Ein nachdenklicher Kardinal Marx: Die Kirche hat ihre Angebote rigoros zurückgefahren, um zu verhindern, dass sich das Virus zu schnell ausbreitet.
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Ein nachdenklicher Kardinal Marx: Die Kirche hat ihre Angebote rigoros zurückgefahren, um zu verhindern, dass sich das Virus zu schnell ausbreitet.

Kirche in Zeiten des Coronavirus

Kardinal Marx im Merkur-Interview zur Corona-Krise: „Corona ist keine Strafe Gottes“

  • Claudia Möllers
    vonClaudia Möllers
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Das Veranstaltungsverbot der bayerischen Staatsregierung betrifft auch die Religionsgemeinschaften. Die Kirchen sind zwar geöffnet, aber es finden keine Gottesdienste statt. Wir sprachen mit Kardinal Reinhard Marx, dem Erzbischof von München und Freising, über die Einschränkungen des religiösen Lebens, die Corona-Krise und ihre Folgen.

Herr Kardinal, ist Corona eine Strafe Gottes?

Marx: Da würde sich ja sofort die weiterführende Frage stellen: Warum ist das eine Strafe und für wen? Da kämen wir doch zu einem sehr schwierigen und negativen Gottesbild. Nein. Gott liebt uns und nimmt uns an, so die Botschaft Jesu. Natürlich fragen wir uns: Wie verhalten wir uns zu Gott angesichts von Krankheit, Tod, Katastrophen und Unglück und was macht das mit unserem Glauben? Wir haben letztlich keine Antwort darauf, warum wir leiden. Wir sind Geschöpfe, wir sind endlich, wir sind sterblich. Als Christen sagen wir: Es gibt eine Hoffnung. Die Hoffnung auf den Gott, der sich selbst auf das Leiden und das Sterben eingelassen hat. Das ist die Botschaft, die gerade jetzt wichtig ist.

Es gibt derzeit keine Gottesdienste, keine Firmungen, keine Trauungen und getauft wird nur im dringlichsten Notfall. Wie treten Seelsorger derzeit mit Menschen in Kontakt?

Marx: Auf allen Wegen, die ihnen möglich sind im vorgegebenen Rahmen. Wir wollen auf jeden Fall verhindern, dass sich das Virus zu schnell ausbreitet. Aber der Fantasie und Kreativität, wie wir dennoch ins Gespräch kommen, Kontakt halten, miteinander beten können, sind keine Grenzen gesetzt. Viele Seelsorgerinnen und Seelsorger melden sich online und telefonisch bei ihren Gruppen, bieten Gespräche an. Die Freiwilligen in der Telefonseelsorge haben eine Menge zu tun.

Die digitalen Medien sind immens wichtig. Wir streamen auf der Homepage des Erzbistums und auf Facebook täglich Gottesdienste aus dem Münchner Dom. Es gibt geistliche Videoimpulse und Bibelinterpretationen im Netz. An diesem Sonntag sollen unsere Pfarreien die Glocken läuten und dazu einladen, zuhause in der Familie zu beten. Wir unterstützen das mit Gottesdiensthilfen auf unserer Internetseite.

Ich bin auch sehr dankbar, dass der Bayerische Rundfunk sofort offen dafür war, verstärkt evangelische und katholische Gottesdienste im öffentlich-rechtlichen Fernsehen zu übertragen. Das ist ein gutes Zeichen für den Zusammenhalt in unserer Gesellschaft. Das ist nicht das Ende des Gebetes, das ist nicht das Ende des kirchlichen Lebens und des Glaubens.

Wie schwer war für Sie die Entscheidung, das kirchliche Leben herunter zu fahren?

Marx: Sehr schwer, sehr schwer! So viel ich weiß, können wir erstmals in der Geschichte der Kirche keine öffentlichen Gottesdienste mehr anbieten. Das ist ein tiefer Einschnitt, weil die sonntägliche Messfeier für uns das Zentrum des kirchlichen Lebens ist. Es hat sich aber als richtig erwiesen: Wir müssen hier Verantwortung übernehmen für die gesamte Gesellschaft. Wir sind nicht nur für uns selbst da.

Es gibt Liturgiewissenschaftler, die kritisieren, dass „Geistermessen“ – also wenn ein Priester allein für sich die Messe feiert – nicht dem heutigen Verständnis der Liturgie entsprechen. Halten Sie die Kritik für angebracht?

