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Karl Valentin um 1915 und (links) als Ludwig II. Die Bildunterschrift stammt aus seiner Feder.

SERIE ÜBER LUDWIG II. - TEIL VII.

Karl Valentin spielt Ludwig II.

München - Sein Hang zur anarchistischen Spöttelei scheute auch vor Majestäten nicht zurück: Karl Valentin spielt Ludwig II., und das mitten im Krieg. Die Geschichte einer weithin unbekannt gebliebenen, köstlichen Clownerie.

Juni 1915: Der Erste Weltkrieg drückt den Menschen aufs Gemüt, Abwechslung sucht der Münchner gerne auf Volkssänger- Abenden, ein kurzes Abtauchen in die Unbeschwertheit. Karl Valentin ist damals einer jener Volkssänger, der sie unterhält. „Hochgeehrter Zuschauerraum“, heißt es auf einem seiner Textzettel aus jenen Tagen, „Sie alle haben in Varietees, Kabaretts etc. schon die berühmtesten Mimiker gesehen.

Weitere Informationen: Das Valentin-Karlstadt-Musäum im Internet.

Diese Mimiker waren immer bestrebt, Hoheiten, Fürstlichkeiten etc. mimisch darzustellen. Ich erlaube mir aber, Ihnen in dieser Sache eine vollständige Neuheit zu bringen, indem ich Ihnen nicht Fürstlichkeiten, sondern Leute aus dem Volke mimisch darstellen werde.“ Und dann tritt er auf – mal als Schreiner, mal als Konditor, mal als Hausbesitzer. Der Kapellmeister wirft ein: „Machen’s doch jetzt amal was richtig’s, eine richtige mimische Nummer! Vielleicht zum Beispiel König Ludwig II. – dann hab ich Respekt vor Ihrer Kunst!“

Gesagt, getan, Valentin erscheint als Ludwig II. Und am Schluss dann verspricht er den Leuten einen durchgebrannten Bankkassierer. Er verschwindet hinter der Bühne – und bleibt dort, „denn ein verschwundener Bankkassierer kommt nicht wieder“. Tusch, Applaus, ein Lacherfolg war Valentin wahrscheinlich sicher. Die Leiterin des Valentin- Karlstadt-Musäums in München, Sabine Rinberger, hat die Umstände des Auftritts in der Notzeit recherchiert.

Links: König Ludwig II. (re.) „im Jünglingsalter“, daneben sein Bruder Otto. Rechte Seite: Berge in rosa: Neuschwanstein war ein beliebtes Postkartenmotiv.

Demnächst erscheint die ganze Geschichte in dem neuen Katalog des Musäums. Leider ist kein Film des Ludwig-Auftritts überliefert, nur der Textzettel und ein einziges Foto. Zu identifizieren ist Karl Valentin darauf auch durch das charakteristische Ohrwaschel, das aus Ludwigs Haarschopf herauslugt. Valentin ist damals 33 Jahre alt, er ist schon ein versierter Volkssänger, der auf den Münchner Komiker-Bühnen Erfolge feiern konnte.

Ein Auftritt an den Schlachtfeldern Europas bleibt Valentin wegen seines Asthmaleidens erspart. Stattdessen übernimmt er 1915 zusammen mit Liesl Karlstadt die Direktion des „Kabaretts Wien-München“ im Hotel Wagner in der Sonnenstraße. Aus der Riege der Volkssänger ragt er bald heraus, er will mehr: einen abendfüllenden Valentin- Abend. Im Hotel Wagner gelingt ihm das. „Die Übernahme der Direktion im Kabarett Wien-München unterstrich die künstlerische Autarkie, die Valentin nun erreicht hatte“, betont Museumsleiterin Rinberger.

Bayern pur: Schloss Berg am Starnberger See.

In der Sonnenstraße reißt er seine Schoten über die damaligen Anfänge der Fliegerei, er ist mal verhinderter Jongleur, mal ein Blitzdichter, ein Rechenkünstler („Also Zahlen gibt’s viele auf der Welt“) oder Herkules. Ganz bekannt ist „Die Orchesterprobe“. Und dann preist er sich an manchen Abenden auch als „Original-Mimiker“ und verwandelt sich in Ludwig II. Warum gerade Ludwig II.? Warum nicht Ludwig I.? Oder Prinzregent Luitpold mit seinem charakteristischen Bart?

Dass sich Karl Valentin den großen Bayern-König zur Persiflage erwählte, zeugt von der schon damals großen Popularität Ludwigs, der eben alle anderen Herrscher überstrahlte. Wir wissen nicht, was Karl Valentin über Ludwig II. dachte, ob er die Mordtheorien teilte. Vermutlich war er kein unkritischer Schwärmer, aber die Idealisierung Ludwigs durch das Volk imponierte ihm sicherlich. Davon zeugen auch eine Reihe von Kitsch-Postkarten, die sich im Nachlass des „leidenschaftlichen Sammlers“ (Rinberger) fanden und die auf dieser Seite abgebildet sind.

„Um die Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert war das Schreiben und Sammeln von Ansichtskarten in Deutschland ganz groß in Mode, von der keine Gesellschaftsschicht unberührt blieb“, schreibt der Autor Marcus Spangenberg, der soeben ein ganzes Postkartenbuch mit zeitgenössischen Ludwig- Motiven herausgebracht hat (Edition Bunte Hunde, 12,90 Euro).

Letzter Gang: Ludwig und der böse Doktor Gudden.

Auch Karl Valentin fiel das auf. Er war ein „Chronist seiner Zeit“, sagt die Museumsleiterin. Er sammelte sowieso alles mögliche. Wie zum Beispiel Münchner Stadtansichten, sogenannte Stereoskope, zweidimensionale Abbildungen also. Angeblich gab es auch eine kleine pornografische Sammlung, die aber nicht erhalten geblieben ist. Und eben Ludwig- Postkarten. Aber durfte man das, durfte man damals Ludwig persiflieren? Noch war ja Bayern ein Königreich, noch galt Artikel 95 des Reichsstrafgesetzbuches, das die Majestätsbeleidigung auch in Bayern unter Strafe stellte. Offenbar aber ist Karl Valentin mit Ludwig sehr respektvoll umgegangen. Dass es auch anders geht, zeigt sein Umgang mit Kaiser Wilhelm II., der im selben Couplet demaskiert wurde. Karl Valentin parodierte ihn ganz brutal – indem er sich eine Gasmaske überzog.

VON DIRK WALTER

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Bilanz: Ein Historiker über Ludwig II. und seine Zeit.

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