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Ein nachdenklicher Kardinal Marx: Der anhaltende Priestermangel hat den Münchner Erzbischof veranlasst, Laien wieder stärker in die Gemeindeleitung einzubinden.

Modellversuch mit Laien

Kardinal Marx: Diesen Umbruch plant er in seinem Erzbistum

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Es ist ein Umbruch in der Geschichte der Kirche: Im Erzbistum München und Freising sollen Modelle erprobt werden, bei denen Pfarrverbände von Haupt- und Ehrenamtlichen geleitet werden sollen. Kardinal Marx sieht ein, dass es ohne die Laien künftig nicht geht. Ein Lernprozess.

Von Claudia Möllers

München– Vor neun Jahren klang das noch ganz anders: „Marx beschleunigt die Strukturreform“ lautete am 13. März 2008 eine Schlagzeile in unserer Zeitung. Auf den damals sich bereits abzeichnenden Priestermangel reagierte Erzbischof Reinhard Marx gut einen Monat nach seiner Amtseinführung mit der Ankündigung, dass noch mehr Pfarrgemeinden zusammengeschlossen werden sollen. Und er betonte ausdrücklich: An der Spitze von Pfarreien oder Pfarrgemeinschaften muss ein Pfarrer stehen. „Anders geht es nicht, das muss klar sein.“

Neun Jahre später räumt der Kardinal ein, dass immer größere Pfarrverbände nicht die Lösung des Problems sind. Denn die Zahl der Priester nimmt weiter ab. Marx will weg von einer Defizit-Verwaltung, hin zu einer positiven Betrachtung. Die Talente und Charismen der Menschen vor Ort sollen stärker genutzt werden. Gestern stellte er in München Pilotprojekte vor, in denen ab Herbst dieses Jahres neue Modelle der Leitung von Pfarreien für zwei, drei Jahre erprobt werden sollen. Und zwar in jeder Seelsorgsregion in einem ausgesuchten Pfarrverband. In einem Dekanat, das von den zuständigen Weihbischöfen bis Ende März ausgesucht werden soll, werden dann drei bekannte und ein neues Leitungsmodell ausprobiert.

Neben den bewährten Formen mit der Leitung allein durch einen Pfarrer, der Leitung durch einen Pfarrer mit Team und der Leitung durch einen Laientheologen wurde für das Projekt „Pastoral planen und gestalten“ auch ein neues Konzept erarbeitet: die Leitung eines Pfarrverbands durch ein Team aus Haupt- und Ehrenamtlichen (wir berichteten). Damit öffnet das Erzbistum Leitungspositionen in Pfarrverbänden für Laien. „Ich habe gelernt“, sagt der Kardinal heute. „Probieren wir das mal. Ich bin bereit, meine Position, sagen wir mal, zu erweitern.“

Die Bistumsleitung hat erkannt, dass die Kirche vor Ort verwurzelt sein muss. Eine Erkenntnis, die Bernhard Skrabal (61) bereits vor neun Jahren hatte. Er war nämlich einer der Pfarrbeauftragten, die Erzbischof Marx damals abgeschafft hatte. Ein Laientheologe, der zehn Jahre lang mit einem Priester den Pfarrverband Hebertshausen/Ampermoching im Landkreis Dachau geleitet hat. „Die Not ist größer geworden“, sagt Skrabal auf Nachfrage. Es mache Sinn, Laien wieder in die Leitungsaufgaben einzubinden. „Ich finde es gut, dass man sich korrigiert“, fügt er hinzu. Er hat in den letzten Jahren beobachtet, dass die Kirche vor Ort ihre Identität verliert. Dass Gläubige nicht zum Gottesdienst in die entfernte Kirche des Pfarrverbandes fahren. Die bisherige Pastoralreform habe die betroffenen Priester überfordert und sei den Menschen in den Gemeinden nicht gerecht geworden.

Kardinal Marx: Priester sollen von vielfältigen Aufgaben entlastet werden

Ähnlich klingt es, wenn nun Kardinal Marx davon spricht, dass die Einheiten nicht immer größer werden dürfen, die Kirche vor Ort verwurzelt sein müsse. „Im Team“, so erklärt er, „ist keiner der Chef.“ So könnten Priester von vielfältigen Aufgaben entlastet werden, von Personalführung oder Verwaltung.

2008 gab es im Erzbistum 752 Seelsorgestellen, davon waren rund 150 Pfarrverbände. Heute sind es 290 Seelsorgeeinheiten: 221 Pfarrverbände und 69 Einzelpfarreien. Und der Personalplan umfasst 1200 seelsorgliche Stellen. Davon sind derzeit 90 Prozent besetzt, 569 mit aktiven Priestern, die anderen mit Gemeinde- und Pastoralreferenten sowie Diakonen. Angesichts der Entwicklung der Zahlen plädiert der Kardinal für eine „ressourcenorientierte Seelsorge“. Hinter dem sperrigen Ausdruck verbirgt sich die Erkenntnis, dass nicht aus jedem Priester ein Gemeinde-Pfarrer werden müsse. Sie müssten nach ihren Talenten eingesetzt werden. „Der eine eignet sich vielleicht besser als Künstlerpfarrer, ein anderer Priester kann sehr gut mit Kranken und Sterbenden umgehen.“ Und der Leitungsbegriff muss wohl neu definiert werden. Das heiße nicht einfach „Ich hab’s zu sagen“, macht Marx klar. Die Leitung durch Priester bestehe darin, andere zu befähigen, ihre Talente zu entdecken.

Schritt für Schritt soll das angegangen werden. Jetzt müssen zunächst die drei Modell-Dekanate in den Seelsorgsregionen Süd, Nord und München-Stadt gefunden werden. Dann geht der Lernprozess weiter. Wie gesagt: „Auch ein Bischof muss lernen.“

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