Marx: Das halte ich in der jetzigen außergewöhnlichen Situation doch für eine eher theoretische Debatte. Ich sehe es so: Ein Priester feiert in der Kirche die Messe, Menschen nehmen teil über soziale Medien oder im Fernsehen – und sie beten mit! Ich halte das in dieser Situation für eine große Hilfe. Natürlich kann man nicht die Kommunion empfangen, aber wir sind doch verbunden. Im Gebet können wir uns gegenseitig stärken und vor allem: für alle Menschen beten! Das ist ein wichtiger Dienst der Kirche.

Was ist in Notfällen, etwa wenn ein schwerkranker Mensch die Krankensalbung wünscht?

Marx: Wir stehen an der Seite der Kranken und Sterbenden. Die Krankensalbung und auch die Kommunion wollen wir in lebensbedrohlichen Situationen weiterhin ermöglichen, wie es die erforderlichen besonderen Hygienemaßnahmen zulassen.

Wie äußert sich in dieser Krise Christlichkeit?

Marx: Indem wir den Blick auf die Menschen richten, die besondere Hilfe brauchen und ihnen beistehen. Wir sind eine Gemeinschaft. Unabhängig von unserem Glauben und unserem Herkommen sind wir eine Familie der Kinder Gottes. Das nenne ich das christliche Fundament unserer Gesellschaft.

Ist Hamstern christlich?

Marx: Wir sollten es immer ernst nehmen, wenn Menschen Angst haben und irrational handeln. Ich sehe zum Hamstern keinen Anlass. Wir können in Deutschland darauf vertrauen, dass für alle gesorgt ist. Unser Gemeinwesen, der Staat, die freiheitliche Demokratie sind gefestigt. Wir können darin Vertrauen haben.

Kann man Ostern verschieben – wie es von einigen vorgeschlagen wird?

Marx: Auf welches Datum, wäre dann die Frage. Wir wissen ja noch gar nicht, wie die Situation sich entwickelt. Ich denke, das ist nicht möglich.

Wenn nun aber die Karwoche und das höchste Kirchenfest Ostern wohl ohne Gläubige stattfinden – was bedeutet das für die Kirche, was bedeutet das für Sie?

Marx: Leere Kirchen, Ostern ohne öffentliche Gottesdienste – das kann ich mir nur schwer vorstellen. Wie es auch kommt, das Osterfest findet ja nicht ohne Gläubige statt! Christus ist auferstanden, er ist stärker als der Tod. Dieser Glauben ist da und lebendig. Wir können miteinander beten, wir können in unseren Familien das Halleluja singen, wir können auch, so lange diese Krise dauert, frohes Zeugnis von der österlichen Hoffnung geben. Und lasst uns dann, am ersten Sonntag, wenn wir wieder in die Kirchen gehen können, ein großes gemeinsames Fest unseres Glaubens, ein Fest der Auferstehung feiern.

Ministerpräsident Markus Söder spricht von einem Charaktertest für die Gesellschaft – wie sehen Sie das?

Marx: Gerade auch in Krisenzeiten ist die Fähigkeit einer Gesellschaft zum Guten wichtig. Ich vertraue darauf, dass unsere Gesellschaft Solidarität und Miteinander in den Mittelpunkt stellt. Und ich bin dankbar, wie sehr in dieser Situation die Menschen aufeinander achten.

Wie bewerten Sie die strikten Ausgangsbeschränkungen, die jetzt von der Staatsregierung beschlossen wurden?

Marx: Das sind keine einfachen Entscheidungen, besonders in einer freiheitlichen Demokratie. Ich gehe davon aus, dass sich die Regierung bemüht, besonnen zu handeln und die Schwächsten zu schützen. Ich habe da ein grundsätzliches Vertrauen in die politisch Verantwortlichen. Ich unterstütze den Appell an den Einzelnen, sich auf das Notwendigste zu beschränken und sich im Interesse aller zu verhalten.

Wie gehen Sie persönlich mit der Situation um? Gehen Sie aus dem Haus?

Marx: Im Augenblick erlebe ich kaum Einschränkungen. Der Termindruck ist weg, die Dienstreisen fallen aus. Ich muss nicht aus dem Haus gehen, da ich ja hier arbeite. Und ich kann mich auf meine Arbeit konzentrieren. Im Gebet verbinde ich mich mit den Menschen, denen ich nicht persönlich begegnen kann in dieser Zeit. Und ich bete besonders für alle Kranken und Alten und ihre Angehörigen. Und für alle, die jetzt einen unverzichtbaren Dienst tun für die ganze Gesellschaft: in allen medizinischen Bereichen, in der Versorgung der Menschen, im Lebensmittelbereich, in den Verkehrsbetrieben, bei Polizei, Feuerwehr und Notdiensten und in der politischen Verantwortung. Für dieses Beten habe ich jetzt mehr Zeit.

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