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So muss es gehen! Kardinal Reinhard Marx leitet nicht nur das Münchner Erzbistum, sondern ist auch Vorsitzender der Bayerischen und der Deutschen Bischofskonferenz. Sein Rat ist auch von Papst Franziskus erwünscht, daher ist er Mitglied des neunköpfigen Kardinalsrats.

Vor zehn Jahren zum Münchner Erzbischof ernannt

Reinhard Marx: „Christen müssen sich in die Politik einmischen“

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Reinhard Marx wurde vor zehn Jahren zum Münchner Erzbischof ernannt. Unsere Zeitung hat mit ihm über die ereignisreiche Zeit gesprochen - und von seinen Plänen bezüglich Rom erfahren. 

München - Im November 2007 klingelte beim Bischof von Trier das Telefon. Am Apparat ein Mitarbeiter der Nuntiatur, der diplomatischen Vertretung des Papstes, mit einer wichtigen Nachricht: Papst Benedikt XVI. will Reinhard Marx zum Erzbischof von München und Freising ernennen. Zum 30. November. Heute ist Marx nicht nur Erzbischof in München, sondern auch Kardinal. Er ist Vorsitzender der Freisinger und der Deutschen Bischofskonferenz, einer der wichtigsten Berater von Papst Franziskus. Wir sprachen mit ihm über zehn ereignisreiche Jahre.

Münchner Merkur: Wie war das, Herr Kardinal, als Sie vor zehn Jahren die Nachricht bekamen?

Reinhard Marx: Ich war schon sehr überrascht. Und mir war natürlich klar, das konnte man nicht ablehnen. Ich habe dann mein Einverständnis geschrieben – handschriftlich. Am Abend bin ich mit dem Brief rausgegangen und habe den nächsten Postkasten gesucht, denn das Schreiben wollte ich ja nicht in unsere normale Büropost geben. Erst viel später habe ich mit Papst Benedikt darüber gesprochen, denn es war schon ungewöhnlich, dass jemand, der eher aus dem Norden Deutschlands stammt, als Bischof in den Süden geht. Aber der Papst wollte das so.

Modellprojekte im Erzbistum starten 2018: Laien sollen Gemeinden leiten

MM: Mit welchen Erwartungen sind Sie nach München gekommen?

Marx: Ich dachte mir: Das ist jetzt etwas ganz Neues. Bayern ist dir nicht wirklich bekannt, die Erzdiözese auch nicht. Du brauchst bestimmt eine gewisse Zeit, um die bayerische Wirklichkeit wahrzunehmen. Deshalb habe ich vor meiner Einführung viele, viele Einzelgespräche mit den Verantwortlichen in München geführt. Mir war klar, dass es eine riesige Aufgabe ist und dass große Erwartungen da waren. Es gab große Dankbarkeit für die 25 Jahre meines Vorgängers Friedrich Wetter. Es gab aber natürlich auch große Neugierde, was jetzt kommen wird. Ich hatte keinen detaillierten Plan in der Tasche und wollte mich auf die Wirklichkeit einlassen.

MM: Was ist aus den Erwartungen geworden?

Marx: Es war ein großer, festlicher, auch tatkräftiger Beginn, finde ich – und viele haben mitgeholfen. Danach kam die große Missbrauchskrise 2010, die uns alle umgeworfen hat und die uns bis heute beschäftigt. In der Folge gab es die Strukturreform im Ordinariat, dann die neue Finanzverfassung und natürlich die Arbeit am sogenannten Orientierungsplan mit dem Aufbau der Pfarrverbände. Es stehen immer wieder Dinge an, die nicht vorhersehbar waren, vieles andere kann man planen.

MM: Die Kirche ist ja auch in einem großen Umbruch.

Marx: Ja, und das war sie übrigens in ihrer langen Geschichte immer wieder. Wir versuchen, dringende Punkte anzupacken und uns den Veränderungen zu stellen. Als ich nach München kam, hatten wir von 2008 bis 2010 einen synodalen Prozess, das Projekt „Dem Glauben Zukunft geben“. Es war richtig, daran viele zu beteiligen. Es hat zu dem Ziel geführt, die Pfarrverbände möglichst im Konsens zu errichten. Das hat funktioniert...

