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Fitness-Check für den Winter: Gemeindemitarbeiter Franz Kriner (l.) und Service-Monteur Bernhard Kafl von der Firma Kässbohrer richten den Pistenbully von Krün für die Wintersaison her.

"Bayern und seine Menschen"

Unser Autor reist 200 Kilometer durch die Heimat

München - Zum Jubiläum unserer Doppelseite „Bayern & seine Menschen" sind wir durch Oberbayern gefahren, 200 Kilometer. Wir haben verrückte und traurige Dinge erlebt. Welche, das lesen Sie hier. Erster Reise-Teil: von Krün nach Gmund.

Die wilde Fahrt durch Oberbayern, die Tour dahoam, sie beginnt mit dem Bayerischen Defiliermarsch. Bayerns heimliche Nationalhymne scheppert aus Franz Kriners Handy. Der pure Zufall, Hand aufs Herz. „Dann kimm her“, knarzt Kriner, 50, ins Telefon. „I bin beim Pistenbully.“ Es ist 9 Uhr und wir sind in Krün, 1930 Einwohner, Werdenfelser Land, bis zur österreichischen Grenze ist es ein Katzensprung. Die Sonne scheint, die Berge funkeln. 200 Kilometer wollen wir mit dem Auto durch Oberbayern fahren. Anhalten, Menschen treffen und Bayern in die Seele schauen. Das ist der Plan.

Krün, Wallgau, Walchensee, Kochel, Benediktbeuern, Bad Heilbrunn, Bad Tölz, Gmund, das ist der erste Teil der Route. Los geht’s!

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Unsere Zufallsbekanntschaft Nr. 1: jener Franz Kriner, Pistenbullyfahrer und ein liebenswerter Grantler, der in einer staubigen, blauen Arbeitshose steckt. Er richtet grad den roten Pistenbully, der der Gemeinde gehört. Kostet über 100 000 Euro, so ein Gefährt. Kriner muss ihn warten, der Winter naht. Und wenn der Winter erstmal da ist, dann muss er ihn fahren. 60 Kilometer Loipe haben sie hier. Und nur einen Kriner Franz. Unsere Reise soll eine Reise werden zu den Menschen, die dieses Land im Innersten zusammenhalten. Den stillen Helden des Alltags. Menschen wie Franz Kriner. Bei Schnee steht er um 3 Uhr in der Früh auf. Loipenmachen. Einer der wichtigsten Jobs in diesem Ort. Ohne Kriner kein Krün, was nur ein bisschen übertrieben ist.

Zum Abschied verrät er uns noch ein Geheimnis: „Des derfst glauben, dass des vorher der Defiliermarsch war.“ Was denn sonst. Viva Bavaria. Willkommen im Herzen Bayerns. Hier, wo die stolzen, heimatverbundenen Menschen wohnen. Servus, Franz! Wir müssen weiter.

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Nächste Station: Wallgau. 866 Meter über dem Meer. Heimat von Magdalena Neuner. Lüftlmalereien an jedem dritten Haus, sogar an der Sparkasse steht in Schnörkelschrift: „Sparkasse“. Was direkt einladend ausschaut. Da will man auf der Stelle einen Bausparer abschließen. Ein Dorf wie aus einem Heimatfilm geplumpst. Fast zu schön, um wahr zu sein. Das Reisebüro heißt „Ferienglück“. Aber wer zum Himmel will hier weg? Freitags, 19 Uhr, ist „Luftgewehrschießen für Gäste“; im Wirtshaus gibt’s die Grillplatte „Balkan Art“ für 13,90 Euro, Toast Hawaii kostet 6,50 Euro.

In Bayern dahoam, in der Welt zu Hause. Im nächsten Leben als Wallgauer geboren zu werden – einer der beliebtesten Wünsche an den lieben Gott.

