte Stoffhose schlackert um seine dünnen Beine. Sein lichtes graues Haar hat er sorgfältig nach hinten gekämmt. „Wir machen uns heute einen lustigen Tag“, sagt er.

Im Bus ist die Stimmung ausgelassen. Acht weitere Senioren sind in Unterhaching zugestiegen. Auch Josef, der ein bisschen aussieht wie ein Aufrührer: ein Mann mit wirr abstehenden grauen Locken, der sich schon draußen vor der Bustür freudig die Hände reibt und den Zusteigenden zuruft: „Jetzt schau’n wir dann gleich, wo der Tresor mit unserem Geld ist!“ Die anderen lachen aufgekratzt, auch Edi.

Als alle sitzen, kramt Josef aus der Innentasche seiner Weste einen Zeitungsartikel hervor. „Da schaut’s her, da steht was über den Dr. Müller“, sagt er verschwörerisch, dreht sich um und reicht Edi den Ausschnitt. Einer zischt: „Das sind ja Betrüger!“ Und Josef ruft: „Denen zeigen wir’s! Wir verlangen das Geld, das sie uns versprochen haben.“ Von da an ist Josef nicht mehr Josef, sondern der Rebell.

Mit seiner „Denen-zeigen-wir’s“-Haltung ist der Rebell nicht der einzige. „Ich bin nur mitgefahren, weil ich gespannt bin, wie die sich rausreden“, erklärt eine Frau, die ihre Haare zu einem Dutt gesteckt hat. Sie erntet im Bus allseits Zustimmung, auch von Edi. Ein dicklicher, kränklich bleicher Herr sagt forsch einen Satz, in dem „Polizei holen“ vorkommt, und als im nächsten Ort ein Rentner mit ernstem Gesicht zusteigt, begrüßt ihn die Gruppe vergnügt mit: „Kommst du vom Verbraucherschutz?“ Edi fährt derweil mit seinem Finger nochmal durch den Brief von „Dr. Müller und Partner“. Schließlich sagt er mit der Miene eines Kriminalbeamten: „Die haben’s diesmal geschickter formuliert als sonst. Ich find’ einfach keinen Pferdefuß.“

Edi kennt sich aus mit Kaffeefahrten. Er war schon auf mehreren dabei, auch wenn er das nicht so gerne zugibt. Der 88-Jährige wohnt alleine in einem Wohnblock in Unterhaching, seine Frau ist seit sieben Jahren tot. Jeden Dienstag geht er mit seiner Schwester erst zu Aldi, dann zum Chinesen. Dort bestellt er stets gebratene Ente, davor eine scharfe Suppe. Er ist Mitglied im Kegelclub, hat vier Kinder und mehrere Enkel. Trotzdem gibt es viele Tage, an denen er keine Gesellschaft hat.

Wenn er auf Kaffeefahrt geht, dann wegen der Unterhaltung, sagt er. Und er hat auch schon mal was umsonst bekommen: eine Tragetasche, bis oben gefüllt mit Würsten und Wein zum Beispiel. „Aber heute gleich 946 Euro? Wer schenkt einem schon einfach so Geld?“, fragt er. Seine trüben blauen Augen blicken skeptisch hinter der goldgerahmten Brille hervor.

Eine Stunde später sitzen sie alle in einem holzvertäfelten Gastsaal mitten in der Einöde. Erst gibt es Orangensaft und eine trockene Semmel, dann steht ein Mann Mitte dreißig vor den Tischen, der sich Franz-Josef nennt und losdonnert: „Guten Morgen, meine verehrten Damen und Herren!“ Auf der Oberlippe wächst ihm ein heller Flaum, seine blonden Locken kräuseln sich bis in den Nacken. Der Rebell aus dem Bus sitzt mit Edi am Tisch. Es brodelt in ihm, aber jetzt redet erst mal der Verkaufsleiter. Wortgirlanden quellen ihm aus dem Mund wie „gute Laune“, „viel geboten“ und „Lächeln Sie doch mal, schauen Sie doch nicht so skeptisch“. Er scheint zu spüren, dass die Runde heute nicht leicht zu knacken ist. Doch er weiß, wie er sie kleinkriegt.

Zunächst aber fällt ihm ein weißhaariger Mann mit blauer Trainingsjacke ins Wort. „Das interessiert mich alles nicht, ich will das Geld!“, poltert er und hebt den Brief von „Dr. Müller“ hoch. Franz-Josef beißt zu. „Ahaaa, Sie wollen Geld“, höhnt er, dreht sich einmal auf seinen blanken Lederschuhen herum und fragt süffisant in die Menge: „Wer von Ihnen glaubt denn nicht, dass Sie heute Geld von uns bekommen?“ Fast alle heben den Arm. Franz-Josef lächelt zufrieden. „Genau, meine Damen und Herren, wie können Sie auch so etwas glauben? Wer verschenkt denn schon Geld, nicht wahr, meine Damen und Herren?“ „Ja“, raunt der Saal, einige nicken eifrig. Der Weißhaarige, der eben noch lautstark das Versprochene forderte, bleibt stumm.