MM: Na ja, einiges Murren gibt es schon und Kritik an einer Überforderung der Seelsorger....

Marx: Viele haben kritisiert, dass sie immer mehr Verwaltung machen müssen in den größeren Einheiten. Darauf haben wir reagiert und Stellen für Verwaltungsleiter geschaffen, damit die Priester und pastoralen Mitarbeiter sich stärker auf seelsorgerliche Aufgaben konzentrieren können.

MM: Sie haben sich ja auch korrigiert und entschieden, dass die Einheiten nicht noch größer werden sollen.

Marx: Ich bin überzeugt: Kirche muss vor Ort erlebbar bleiben, wir wollen und müssen da sein, wo Menschen uns brauchen. Nur die Zahl der Priester als Orientierungswert für die Anzahl der Seelsorgeeinheiten zu nehmen, ist zu kurz gedacht. Man kann Pfarrverbände nicht immer weiter beliebig vergrößern. Unsere derzeitige Pfarreien- und Pfarrverbandsstruktur haben wir bis zum vergangenen Frühjahr überprüft, und wir wollen nun erst einmal an ihr festhalten. Der Weg, den wir heute gemeinsam gehen, wird von der überwiegenden Zahl des Klerus, der Mitarbeiter und der Gremien geteilt. Jedenfalls nehme ich das so wahr.

MM: Sie haben im Frühjahr angekündigt, dass in drei Dekanaten neue Modelle der Gemeindeleitung – mit Teams aus haupt- und ehrenamtlichen Laien – probiert werden sollen. Jetzt hört man nichts mehr. Ist das Projekt gestorben?

Marx: Nein, wir sind dran. Wir wollten schneller sein und waren wohl etwas zu optimistisch in der Ankündigung. Bei dem Projekt werden wir versuchen, neue Formen der Gemeindeleitung zu finden. Wir wollen aber nicht am grünen Tisch so eine Art Meta-Plan aufstellen, sondern ich möchte auf Sicht fahren, Schritt für Schritt vorangehen und auch experimentieren. Es war die Idee der Weihbischöfe, in jeder Region ein neues Leitungsmodell zu probieren. Das wird kommen.

MM: Wann?

Marx: Die Verantwortlichen wollen im kommenden Frühjahr starten. Das Ganze muss gut vorbereitet sein, wir begeben uns ja auf völliges Neuland. Es soll einen Lerneffekt geben, man braucht die richtigen Leute für die Teams aus Haupt- und Ehrenamtlichen, einschließlich eines Priesters, die sich auf diese Form einer gemeinschaftlichen Leitung einlassen. Da muss auch überlegt werden: Wie ist das Verhältnis zum Dekan, welche Rolle spielt der Weihbischof vor Ort, wie ist das Verhältnis von Haupt- und Ehrenamtlichen, welche Rolle spielt der Priester?

MM: Sie sagen doch, den Hut soll der Priester aufhaben...

Marx: Nein, darum geht es bei dem Projekt eben gerade nicht! Dann bräuchten wir ja nicht zu experimentieren. Der Priester leitet natürlich in besonderer Weise durch die Feier der Eucharistie und die Verkündigung des Wortes Gottes. Aber es gibt viele Aufgaben, die täglich organisiert und geleistet werden müssen in Seelsorge und Verwaltung. Dafür muss der Priester nicht zwingend der Chef sein. Ich finde ohnehin, dass heutzutage nicht mehr in einem autoritären Stil durchregiert werden sollte. So nach dem Motto: Einer muss das Sagen haben, die anderen knallen die Hacken zusammen und gehorchen. Moderne Leitung besteht darin, die Begabungen der Menschen zusammenzuführen – und sie nicht etwa lediglich zu ausführenden Organen der eigenen Ideen zu machen.

Ja, um Himmels Willen! Der Westfale Marx ist ein Energiebündel – und aufregen kann er sich auch lautstark. Seine kräftige Stimme ist unüberhörbar. In Kirche und Politik.

