Volle Kraft voraus: Roland B. (228,5 Kilogramm) will vor Gericht erstreiten, dass die Kasse ihm eine Magenverkleinerung zahlt.

Extremes Übergewicht

Kampf gegen Kilos - und Krankenkassen

München - Menschen mit extrem viel Übergewicht kämpfen oft an zwei Fronten: gegen die Pfunde – und gegen Krankenkassen. Die weigern sich gerade in Bayern häufig, medizinisch gebotene Eingriffe zu zahlen. Das kann lebensgefährlich sein.

Der Satz trifft Roland B. wie ein spitzer Pfeil, als er seinen Einkaufswagen an der Gefriertruhe vorbeischiebt. „Mama, schau mal, ist der fett!“ B. tut so, als hätte er nichts gehört. Seine Finger aber umklammern den Plastikgriff, die Knöchel werden weiß. In ihm toben Wut und Verzweiflung. Und Scham. Das Kind hat Recht. Mit 228,5 Kilogramm Körpergewicht bei einer Größe von 1,80 Metern ist B. ein Gefangener seines Körpers. Der 37-jährige Bayer hat Adipositas, gilt als fettleibig.

Nur selten zeigt sich B. in der Öffentlichkeit. Volksfeste oder Freibäder meidet er. In einer Eisdiele oder im Biergarten sieht man ihn nie – die Stühle sind zu eng. Und tritt er doch vor Leute, fühlt er sich wie ein Tier im Käfig. Er wird angegafft. B. ist nicht unbedingt ein Kämpfer. Er tritt leise auf, gutmütig. Aber auch ihm reicht es. „Ich kann nicht mehr“, sagt er, „ich will einfach mehr Lebensqualität.“ Seine letzte Hoffnung ist eine Magenverkleinerung – doch die Krankenkasse blockt ab.

Deshalb steigt B. in den Ring, gemeinsam mit seinem Anwalt Tim Christian Werner aus Frankfurt. Sie stehen in der einen Ecke, in der anderen die Bahn-BKK in Rosenheim. Die will die Magenverkleinerung nicht zahlen. Aber B. klagt – und will nicht weichen, bis er endlich seine Operation bekommt.

Anwalt Werner schüttelt bei solchen Fällen nur mit dem Kopf. Auf seinem Schreibtisch stapeln sich Berge von Akten, die ähnliche Fälle beschreiben. „Bei einem Body-Mass-Index, wie ihn Herr B. hat, erübrigt sich die Frage nach einer Operation eigentlich“, sagt der Fachanwalt für Sozialrecht. Der normale BMI liegt bei Erwachsenen zwischen 18,5 bis 25 Punkten (Kasten). Roland B. hat einen BMI von 70,4 Punkten.

Der Leitfaden des Medizinischen Dienstes des Spitzenverbandes Bund der Krankenkassen stützt Werners Aussage: Danach wird eine Operation bei einem BMI von über 60 als alternativlos dargestellt – und sogar empfohlen. Doch die Kassen und der Medizinische Dienst in Bayern (MDK) setzen sich regelmäßig über diese Empfehlungen hinweg.

So ist es auch im Fall von Nadine B. Die 21-Jährige wiegt 156,5 Kilogramm bei 1,59 Metern Körpergröße. Ihren vollen Namen will sie nicht nennen, sie schämt sich. Auch ihre letzte Hoffnung ist eine Magenverkleinerung. Und wieder weigert sich die Kasse – diesmal die AOK Bayern. Die Begründung: „Die OP wird nicht bezahlt, weil ich angeblich zu wenig getan hab, um Gewicht zu verlieren.“ Dabei machte Nadine B. bereits mit acht Jahren eine Mutter-Kind-Kur, eine Abnehmkur in Bad Tölz mit zwölf Jahren, dann kamen Weight Watchers, Power-Kids-Training, Optifast Programm und Heilfasten: „Es ist kein Jahr vergangen, in dem ich nicht versucht habe abzunehmen“, beteuert sie. Der Erfolg blieb aus. Und die Kasse zahlte nicht.

Anwalt Werner kennt das – vor allem aus B.n. Seine Mandanten kommen zwar aus ganz Deutschland. Aber: Außerhalb B.ns vertritt er nur zwei Fälle mit einem BMI von über 60 Punkten. In B.n sind es derzeit 18 Fälle. Sein Fazit: „Wir haben hier ein spezielles B.n-Problem. In jedem anderen Bundesland hätte Herr B. seine Operation bekommen.“

Werner kennt die Tricks der Kassen. Erst sperren sie sich, bis die Leidtragenden endlich vor Gericht ziehen. Sieht es dort schlecht aus für die Kassen, suchen sie die Hintertür. Plötzlich bekommen die Patienten ihre Ansprüche anerkannt. So wird ein Urteil vermieden – und schlechte Presse.