Jetzt redet der Verkaufsleiter Tacheles. Wer nicht gewusst hätte, dass es heute um eine Kaffeefahrt gehe, sei selber schuld, ruft er ins Mikro, das an seinem Kopf befestigt ist. Und da die meisten trotzdem mitgefahren seien, hätten sie es nicht anders gewollt. Dann geht er auf einzelne los. „Sie sind wohl nur hier, um was abzustauben?“, fragt er die Frau mit dem Dutt, die sich partout nicht freuen will, dass heute keine Gewinne übergeben, sondern Produkte vorgestellt werden.

Dann wird Franz-Josef pampig: Die „Volldeppen“, die immer nur skeptisch seien, nur Schlechtes erwarten, und denen die Gier ins Gesicht geschrieben stehe, hingen ihm zum Halse heraus. „Wartet doch erst mal bis zum Abend ab, bevor ihr euch ein Urteil bildet“, fordert er. Im Saal wird es still.

Von „Dr. Müller & Partner“, die eingeladen haben, ist den ganzen Tag lang keine Rede mehr. Dafür tritt ein Mann mit blond gefärbten Spitzen und Solariumbräune vor die Tische, angeblich von der Firma „Vitamex“. Frank, so nennt er sich, ist charmanter als Franz-Josef, Typ Schwiegersohn. „Der ist nicht schlecht in dem, was er tut“, murmelt Edi nach einer Weile anerkennend.

Frank hält eine Trink-Ampulle mit brauntrüber Flüssigkeit hoch und ruft mit heller Stimme: „Hiermit, meine Damen und Herren, wird es Ihnen bessergehen.“ Das Wundermittel nennt er „Nährstoff-Kur“. Er lässt die Senioren eine blassrosa Liste herumreichen, auf der steht, wogegen die Kur alles helfen soll: Krebs. Osteoporose. Pickel. Phantomschmerzen. Arthrose. Nervosität. Rund 40 Krankheiten. Einfach alles. 898 Euro will Frank für 30 Ampullen haben, in Spezial-Kliniken koste das bis zu 3000 Euro. „Das könnt ihr euch in die Haare schmieren“, murmelt Josef, der Rebell.

Als Frank wenig später fragt, wer die Kur kaufen will, schnellt Josefs Hand dann doch in die Höhe. Irgendwas muss Frank gesagt haben, das Josef schwach gemacht hat. Vielleicht war es der Moment, als Frank den einlaminierten Zeitungsartikel hochhielt: „Einsam, verwahrlost, allein gelassen“, steht im Titel, darunter ein Text über schockierende Zustände im Altenheim. Dann sagt Frank, er habe selbst ein Praktikum im Pflegeheim gemacht, er habe gesehen, wie Menschen an ihre Betten gefesselt wurden. Keiner würde doch so enden wollen, krank und hilflos?

Dann macht Frank einen Fehler. 20 Meldungen sind ihm zu wenig, er lässt alle die Hände senken. Noch einmal ruft er energisch: „Wem seine Gesundheit nichts wert ist, der darf sich hinterher nicht beklagen, wenn er krank ist!“ Dann soll sich wieder melden, wer kaufen will. Diesmal sind es 17, Josef ist nicht mehr dabei. Er hatte einen schwachen Moment, aber jetzt bleibt er eisern. Bei der Heimfahrt im Bus wird er erzählen, er habe sich das Gesicht seiner Ehefrau vorgestellt, wenn er mit 30 Trinkampullen für knapp 1000 Euro heimgekommen wäre. Da sei er zur Vernunft gekommen.

Acht Stunden hat die Verkaufs-Show gedauert, und als danach alle müde und mürbe geredet hinaus in den Sonnenschein treten, trägt Edi eine Pfanne unterm Arm. Er hat sie gekauft, als Franz-Josef noch einmal nach vorne kam und zwei Stunden lang ihre Vorzüge anpries. Wie fast alle kaufte Edi schließlich ein Exemplar, für 50 Euro. Er will sie seiner Tochter zu Weihnachten schenken. „Die Pfanne ist nicht schlecht, und die sind im Kaufhaus auch nicht billig“, rechtfertigt er sich.

19 kostenlose Geschenke hat Franz-Josef jedem Pfannenkäufer versprochen, und sie alle schlendern jetzt zur Hütte neben dem Gasthof, wo die Geschenke ausgegeben werden. Edi hat sich schon Sorgen gemacht, ob er sie alle tragen kann. Als er in der Schlange vorgerückt ist, bekommt die Dame vor ihm ein Maniküre-Set in die Hand gedrückt. Es ist 19-teilig. Edi hatte sogar noch mehr Glück: Das kleine Werkzeug-Set, das er erhält, hat sogar 26 Teile.

von Stephanie Wolf

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