MM: Sie waren sechs Jahre Bischof in Trier, sind seit zehn Jahren Erzbischof in München. Jetzt gibt es Gerüchte, Sie würden nach Rom gehen. Dass der Papst Sie an seiner Seite braucht...

Marx: Vergessen Sie es, das steht überhaupt nicht zur Debatte. Überhaupt gibt es für mich nichts Schöneres, als Erzbischof von München und Freising zu sein.

MM: Der Papst könnte angesichts der Machtkämpfe im Vatikan einen starken Mann gebrauchen.

Marx: Ausdrücklich ermutige ich alle, ihn bei der Ausübung seines für uns so wichtigen Amtes zu unterstützen. Das tue ich von München aus.

MM: Sind Sie durch die vielen Ämter gehemmt, offen zu sprechen? Weil Sie Rücksicht nehmen müssen?

Marx: Nein, ganz im Gegenteil! Meine unterschiedlichen Aufgaben ermöglichen es mir, die Erfahrungen, die wir als Kirche in Bayern und Deutschland machen, auch auf anderer Ebene einzubringen. Bei der Familiensynode ist das, so hoffe ich, gut gelungen. Als Bischof, als Kardinal sowieso, denke ich immer auch weltkirchlich und bin eingebunden in eine besondere Loyalität dem Papst gegenüber. Das ist unabhängig davon, ob ich nun in Rom in einem Gremium sitze oder nicht.

In die Politik will sich Kardinal Marx weiter einmischen – wenn es der Glaube erfordert

MM: Man achtet aber bei Ihnen auf jedes Wort. Schließlich sind Sie Papst-Berater.

Marx: Ich hab keine Angst, etwas zu sagen. Aber natürlich weiß ich, dass ich öffentliche Äußerungen bedenken muss. Ich versuche, mich in den Dienst zu stellen und Verständnis zu wecken für drängende Fragen unserer Zeit. Mich belastet eher die Frage, ob das alles immer zu schaffen ist. Die Auseinandersetzungen etwa wegen der Missbrauchskrise und der dadurch verursachte Verlust an Glaubwürdigkeit kosten mich bis heute viel mehr Nerven und Kraft als die Ämter, die ich wahrnehme.

MM: Ihr Rezept?

Marx: Eins nach dem anderen. Ich möchte im Bistum so präsent sein wie möglich, in der Bischofskonferenz und in Rom Stück für Stück meine Arbeit machen. Ich glaube, dass wir mit Papst Franziskus gerade ein besonderes Momentum in der Kirchengeschichte erleben. Und wenn er sagt: „Können Sie mir da helfen? Können Sie auch einmal auf die Finanzen schauen?“ – dann kann ich das nicht ablehnen. Ich versuche, alles im Blick zu behalten.

MM: Wenn ein Westfale nach Bayern kommt, treffen unterschiedliche Mentalitäten aufeinander. Was haben Sie an bayerischer Lebensart übernommen?

Marx: Zunächst einmal habe ich die Mentalität hier im bayerischen Kernland nicht als fremd wahrgenommen. Dem Leben zugewandt, traditionsbewusst, eine kräftige Mahlzeit nicht verachtend, den Festen und der Freude zugetan – das sind die Westfalen in meiner Gegend auch. Ich bin gerne mit den Menschen hier zusammen. Zu den Firmgottesdiensten kommen oft die Bürgermeister, die Pfarrgemeinderäte, die ehrenamtlichen Katecheten und andere. Man sitzt anschließend zusammen beim Mittagessen, es ist eine herzliche und große Gemeinschaft. Die Leute sprechen von ihren Freuden und Problemen, bis ins Familiäre hinein. Dann denke ich: Hier bist du richtig!

MM: Was ist Ihnen noch fremd hier in Bayern?

Marx: Jetzt kommen wir in etwas schwieriges Gewässer. Aber eines kann ich doch sagen: Manchmal wundere ich mich über ein übertriebenes „Mia san mia“ – wenn das gesunde Selbstbewusstsein, das ich begrüße, vielleicht Grenzen überschreitet.

MM: Da bini dahoam. Können Sie das zu Bayern sagen?

