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Umgeben vom katholischen Idyll: Schützenkönig Dirk Winter (r.) und sein Partner mit anderen Paaren.

Kein Platz für schwule Schützenkönige?

München - Katholisch, konservativ, intolerant. Ein Schützenbund in Nordrhein-Westfalen hat beschlossen, dass sich homosexuelle Königspaare bei öffentlichen Anlässen nicht als solche zeigen dürfen. Man sei an die kirchliche Tradition gebunden. In Bayern schütteln nicht nur Schützen den Kopf.

Das Votum ist erschreckend eindeutig. Nur 28 Hände gehen hoch, als der Bund der Deutschen Historischen Schützenbruderschaften (BDHS) bei seinem Verbandstreffen in Leverkusen darüber abstimmt, ob es das geben darf: ein homosexuelles Königspaar an der Spitze eines katholischen Schützenumzugs. 28 Mutige, denen eine überwältigende Mehrheit von 450 Stimmberechtigten gegenübersteht. Sie handeln nach dem Motto: Soll schwul sein, wer will – aber bitte nicht unter unseren Augen.

Genau das war nämlich im Sommer des vergangenen Jahres passiert. Der Münsteraner Dirk Winter wurde Schützenkönig in seiner Bruderschaft und wählte seinen Lebenspartner als „Königin“. Unter den Vereinen, die mit 400 000 Mitgliedern in den fünf katholischen Bistümern in Nordrhein-Westfalen und im Bistum Trier aktiv sind, löste das einen Eklat aus. Kameraden aus Münster und Paderborn riefen dazu auf, homosexuelle Schützenpaare ganz zu verbieten. Das Idyll war gestört. Der Tenor bei vielen: Lieber hätte sich Winter ein Alibi-Mädl aus dem Verein nehmen sollen. Immerhin gehe es auch darum, die traditionelle Verbindung von Mann und Frau zu verkörpern.

Hans Lehrer nennt das den „heiligen Schein“. Der Münchner, der einst im Bayerischen Trachtenverband aktiv war und nach seinem Outing alle Ämter niederlegte, kennt den Ruch, der, wie er sagt, oft in solchen Vereinen herrsche: „Was nicht christlich ist, wird unter den Teppich gekehrt. Ein Armutszeugnis für die Schützen.“

Nicht ganz so drastisch, aber ähnlich entschieden drückt sich einer aus, der qua Amt eigentlich auf der anderen Seite steht. Wolfgang Kink ist Landesschützenmeister des Bayerischen Sportschützenbunds (BSSB). Schon im vergangenen Sommer hat er von dem Fall des Münsteraner Schützen gehört. Nur kurz sei dies Thema im Vorstand gewesen, sagt er. „Aber jeder hat gemeint, dass das bei uns kein Problem ist. Das bayerische Schützenwesen ist geprägt von Toleranz und Gemeinsinn.“ Der Verband, dem Kink vorsteht, hat 480 000 Mitglieder. Dass darunter auch Homosexuelle sind, ist für ihn Normalität. Ebenso, „dass sie bei uns mitmachen“. Deutliche Sätze, die nicht allen liegen. Josef Ambacher etwa, Präsident des Deutschen Schützenbunds (DSB), wollte hierzu keine Stellung nehmen.

Kinks Wort aber zählt – und trifft beim Lesben- und Schwulenverband (LSVD) Bayern auf offene Ohren. Gleichzeitig wundert sich Markus Sieber, Mitglied im Landesvorstand, über das klare Votum in Leverkusen. „Dass man das in der heutigen Zeit noch diskutieren muss, ist erschreckend.“ Erklären kann er es sich nur durch „eine Art Gruppendynamik“, die auch zeige, wo „die Meinungsmacher eines solchen Vereins hinwollen“.

Zwar setzten er und der LSVD grundsätzlich auf Dialog. Allerdings müsse man „auch überlegen, ob das Ganze juristisch haltbar ist“. Schließlich gelte auch für die Schützenbruderschaft das Antidiskriminierungsrecht. „Der Landesverband wird sich des Themas annehmen. Aber wir wollen keine Schnellschüsse“, sagt Sieber.

Für Hans Lehrer zählt vor allem eines: „Rückgrat bewahren und alles öffentlich machen“, um Vorurteile abzubauen. Winter dagegen schloss am Ende einen Kompromiss mit dem Verband. Beim Schützenumzug lief sein Königsgemahl hinter, statt wie üblich neben ihm.

Marcus Mäckler

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