So geschehen im Fall Susanne Westermeier aus Pfaffenhofen. Die 46-Jährige weiß, was B. durchmacht. Bei 1,70 Metern Körpergröße hat die 47-Jährige einmal 177 Kilogramm gewogen, ihr BMI lag bei 62 Punkten. In der 7. Klasse legten ihr Mitschüler eine Reißzwecke auf den Stuhl. „Damit bei mir die Luft rausgeht“, erzählt Westermeier. Ihre Stimme bekommt einen traurigen Unterton, diese Geschichte hat sie nie vergessen. Weil sie sich keine Blöße geben wollte, hat sie sich einfach auf die Reißzwecke draufgesetzt: „Ich hatte richtig Glück, die Nadel stach in die Dreifachdoppelnaht der Hose.“ Ein kurzes Lachen. Die ganze Schulstunde lang spürte sie ein leichtes Pieksen.

Wie Roland B. hatte sie genug von ihrem Leben als „die Dicke“. Zweieinhalb Jahre hat sie mit der AOK um eine Schlauchmagen-OP gerungen. Schließlich drohte sie mit dem Anwalt. Binnen einer Woche gab die AOK grünes Licht. „Ich hatte alle Auflagen erfüllt, von zig verschiedenen Diäten bis hin zu einem psychologischen Gutachten“, sagt Westermeier. „Ich war so was von bereit, auf die Barrikaden zu gehen.“

Geschafft: Susanne Westermeier aus Pfaffenhofen hat abgenommen.

Im Oktober ist ihre OP drei Jahre her. Kein kleiner Eingriff: Binnen vier Stunden wird ihr Magenvolumen von der Größe einer 1,5-Literflasche auf das einer Kaffeetasse reduziert. Noch Tage danach ist der Magen angeschwollen. Der Erfolg zeigt sich aber schnell. Gerade im ersten Jahr nimmt Westermeier stark ab. „Im zweiten Jahr kommt dann ein Stillstand – und du merkst, dass du auch mitarbeiten musst.“ Westermeier geht regelmäßig schwimmen oder ins Fitness-Studio. Wegen ihres Gewichts konnte sie das vorher nur sehr eingeschränkt. Ergebnis: Aus Kleidergröße 62 wird 44. „Ich habe immer noch Übergewicht, aber in einem normalen Maß“, sagt Westermeier stolz. Und wenn sie sich wieder einmal „fett und hässlich“ fühlt, schlüpft sie in ihre alte Jeans. Ihre beiden Beine passen dann in ein Hosenbein, ganz locker. „Plötzlich weiß ich wieder, was ich geschafft habe“, sagt sie.

Roland B. ist davon noch weit entfernt. Aber unglücklich sei er nicht, sagt er – dafür ist er viel zu positiv eingestellt. Auch wenn er als Teenager oft allein war. Wenn andere eine Freundin im Arm hatten, war er der Kumpel-Typ, an dessen Schulter man sich ausweinte. Dann kommt eine Frau, die ihn so akzeptiert, wie er ist. 2012 heiraten sie. „Ihr sind meine Ausmaße egal. Es gibt nicht viele Menschen, die so denken“, sagt er. Seine Wangen haben Farbe bekommen. Ob sie Kinder wollen? Die Antwort kommt schnell: „Ja, auf jeden Fall.“

B. zieht den linken Ärmel hoch. In den Unterarm hat er sich ein Tattoo stechen lassen, fünf kleine Sterne, die miteinander verbunden sind. Jeder Stern trägt ein Geburtsdatum – sein eigenes, das seiner Eltern und das seiner Frau. Ein Stern ist noch verwaist. „Für den Junior, falls einer kommt“, sagt er. Doch was hat ein Kind von einem Vater, der vor lauter Kreuz- und Knieschmerzen nicht mit ihm Fußball spielen kann? Und der als gelernter Bürokaufmann seit Jahren keine Arbeit findet, weil kein Arbeitgeber das Risiko eingehen will?

