Wie können Frauen sich besser vernetzen? Darüber diskutierten die Bürgermeisterinnen mit Helga Lukoschat (2. von rechts) einen Nachmittag lang im Bayerischen Landtag. Die Ideen will der Gemeindetag nun verwirklichen.

Das soll sich aber bald ändern

Miese Quote: Kaum Chefinnen in Bayerns Rathäusern

München - Weniger als zehn Prozent der bayerischen Bürgermeister sind weiblich. Auf einer Impulskonferenz trafen sich nun 75 Bürgermeisterinnen, um an Konzepten dagegen zu arbeiten.

Die Frauen, die hier sitzen, sind reich. Jede einzelne besitzt einen Schatz, den es in Bayern noch viel zu selten gibt. Sie alle sind Bürgermeisterinnen. „Das ist ein Erfahrungsschatz, den Sie teilen sollten“, sagt Dr. Jürgen Busse, Geschäftsführendes Präsidialmitglied vom Bayerischen Gemeindetag. Denn insgesamt gibt es nur 178 Bürgermeisterinnen in Bayern – bei 2056 Gemeinden sind das nicht einmal zehn Prozent. „Und leider kann ich nicht sagen, dass diese Quote sich verbessert. Deswegen haben wir gesagt: Wir müssen als Gemeindetag etwas tun“, erklärt Busse.

Er steht im Bayerischen Landtag, ein Hahn im Korb zwischen knapp 75 Frauen aus allen Parteien, allen bayerischen Landkreisen, bunt gemischt. Sie treffen sich an diesem Tag zu einer Impulskonferenz zum Thema „Frauen führen Kommunen“. Das Ziel: Lösungen finden für den Umstand, dass es zwar vornehmlich die Frauen sind, die sich in den Gemeinden ehrenamtlich engagieren – die Macht im Rathaus aber nach wie vor vermehrt die Männer haben.

Das, so betont Helga Lukoschat, liegt aber nicht unbedingt immer an den Herren. Viel zu oft sind es die Frauen, die den Weg an die Spitze scheuen. Nicht nur in der freien Wirtschaft, sondern auch bei den Bürgermeisterposten. Lukoschat ist Vorsitzende der Europäischen Akademie für Frauen in Politik und Wirtschaft Berlin, die sich mit Zielen, Aufgaben und Chancen für den weiblichen Führungsnachwuchs beschäftigt. Sie hat sich wissenschaftlich mit Frauen in Kommunen befasst. Und festgestellt: Männer und Frauen hängen nach wie vor in traditionellen Rollenmustern fest. „Natürlich haben wir qualifizierte Frauen. Aber Leitungspositionen, Führung – bei diesen Schlagworten denken wir automatisch an Männer. Männer und Macht hängen in unserer Kultur deutlicher zusammen.“

Das kann auch Gemeindetagsmitglied Busse bestätigen. „Wenn Sie einen Mann fragen, ob er Bürgermeister werden will, entscheidet er das in einer Woche. Bei einer Frau ist das in aller Regel ganz anders, weil sie sich dreimal überlegt, welche Risiken solch ein Job – auch für die Familie – hat. Da dauert solch eine Entscheidung schon einmal zwei Monate.“

Was also tun? Die Frauen stärken. Ihnen das Selbstbewusstsein geben, auch vom eigenen Partner zu fordern, ihr daheim den Rücken freizuhalten. Wie das geht? Darüber denken die Bürgermeisterinnen an diesem Nachmittag in Arbeitsgruppen nach.

Ein Schlagwort fällt immer wieder: „Frauen sprechen eine andere Sprache als Männer.“ Und darum wünschen sie sich beispielsweise regelmäßige Coachings, bei denen sie geschult werden; in Verhandlungsführung zum Beispiel. Busse nimmt diese Anregung gern auf. Der Gemeindetag bietet bereits jetzt Schulungen an, zu Themen wie Baurecht, Erschließungsbeitragssenkung und all den anderen Bürokratie-Monstern, mit denen sich Rathaus-Chefs befassen müssen. „Diese Coachings werden wir weiterhin gemeinsam für Männer und Frauen machen. Aber wenn es um die weichen Themen geht, um das Zwischenmenschliche, da wünschen sich Frauen eigene Seminare“, hält er ein Ergebnis des produktiven Nachmittags fest.

Frauen müssen besser "Netzwerken"

Ein weiterer Punkt: Netzwerke aufbauen. Denn was Männer oft wie selbstverständlich haben, durch Stammtische oder Schützenvereine, das fehlt den Frauen allzu häufig – ein Unterstützungstrupp, der für sie wirbt. Und selbst wenn Frauen in einer Partei organisiert sind, werden sie selten bei den Wahlen aufgestellt. „Das Nominierungsverhalten der Parteien ist schwierig: Meist werden Frauen erst dann nominiert, wenn Not am Mann ist, oder wenn die Parteimitglieder ohnehin nicht mit einem Sieg rechnen“, ärgert sich Wissenschaftlerin Lukoschat. Ihr Appell: Die Frauen sollten sich selbst mehr vernetzen, für sich Werbung betreiben, selbstbewusst Posten fordern. Dafür möchten sich die 75 Damen, die an diesem Nachmittag so freudig miteinander diskutieren, stark machen. Künftig solle es einmal im Jahr einen solchen Austausch zwischen den Kolleginnen geben; nicht immer in München, sondern auch in den verschiedenen Regionen. Busse zeigt sich begeistert: „Der Tag heute war eine erste Kontaktaufnahme. Nun ist es leichter, aufeinander zuzugehen und auch einmal um Rat zu fragen. Wir werden ein Netzwerk aufbauen, es geht was voran.“

Denn letztlich haben all die reichen Damen eine Verantwortung: ihren Erfahrungsschatz weiterzugeben. „Bitte verschwinden Sie nicht eines Tages in den Ruhestand, ohne das Wissen mit anderen Frauen geteilt zu haben“, bittet Busse. Nur so können neue Frauen gewonnen werden. Und Bayerns Rathäuser weiblicher werden.

Katja Kraft

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