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Die Kalbin mit ihren neuen Freunden - den Hirschen aus den Kreuther Bergen.

Kuh hält sich für einen Hirsch

Kreuth - Fast sechs Wochen lang hat eine Kalbin auf der Flucht vor dem Metzger in den Kreuther Bergen durchgehalten. Ein Jäger hat beobachtet, wie sich das Tier im Bergwald zurechtfand. Eine spannende Geschichte mit gutem Ende.

Am 27. Dezember 2008 reißt sich eine Jungkuh von einem Bauernhof am Irschenberg (Kreis Miesbach) beim Entladen aus einem Viehtransporter vor der Metzgerei Walch los und entkommt. Sie flieht Richtung Riedlerberg im Wallberg-Setzbergmassiv und überlebt dort bei Minus 15 Grad Celsius, weil sie sich an einer Futterstelle gegen ein Dutzend Berghirsche durchsetzt.

Der Setzberg mit der senkrecht abfallenden Rosswand hoch über Dorf Kreuth gehört zum Staatsrevier des Berufsjägers Karl Wagner. Er spürte die Kalbin auf – in der Umgebung einer Rotwild-Futterstelle in etwa 1200 Meter Höhe. Es liegt wenig Schnee, aber die Steilhänge sind extrem vereist: „Dass sie nicht abstürzte, allein das grenzt schon an ein Wunder“, sagt Wagner.

Das Kalb unter den Hirschen

Die Kalbin im Hirschwald

Die Kalbin lässt sich nicht fangen, der Jäger will sie aber wegen des  waidmännischen Ethos auch nicht abschießen. Und so läuft in den folgenden drei Wochen nun dort oben ein Verhaltensritual ab, das Tierpsychologen und Wildbiologen in Erstaunen versetzt.

Thomas Esterl, Wagners Vorgänger im Revier und als Jäger auch leidenschaftlicher Tierfilmer, hat es mit Fotos und auf Videofilm über weite Passagen dokumentiert: Die Kalbin ist zunächst verstört und scheu, sie hält sich am Rand der Lichtung und beäugt die Hirsche und die Stuck, die Hirschkühe, die sich um die Winterfutterstelle Riedlerberg scharen. Es ist Rotwild aus einem Einzugsgebiet, das sich bis zur Landesgrenze erstreckt.

Die Kalbin bekommt jetzt auf Gut Aiderbichl ihr Gnadenbrot.

Die Annäherung des Jungrindes an die Futterraufen der Berghirsche vollzieht sich buchstäblich Schritt um Schritt: Wenn die Kalbin ein paar Heubüschel gerupft hat, verschwindet sie wieder. Wo sie sich zum Wiederkäuen niederlegt und wo sie in den Frostnächten untersteht, weiß der Jäger noch nicht, er kennt nur die Wasserstelle: Ein zugefrorener Brunnen vor einer Holzknechthütte, wo die Kalbin in der Eisdecke ein kleines Loch zum Trinken aufbrach.

Die Videoaufnahmen zeigen, wie die Kalbin langsam die Platzhirsche dominiert. Sie mischt sich zunächst unter das Rudel, steht dann mit dem Rotwild an den Futterraufen – und eines Tages genügt vor den Heuballen ihr missmutiges Kopfschütteln, um die Hirsche auseinanderstieben zu lassen.

Gnadenbrot auf Gut Aiderbichl

Der Jäger gewinnt das Vertrauen der Jungkuh – allmählich kommt sie in die Schussweite eines Narkosegewehrs. Aus dem Tal kommt ein Tierarzt und die Kalbin sieht vom Waldrand offenbar interessiert zu, wie der Arzt an der Forststraße seinen Instrumentenkoffer öffnet und, wie vorgeschrieben, kurz vor dem Schuss die Chemikalien für das Narkoseprojektil mixt. Dann ist die Patrone justiert – und die Kalbin verschwunden.

Während unten an den Stammtischen im Tal allmählich die Fragen kommen, was das „G´schiss mit dera Koim“ solle, sind die Beobachter oben am Berg fasziniert von dem Überlebenswillen des Tieres. Sie haben eine Idee: Gut Aiderbichl von Tierretter Michael Aufhauser könnte die Jungkuh aufnehmen. Aufhauser und der Irschenberger Bauer stimmten zu und der Miesbacher Bezirkstierarzt Raimund Hartinger stellte die Kalbin mit einem Narkosegewehr ruhig. Jetzt steht das Tier glücklich und zufrieden auf Gut Aiderbichl.

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