Das Verhalten der Kasse verstehen auch spezialisierte Ärzte nicht. Prof. Thomas Horbach ist Experte für Allgemein- und Viszeralchirurgie und stellvertretender Vorsitzender der Chirurgischen Arbeitsgemeinschaft für Adipositastherapie. Er hat auch B. untersucht. Und sagt: „Ich halte das Verhalten der Krankenkassen für unverantwortlich.“ Seine Patienten haben im Schnitt einen BMI von 54 Punkten. Die meisten von ihnen lägen viel zu spät auf dem Operationstisch. Dann, wenn Begleiterscheinungen aufgetreten seien. Natürlich hätten wissenschaftlich erarbeitete Leitlinien keinerlei Verbindlichkeit für die Kassen und den MDK. Horbach: „Trotzdem finde ich es hochgradig grotesk, dass sie sich gegen ein offizielles Expertengremium stellen.“

Oft erlebt er, wie Kassen Adipositas-Patienten zwingen, über Jahre hinweg Ernährungsberatungen oder Bewegungskonzepte zu durchleiden. „Mit einfach mal abnehmen ist es aber bei diesen Fällen nicht getan“, sagt Horbach: „Diese Empfehlungen sind wirklichkeitsfremd.“ Er geht sogar soweit, von einer speziellen Form der Diskriminierung zu sprechen.

Auch Thomas Kaindl aus dem Kreis Starnberg muss warten. Der 35-Jährige wiegt bei 1,74 Metern Körpergröße rund 162 Kilogramm. Mit 53,4 BMI-Punkten gehört er noch zu den leichteren Fällen. Auch bei ihm brachten unzählige Diäten nichts, deshalb fordert er eine Schlauchmagen-OP. Aber die AOK B.n blockt ab. Die Verhandlungen wurden aufgeschoben, neue Gutachten sollen her. Für Kaindls Anwalt ein alter Hut. „Es passiert oft, dass die Ansprüche des Patienten plötzlich anerkannt werden“, erklärt Tim Werner. Inzwischen vergeht wertvolle Zeit für Kaindl, bei dem das Schlaganfall- und Herzinfarktrisiko immens hoch ist.

Im Fall B. will die Bahn-BKK auf Anfrage keine Angaben machen – Datenschutz, heißt es. Die Formulierungen bleiben allgemein. Die BKK gibt zu bedenken, „dass die operative Verkleinerung des Magens nicht die eigentliche Krankheitsursache behandelt, nämlich das gestörte Essverhalten.“ Zudem verweist die Kasse auf die Rechtsprechung des Bundessozialgerichts: „Wird durch einen chirurgischen Eingriff in ein funktionell intaktes Organ eingegriffen und dieses regelwidrig verändert, wie es zum Beispiel bei einer Magenverkleinerung geschieht, bedarf diese Behandlung einer speziellen Rechtfertigung.“

Für Patienten wie Roland B. der blanke Hohn. Und schlimmer noch, das Verhalten der Kasse geht bis zur Fahrlässigkeit. Ende Juli muss B. wegen dreier Narbenbrüche ins Klinikum Weiden noteingewiesen werden, sein Bauch ist offen. Aber selbst als die Adipositas-Chirurgie in Weiden einen Eilbrief an die Bahn-BKK schreibt, wird die ersehnte Bypass-Operation erneut abgelehnt. Sein Anwalt macht seinem Ärger Luft: „Diese Situation ist in Deutschland einzigartig. Das Kartell aus AOK B.n, MDK-Ärzten und Sachverständigen ist in der Bundesrepublik ohne Beispiel, hier werden die Rechte von Patienten mit Füßen getreten.“

B. würde seinen Körper manchmal gerne ablegen, so wie man ein Kleidungsstück einfach auszieht. Er erinnert sich, wie er mit 16 Jahren in eine Kinderklinik zur Kur musste. „Diejenigen, die zunehmen sollten, haben sie in den Aufenthaltsraum eingesperrt“, erzählt er langsam. „Damit waren sie in Sicherheit vor uns Dicken.“ Diese Kinder konnten so in Ruhe ihre Süßigkeiten essen, während B. sich an der Scheibe die Nase platt drückte. Im Grunde steht er bis heute an diesem Platz.

Nun keimt Hoffnung: Am Dienstag wurde B.s Fall vor dem Sozialgericht Regensburg verhandelt. Nachdem es für die Bahn-BKK auf eine Niederlage hinauslief, erkannte sie die Ansprüche endlich an – die übliche Vorgehensweise. B. bekommt nun seine Operation. Nach drei Jahren Kampf.

Maria Gerhard

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