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Das Haus der Becks neben der Kirche.

Katholiken verklagen evangelische Gemeinde

Der Glockenstreit vom Kirchweg

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Langquaid - Glockenstreit in Niederbayern. Eine katholische Familie klagt gegen die evangelische Kirche in der Nachbarschaft – weil die Glocke angeblich zu laut läutet. Der Pfarrer ist sauer.

Sandra Beck ist eine gläubige, niederbayerische Katholikin, wohnhaft in der schmucken Marktgemeinde Langquaid, in der über 5200 Menschen leben, davon 500 Protestanten. Die Ortsteile von Langquaid heißen Schicka, Stocka und sogar Stumpföd. Im Wappen der Gemeinde ist ein Heiliger abgebildet, der ausschaut wie Käpt’n Blaubär. So weit, so idyllisch. Doch in Langquaid brodelt es. Sandra Beck sagt: „Ich frage mich jeden Tag, warum mich der Herrgott so prüft.“ Und sie sagt: „Ich kann jedem in Deutschland empfehlen, keiner Glaubensgemeinschaft zu vertrauen.“ Verzweifelte Worte. Was ist denn hier los?

Sandra Beck und ihr Mann Robert. 

Sandra Beck wohnt mit ihrem Ehemann Robert und ihren Kindern im Evangelischen Kirchweg, was an sich noch kein Problem für die Katholikin darstellt, aber natürlich ist das der Auslöser, warum sie gestern vor dem Bayerischen Verwaltungsgerichtshof in München erschienen ist. Und warum massig Kamerateams, sogar welche aus Österreich, jeden Schritt von Sandra Beck und ihrem Mann filmten. Denn es ist so: Die Becks fühlen sich von der evangelischen Kirchenglocke belästigt. „Wir kommen in den gesundheitsgefährdenden Bereich“, sagte Sandra Beck. Und: „Ich will endlich wieder ohne Angst in meinem Haus leben können.“ Manchmal habe sie einen stechenden Schmerz im Kopf. Ihre Kinder, sagte sie, legen inzwischen ein „atypisches Verhalten“ an den Tag. Sie haben immer das Handy und Kopfhörer parat – um die Glocke im Bedarfsfall mit Musik überschallen zu können.

Glocke läutet dreimal am Tag

Die Glocke, um zu den Fakten zu kommen, läutet montags bis freitags um 7, 12 und um 18 Uhr. In der Früh 60 Sekunden lang, sonst 90 Sekunden. Seitdem das so ist, verzweifelt die Familie. Gebaut wurde der acht Meter hohe Glockenturm in dem Wohngebiet erst 2009, das Haus der Becks liegt 14 Meter davon entfernt. Schon seit den 1950er-Jahren treffen sich die Protestanten der Gemeinde in der Kirche neben den Becks, früher hieß das Gebäude Betsaal, weil es noch nicht geweiht war. Der Anwalt der Familie machte vor dem Verwaltungsgerichtshof klar, dass es um „nichts Ideologisches“ gehe. Dass hier nicht Katholiken gegen Protestanten prozessieren, sondern Nachbarn gegen Nachbarn. Aber wenn Glaube und Lärm aufeinandertreffen, dann wird es trotzdem ganz schnell kompliziert. Richter Rainer Schenk nannte den Fall gestern einen „Nachbarschaftskonflikt unter Christen“. Auch und gerade solche Konflikte werden mit harten Bandagen geführt.

Das Verwaltungsgericht Regensburg hatte die Klage der Familie abgewiesen, deswegen ging der schlagzeilenträchtige Glockenstreit jetzt nach München. Das Landratsamt Kelheim hat zuvor schon Lärmmessungen unternommen. Ergebnis: Die Lautstärke der Glocken, so Richter Schenk, „bewegt sich im herkömmlichen Rahmen, daran kann man nicht zweifeln“. Die Besonderheit des Falles ist, dass der Glockenturm erst nachträglich errichtet wurde. Das Glockenläuten muss in Deutschland von Nachbarn hingenommen werden, das gehört zur christlichen Tradition dieses Landes. So lautet die ständige Rechtsprechung. Deswegen ist es in einem bayerischen Dorf zwar erlaubt, in aller Herrgottsfrüh die Glocken zu läuten.

Ein Muezzin hätte es schwerer

Ein Muezzin, um ein Beispiel zu nennen, der zum Gebet ruft, hätte es da schwerer, einen besonderen rechtlichen Schutz zu erwirken. „Ich bin skeptisch, ob das tatsächlich dasselbe ist“, sagt auch Michael Mannhardt, katholischer Pfarrer und Glockenexperte. „Für mich transportiert eine Glocke eine sehr offene Botschaft. Ein Muezzin-Ruf ist verbal sehr deutlich“. Verboten sind Muezzin-Rufe an sich aber nicht. In einigen wenigen Kommunen wie in Düren in Nordrhein-Westfalen gehören sie zum Alltag. Es gibt Schätzungen, wonach in Deutschland 30 Moscheen diesen Gebetsruf nach außen haben.

Aber zurück nach Bayern. Auch der evangelische Pfarrer Uwe Biedermann ist gestern mit seinem Anwalt vor Gericht erschienen. Immer wieder schüttelte er den Kopf, wenn die Gegenseite zu Wort kam. „Wir sind, was die Dauer betrifft, an einer Grenze.“ Weniger Läuten will er keinesfalls. „Gegen unsere Überzeugung haben wir schon auf das Läuten am Samstag verzichtet.“ Und es sei auch nicht so, dass die Glocke nur für die Evangelischen läute, „sie läutet für alle Menschen im Ort“.

Gelächter im Gerichtssaal

Richter Schenk fragte: „Kann nicht die katholische Kirche für Sie mitläuten?“ Gelächter im Gerichtssaal. Der Vorschlag war natürlich nicht ernst gemeint. Aber er lockerte die angespannte Stimmung. Frau Beck warf ein, dass in der Kirche manchmal auch Yoga-Kurse der Volkshochschule stattfinden. „Als gläubige Christin frage ich mich schon: Erfüllt es dann noch seinen christlichen Zweck, wenn der Altar versteckt wird?“ Sie konnte sich auch den Seitenhieb nicht verkneifen, dass in der Gemeinde noch 350 aktive katholische Kirchgänger leben, aber der arme evangelische Pfarrer Biedermann bei seinen Predigten immer nur eine Handvoll Gläubige begrüßen kann. Gemeinheiten unter christlichen Nachbarn. Richter Schenk brachte das nicht aus dem Konzept. Mit Engelsgeduld redete er auf die Streithansl ein, sich doch bittschön gütlich zu einigen.

Und siehe da, nach vierstündiger Verhandlung war die Lösung, die wunderbar salomonische Lösung da: Der Pfarrer sorgt dafür, dass der Glockenturm schallisoliert wird. „Wir machen die Nordseite des Glockenturms dicht“, sagte er. Im Gegenzug darf er ab jetzt mittags und abends zwei Minuten zum Gebet läuten. Und sogar samstags. Am Ende der Verhandlung spielte er sogar mit dem Gedanken, Frau Beck schon bald einen Blumenstrauß zukommen zu lassen.

Nächstenliebe, das ist die Moral dieser Geschichte, ist nicht immer leicht, aber möglich. Manchmal braucht es weder evangelische Pfarrer, noch bekennende Katholiken, sondern bayerische Verwaltungsrichter, um die Menschen daran zu erinnern.

Einen Kommentar zum Glockengeläut von Merkur-Redakteurin Claudia Möllers lesen Sie hier.

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