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Auf dem Weg zur Justizvolzugsanstalt: Die Rentnerin hat ihre Tüten und einen Koffer dabei.

Wir haben sie begleitet

Keine Gnade für Langfinger-Oma Ingrid: 84-Jährige auf ihrem Weg ins Gefängnis

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Nur 137 Euro im Monat hat die 84-Jährige Ingrid Millgramm zum Leben. Sie klaut wiederholt Waren im Gesamtwert von rund 70 Euro. Das Gericht kennt keine Gnade: Oma Ingrid muss für drei Monate ins Gefängnis.

Memmingen - Mitten in der Nacht wacht Ingrid Millgramm auf. 4 Uhr zeigt der Wecker, doch sie kann nicht mehr schlafen. Heute ist also der Tag, an dem sie für drei Monate ins Gefängnis muss, nachdem sie aus der Not heraus Ladendiebstähle begangen hatte. Es waren keine Luxusgüter, die Oma Ingrid im Supermarkt hatte mitgehen lassen. Lebensmittel, eine Creme „und nur Waren, die bereits reduziert waren“. Fünfmal wurde sie beim Klauen in Supermärkten erwischt, der Warenwert betrug insgesamt 70,11 Euro. Es folgte eine Geldstrafe, die sie aber einfach nicht von ihrer schmalen Rente bezahlen konnte – sowie zwei Bewährungsstrafen. Während der Bewährung wurde sie erneut erwischt – mit fatalen Folgen. 

Ihr Haftantritt ist vorbereitet: Die Pflanzen stehen in der Badewanne, Ingrid hat noch mal durchgesaugt, die Papiere, darunter die Ladung der Staatsanwaltschaft, sind griffbereit. „Soll ich noch das Telefon ausstecken?“ Ein Blick durch die Räume, zu den Fotos an der Wand, die Bergpanoramen zeigen, zu den schwarz-weißen Porträts, darunter ihr verstorbener Karl-Heinz. Ingrid wirkt auch innerlich aufgeräumt, allerdings ist der schwarze Rollkoffer schwer. „Da werden sie mir bestimmt einige Sachen abnehmen in der JVA.“

Ingrid Millgramm im Bad: In der Wanne die Pflanzen. Sie hofft, dass sie während der Haft nicht eingehen.

Bis 15 Uhr muss sie dort sein in Memmingen, gleich hinterm Bahnhof. Ingrid will jetzt alles schnell hinter sich bringen, wie eine Sache halt, die sich nicht mehr aufschieben lässt. Lieber ein Ende mit Schrecken. „Ich habe keine Ahnung, was mich erwartet, aber nervös bin ich eigentlich nicht“, sagt sie, und zupft noch mal am Rock. Adrett gekleidet wie immer, die frühere Schneiderin, die aus Wuppertal stammt. Ihr Kostüm, das so gar nicht zu ihrer finanziellen Notlage passen mag, ist dabei auch ein Festhalten an ein früheres, besseres Leben an der Seite ihres Mannes Karl-Heinz. Der besaß ein Reformhaus. Dem Paar ging es gut, bis zum Jahr 2001. Damals starb ihr Mann an Darmkrebs. Und dann kamen die Terroranschläge vom 11. September und der Börsencrash – ihr Mann hatte alle Ersparnisse in den USA in Fonds angelegt. Nach dem Terror war von 190 000 Euro in Aktien nicht mehr viel übrig. Ingrid Millgramm stand völlig alleine da mit ihrer kleinen Rente als Schneiderin. Sie erhält eine Grundsicherung, aber wenn sie alles durchrechnet, mit Abzügen, „bleiben mir 137 Euro zum Leben“.

Eine JVA-Mitarbeiterin begleitet Ingrid Millgramm zum Frauentrakt.

Niemand ist zum Abschied gekommen, bei der Nachbarin bellt nur der Hund. Wer soll auch kommen? Die Rentnerin hat zwar zwei Töchter aus erster Ehe. Aber beide sind um die 60, mit der jüngeren hatte sie zum letzten Mal vor fünf Jahren Kontakt. „Heute weiß ich nach deren Heirat nicht einmal, wie sie heißt.“ Bevor es auf die A 96 geht, muss sie noch schnell in die Apotheke. Mit einer großen Tüte kommt sie zurück. Tabletten und Pillen in Großpackungen, darunter Herzmittel. Auch wenn die Rentnerin es sich nicht ansehen lässt – sie ist gesundheitlich angeschlagen. Keine Dreiviertelstunde dauert die Fahrt zur JVA.

Kurt Theobald (rechts neben Ingrid Millgramm) wollte mit 3000 Euro in bar die Haft für die 84-Jährige noch abwenden.

Vor dem Trakt wartet eine Familie aus Rheinland-Pfalz. Vater Kurt Theobald aus Neustadt an der Weinstraße hat vom Schicksal der 84-Jährigen gelesen und war noch in der Nacht ins Allgäu gefahren. „Das lässt mir keine Ruhe“, sagt der Versicherungsmakler. 3000 Euro in bar hat er dabei. Mit der Summe will er die Haftstrafe für die alte Dame noch abwenden. Doch mit Geld lässt sich keine Freiheit erkaufen. Das Urteil ist längst gefallen. Ingrid Millgramm weiß auch, dass sie gestohlen hat, sie erwartet keine Barmherzigkeit. „Wissen Sie“, sagt sie, „ich habe in meinem Leben schon so viel Schlechtes erlebt. Da macht mir die Haft nichts aus.“

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