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Menschen ertrinken und niemand darf retten: Dieses Bild hat ein Beobachtungsflugzeug aufgenommen und einen Notruf abgesetzt. Das Schlauboot sank bereits. Aktuell dürfen keine Rettungsschiffe ins Mittelmeer starten.

Nach Verbot für Auslaufen des See-Eye-Schiffs 

„Kein Mensch darf einfach verschwinden“ - Ex-Chirurg mit Segelboot im Rettungseinsatz

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Als Unfall-Chirurg hat Tilman Mischkowsky im OP um das Leben von Menschen gekämpft. Seit der 76-jährige Kemptner im Ruhestand ist, kämpft er für die Menschen, die auf dem Mittelmeer in Lebensgefahr sind.

Regensburg/Kempten – Er ist Vorstand der Regensburger Hilfsorganisation Sea-Eye. Ihr Schiff ist wie die der anderen Rettungsorganisationen festgesetzt. Mischkowsky kann den Gedanken nicht mehr ertragen, dass vor Libyen täglich Menschen ertrinken. Er startet nun mit einem eigenen Segelschiff ins Einsatzgebiet – um öffentlich zu machen, was dort passiert.

Wenn Sie die Nachrichten über die Lage vor Libyens Küste hören, was geht Ihnen durch den Kopf?

Das ist eine Katastrophe. Wir haben eine hochmotivierte Crew, wir haben bestens ausgestattete Schiffe – und wir können nicht auslaufen. Wir sind an Land gefesselt und auf dem Mittelmeer ertrinken jeden Tag Menschen.

Gegner der Seenotrettung argumentieren, weniger Menschen würden die gefährliche Flucht über das Mittelmeer wagen, wenn weniger Rettungsschiffe dort sind.

Das ist Unsinn. Die Menschen gehen auch nicht mit schlechten Schuhen in die Berge, weil sie sich darauf verlassen, dass die Bergwacht sie rettet. Wir wissen aus der Vergangenheit, dass dieses Argument ständig widerlegt worden ist. Die Menschen flüchten nicht über das Mittelmeer, weil wir dort sind – sondern weil sie es unerträglich finden, in ihrem Heimatländern oder Libyen zu bleiben. Außerdem sind sie ja wochenlang unterwegs, bis sie die libysche Küste erreichen. Sie drehen nicht plötzlich um, weil sie hören, dass keine Rettungsschiffe mehr auf dem Meer sind.

„Die europäischen Staaten hängen einen Vorhang vor das Mittelmeer“

Wie kann ermittelt werden, ob weniger Menschen ertrinken, wenn niemand mehr vor Ort ist?

Inzwischen wissen wir, dass jeder Fünfte, der sich auf die Flucht begibt, im Mittelmeer ertrinkt. Objektive Zahlen hat aktuell aber niemand. Die europäischen Staaten hängen einen Vorhang vor das Mittelmeer – keiner weiß gerade, was dahinter passiert.

Als die Seefuchs im Juni im Hafen von Malta festgesetzt wurde, hat Sea-Eye angekündigt, so schnell wie möglich wieder auslaufen zu wollen. Woran scheitert es im Moment?

Die Seefuchs wird nicht mehr auslaufen dürfen zur Rettung. Auch die Sea-Eye dürfen wir nicht mehr einsetzen. Aber wir sind dabei, ein größeres Schiff zu erwerben, das unter deutscher Flagge auslaufen wird. Die bürokratischen Hürden sind aber enorm. Wir versuchen seit neun Wochen, dieses Schiff endlich auf die Reise zu schicken – aber es ist noch immer nicht absehbar, wann das möglich sein wird.

Sie wollen nicht länger warten. Was ist Ihr Plan?

Mir reicht es jetzt! Um weiter helfen zu können, müssen wir uns an unseren Gründungsgedanken erinnern. Neben der Seenotrettung gehört es zu den Aufgaben von Sea-Eye, die Öffentlichkeit zu informieren. Menschen dürfen nicht einfach verschwinden. Ich werde als Privatperson ein geeignetes Schiff kaufen, gefunden habe ich es bereits. Es wird aber eine andere Funktion haben. Wie uns geht es allen anderen NGOs auch, sie sind an Land gefesselt. Obwohl sie Spender, motivierte Crews und gut ausgestattete Schiffe haben. Wir wollen uns von der Politik nicht mehr behindern lassen. Deshalb werden wir neben der „Sea-Eye 2“ ein Segelschiff privat betreiben. Ich werde das organisatorisch unter meine Ägide nehmen und den Missionsstart finanzieren. Ich bin sicher, dass es mir gelingt in den nächsten zwei Wochen ins Mittelmeer zu starten, um den Menschen zu zeigen, was dort gerade Grauenhaftes passiert.

Wieso ist es als Privatperson leichter?

Für ein Segelschiff bekommt man leichter eine deutsche Flagge. Außerdem ist das Schiff so klein, dass wir nicht retten können. Wir würden uns und die Geretteten damit in Gefahr bringen. Wir fahren dorthin, um zu sichten, Notrufe abzusetzen und zu dokumentieren, welche Schweinereien sowohl seerechtlich als auch nach internationalen Gesetzen dort passieren. Wir wollen das Auge der Welt im Mittelmeer sein.

Im schlimmsten Fall müssten Sie dabei zusehen, dass Menschen vor Ihren Augen ertrinken?

Ja. Aber wir haben in großer Zahl Rettungsinseln und Schwimmwesten an Bord, um die Erstüberlebensphase sicherzustellen. Aber wir können definitiv keine größere Zahl Menschen an Bord nehmen. Es ist eine ganz andere Art Mission als bisher.

Wie gut können Sie einschätzen, was Sie aktuell vor der libyschen Küste erwarten wird?

Mein letzter Rettungseinsatz liegt zweieinhalb Jahre zurück. Die Situation hat sich seitdem enorm verändert. Es ist eine Fahrt ins Ungewisse – vor allem, weil wir nicht einschätzen können, wer uns unterstützen wird. Die italienischen Behörden haben sich weitgehend von der Seenotrettung zurückgezogen. Sie verweisen auf die libysche sogenannte Küstenwache.

Wann ist Ihre Mission erfolgreich?

Wenn wir ein massives öffentliches Echo finden, auf das Europa reagieren muss.

Sie nennen Ihr Projekt „Mission Bavaria One“ – Markus Söder hat sein Raumfahrtprogramm genauso genannt. Ist das eine Provokation?

Ja! Das machen wir ganz bewusst. Wir müssen über das Sterben vor unseren Grenzen reden – nicht über den Mars.

Interview: Katrin Woitsch

Mehr Infos zu dem Projekt unter www.Mission-Bavaria-One.de

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