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Müde und gezeichnet wirkt Kardinal Müller am Sonntag bei einem Gottesdienst in Mainz. Am Freitag hatte er erfahren, dass der Papst ihn als Präfekt der Glaubenskongregation nicht mehr will.

Papst löst Kardinal Müller als Glaubenswächter ab

Kardinal Müller: Der plötzliche Sturz des Hardliners

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Regensburg/Rom - Erdbeben im Vatikan: Nach der Beurlaubung des Finanzchefs verliert nun der Präfekt der Glaubenskongregation sein Amt. Der ehemalige Regensburger Bischof Müller ist ein Vertrauter des emeritierten Papstes Benedikt. Doch Franziskus greift jetzt durch.

Auf dem hohen Ross saß Gerhard Ludwig Müller gerne. Wenn der traditionelle Pfingstritt in Bad Kötzting anstand, dann kam er sogar als oberster Glaubenswächter der katholischen Kirche aus Rom in den Bayerischen Wald, um auf Stute Isabella an der Reiterprozession teilzunehmen. In diesem Jahr sagte der Präfekt der Glaubenskongregration erstmals ab. Und in diesem Amt wird er auch nie wieder am Pfingstritt teilnehmen. Denn Papst Franziskus hat den gemeinsamen Weg mit dem deutschen Kurienkardinal beendet. Er hat die am Sonntag endende Amtszeit Müllers nicht verlängert. Schluss. Aus. Vorbei.

Als Papst Franziskus 2013 sein Amt antrat, hatte er bei der Besetzung der Kurie ein Erbe seines Vorgängers Benedikt übernommen. Dieser hatte 2012 den ehemaligen Regensburger Bischof Gerhard Ludwig Müller zum Leiter der Glaubenskongregation gemacht. Franziskus hielt an Müller fest, obwohl sich schon damals viele fragten, ob das gut gehen kann.

Als Gralshüter der katholischen Tradition stand der deutsche Kardinal wie Benedikt für eine sehr konservative Linie. Die von Franziskus betriebene Öffnung der Kirche lehnte er weitgehend ab. Jetzt hat der Papst einen Schlussstrich gezogen und Müller abgelöst.

Wie fremd sich beide sind, wurde spätestens bei den Bischofssynoden zu den Themen Ehe und Familie 2014/15 deutlich. In seinem Schreiben „Amoris Laetitia“ öffnete der Papst den Zugang zur Kommunion in Einzelfällen auch für wiederverheiratete Geschiedene. Die Deutsche Bischofskonferenz griff das auf und setzte die neue Regelung mit einem eigenen Schreiben in Kraft. Kardinal Müller kritisierte das. Niemand, auch nicht der Papst, könne die dogmatische, durch Jesus selbst eingeschärfte Lehre von der Unauflöslichkeit der Ehe verändern, mahnte er. Er sah seine Rolle darin, Aussagen des Papstes nachzujustieren und in Form zu bringen.

„Das sind Äußerungen, wo jeder Chef einen rausschmeißen würde“, sagt der ehemalige Regensburger Dogmatikprofessor Wolfgang Beinert. Ein Rausschmiss vor dem Ende der fünfjährigen Amtszeit wäre aber ein Affront auch gegen Benedikt XVI. gewesen, dem Müller sehr nahesteht. Franziskus will die Kirche nicht gewaltsam, sondern behutsam öffnen. Daher blieb Müller zunächst im Amt, aber er spielte kaum noch eine Rolle. Eigentlich haben Ressortchefs beim Papst regelmäßig Audienzen. Müller nicht, wie Beinert berichtet: „Franziskus hat gesagt: „Ich rufe Sie, wenn ich Sie brauche.“ Und offensichtlich brauchte er ihn nicht sehr oft.“

Noch oben auf: Müller beim Pfingstritt 2016 in Kötzting. Heuer kam er erstmals nicht.

Die von Franziskus vorangetriebene Kurienreform gegen Korruption und Misswirtschaft soll Müller behindert haben. Schon als Regensburger Bischof brachte Müller viele Gläubige gegen sich auf, als er die Mitbestimmungsrechte von Laien in der Kirche beschnitt. Eine Diakoninnenweihe hat er ausgeschlossen. Franziskus dagegen kündigte im Mai 2016 an, die Zulassung von Frauen zum Diakonenamt prüfen zu lassen.

Zur Belastung wurde der 69-Jährige jetzt auch aus einem anderen, viel gravierenderen Grund: Die größte Krise der katholischen Kirche seit Jahrzehnten, der Skandal um sexuellen Missbrauch von Kindern und Jugendlichen durch Geistliche, hat die Führung im Vatikan erfasst. Der Finanzchef, Kardinal George Pell, musste sich beurlauben lassen, um sich in seinem Heimatland Australien einem Ermittlungsverfahren zu stellen.

Als Chef der Glaubenskongregation war Müller auch dafür zuständig, Missbrauchsfälle aufzuklären. Doch die Dimension des Skandals spielte er herunter. Es habe sich nur um Einzelfälle gehandelt, nicht um ein systematisches Versagen der Kirche, meinte er. Er beklagte eine „Pogromstimmung“ gegen die Kirche. Müller selbst stand auch in der Kritik, weil er als Regensburger Bischof die Aufklärung von Missbrauchsfällen bei den Domspatzen verzögert haben soll – was er dementiert. Der mit der Aufklärung beauftragte Rechtsanwalt will in gut einer Woche die Ergebnisse seiner Untersuchungen veröffentlichen; neue belastende Details könnten da bekanntwerden.

Für Empörung sorgte auch ein anderer Fall: Das Bistum hatte den Gläubigen in Riekofen verschwiegen, dass ihr Priester wegen Kindesmissbrauchs vorbestraft ist – prompt verging sich der Mann wieder an einem Ministranten. Müller lehnte eine Entschuldigung im Namen der Kirche ab und sagte: „Die Verantwortung für die Tat trägt der Täter.“

Während im Vatikan die Wogen hochschlagen, feierte Müller in Mainz nicht nur mit Mitschülern sein 50-jähriges Abitreffen und einen Gottesdienst. Er gab auch gleich wieder ein Interview und behauptete in der „Allgemeinen Zeitung“ in Mainz, der Papst habe entschieden, die Amtszeiten für die Präfekten der Kongregationen generell auf fünf Jahre zu begrenzen, „und da war ich der Erste, bei dem er das umgesetzt hat“. Eine weitere Begründung habe ihm der Papst nicht genannt. „Differenzen zwischen mir und Papst Franziskus gab es nicht.“ Allerdings kam die Ablösung wohl auch nicht allzu überraschend für ihn (siehe Artikel unten).

Müller will im Vatikan bleiben, wissenschaftlich arbeiten, „meine Funktion als Kardinal weiter ausüben, in der Seelsorge tätig sein. Ich habe in Rom genug zu tun.“ Mit seinen 69 Jahren fühlt sich Müller vielleicht noch jung genug, um in der Zeit nach Franziskus wieder etwas zu werden in Rom. Zwischenzeitlich aber hat ihn der Papst vom hohen Ross heruntergeholt, auf dem Müller so gerne saß.

Lesen Sie dazu auch den Kommentar „Päpstlicher als der Papst“ von Merkur-Radkteurin Claudia Möllers.

Von Claudia Möllers und Bernward Loheide

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