Marx: Auf Bairisch kann ich es zwar nicht so gut sagen, aber: ja, absolut. Ich sehe die Türme der Frauenkirche und weiß: Jetzt bin ich zuhause. Als ich kürzlich in meiner Heimatstadt war, wurde ich gefragt: „Würdest du im Ruhestand wieder nach Geseke ziehen?“ Ich sagte: „Niemals.“ Erstens bin ich dann zu alt, und zum anderen bin ich jetzt in München daheim. Hier bleibe ich, und hier sterbe ich. Mein Grab ist in der Frauenkirche. Und so ist es gut. Ich glaube, ich muss mein Schicksal wirklich nicht beklagen, wenn ich mein Leben hier beenden kann.

MM: Zehn Jahre weiter – wie sieht das Erzbistum aus?

Marx: Ich bin jetzt 64, und ich hoffe, dass ich gesund bleibe. Ich wünsche mir, dass ich die nächsten zehn Jahre tatkräftig und voll Freude mitgestalten kann. Wie schnell die ersten zehn vorübergingen, habe ich ja gesehen. Ich möchte in mich gehen und auch mit anderen darüber nachdenken: Was könnten und müssten wir in den nächsten zehn Jahren anpacken? Wir müssen die Verlebendigung unserer Pfarrverbände weiterentwickeln. Und unsere Sprache überprüfen, damit die Menschen verstehen, was wir eigentlich mit unserem Glauben sagen wollen. Es gibt ein wachsendes Unverständnis – bis in unsere Predigten hinein. Ich habe keine Angst um die Zukunft des Glaubens und des Evangeliums. Es ist eine starke Botschaft – aber wir müssen uns neue Wege überlegen, wie sie auch die Menschen erreichen kann.

MM: Wie gehen Sie das an?

Marx: Ich sehe eine neue Bereitschaft, sich mit dem christlichen Glauben zu befassen durch die Diskussionen, die wir haben: mit anderen Religionen, wie dem Islam, und der Säkularisierung auf der einen und mit religiösem Fanatismus, nationalem Egoismus und sogenanntem Populismus auf der anderen Seite. Es ist eine Herausforderung, wenn wir uns selbst fragen, was eigentlich unser christlicher Glaube für uns bedeutet. Das Christentum darf nicht abrutschen in ein Kulturphänomen, es ist der existenzielle Grund meiner Hoffnung, meines Lebenshorizontes. Ich meine, die Gelegenheit ist günstig, das heute zur Sprache zu bringen!

MM: Die Kirche hat ihre Haltung in der Flüchtlingsfrage immer wieder klargemacht. Die AfD verfolgt ganz andere Ziele. Können Christen Mitglied in der AfD sein?

Marx: Jeder muss seine politischen Entscheidungen selbst treffen. Aber er muss als katholischer Christ seine Entscheidung auch messen lassen an den Grundsätzen der Katholischen Soziallehre und des Evangeliums. Das gilt ganz allgemein. Schwierig wird es etwa da, wo Missachtung von Minderheiten oder Fremden, eine hetzerische Sprache oder ein übersteigerter Nationalismus zutage treten. Das sollte einem Christen klar sein.

MM: Sie werden auch künftig Ihre Stimme erheben?

Marx: Ganz sicher! Die Nähe von Parteien zur Kirche bestimme aber nicht ich, sondern die Parteien selbst mit ihrem Programm und mit ihren Äußerungen. Jetzt warten wir einmal ab. Die Legislaturperiode im Bundestag hat gerade erst begonnen. Christen sind aufgerufen, sich in die Politik einzumischen. Tagespolitik bis in den letzten Spiegelstrich hinein ist indessen nicht Sache des Bischofs. Aber ich muss denen widersprechen, die meinen, die Politik sei nicht Aufgabe der Kirche. Die Katholische Soziallehre ist Verpflichtung für mich als Bischof, sie gehört zum Auftrag der Verkündigung. Frömmigkeit und politisches und caritatives Engagement sind nicht gegeneinanderzustellen, sondern aus unserer Spiritualität erwächst unser Einsatz in Wort und Tat für die Armen und Schwachen.

Das Interview führte Claudia Möllers.

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