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200 Kilometer Heimat: Die Reise in Bildern

200 Kilometer Heimat: Die Reise in Bildern

Manchmal sagen sie „Volldepp“ zu ihm, manchmal „Rindviech“, weil sie nicht bezahlen wollen. Manchmal noch Schlimmeres. Paul Reindl antwortet in solchen Fällen immer gleich: „Ich wünsche ihnen eine gute Fahrt.“

Dieser Paul Reindl, 48, hat einen erstaunlichen, ziemlich einzigartigen Beruf: Er arbeitet an einer innerbayerischen Mautstelle. Gleich hinter Wallgau beginnt eine 13 Kilometer lange Privatstraße, die den Bayerischen Staatsforsten gehört und sich am Walchensee entlangschlängelt. Preis pro Durchfahrt Richtung Jachenau: Autos vier Euro, Wohnwagen und Busse über acht Sitzplätze sieben Euro. „An manchen Tagen“, sagt Paul Reindl, „kommen grad mal 20 Fahrzeuge.“ Dann sitzt er in seinem kleinen Mauthäuschen, neben dem warmen Ofen, und schnitzt Edelweiß aus Eschenholz. Hat er sich selber beigebracht. Es entstehen kleine Holzblumen-Meisterwerke, die er an Freunde und liebe Menschen verkauft.

Seit 15 Jahren arbeitet er hier, Dienstbeginn 7 Uhr. Wer als nächstes „Rindviech“ zu diesem stillen, sympathischen Mann sagt, soll auf der Stelle vom Seeungeheuer gefressen werden, hoffentlich gibt’s so was für solche Fälle nebenan im Walchensee. Aber manchmal ist Mauthäuschen-Wärter auch Stress. Es gibt Sommertage, da kommen 2000 Autos. Nachteil: Der See ist dicht. Vorteil: An diesen Tagen findet man in Schwabing endlich mal einen Parkplatz. Sind ja alle am Walchensee.

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Es gibt drei Dinge, die man nie verraten sollte. Schwammerlplätze. Die Anzahl der Schnäpse, die man schon mal getrunken hat. Sein Lieblingscafé – weil sonst alle kommen. Heute: Ausnahme. Eines der schönstgelegenen Cafés unterm weiß-blauen Himmel liegt am Ufer des Walchensees, nur ein paar Minuten von Reindls Mautstraße entfernt. Es heißt Strandcafé Bucherer. „Ein wunderbarer Platz“, sagt Julia Schuster, die Chefin.

An manchen Tagen backen sie hier 40 Kuchen selber und sind trotzdem um 17 Uhr ausverkauft. Manchmal kommt fast keiner. Reines Saisongeschäft. Julia führt das Café zusammen mit ihrem Mann Cajus, den viele als Rapper der Hip-Hop-Band Blumentopf kennen. Einer seiner neueren Songs heißt „Schwarzes Gold“ und ist das Bekenntnis eines Kaffeesüchtigen. Der Text geht so: „Ich kann die Zukunft lesen aus meinem Kaffeesatz/ Und da steht drin, dass ich mir gleich noch ’ne Tasse mach/ Nenn mich Rocky Macchiato oder Al CaBohne/ Nenn’ mich Haferschorsch, denn ich pack’s nicht ohne.“ Warum auch verzichten. Gibt’s was Schöneres als einen Cappuccino im Café Bucherer? Ja, zwei Cappuccino, danach eine Himbeertorte. Und dann noch zwei Helle.

Seit 90 Jahren gibt es dieses Café am See jetzt schon. Norma Werner hat miterlebt, wie es aufgebaut wurde. Später hat sie es übernommen – und bis in ihr 92. Lebensjahr geführt. Inzwischen ist Norma Werner 103 – jeden Nachmittag kommt die Dame zu Besuch. „Das ist ihr täglicher Spaziergang“, sagt Julia Schuster. Norma Werner trinkt immer eine Tasse Kaffee. Schwarzes Gold wirkt. Heimat wirkt.

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Es soll einige Menschen in diesem Freistaat geben, die ihn sich auf den Rücken tätowiert haben. Alles schon gesehen. Gemeint ist der Schmied von Kochel, dieser bayerische Volksheld, dessen gewaltiges Denkmal in der Dorfmitte von Kochel steht. Der Schmied, so die Legende, hat gegen die Türken in Wien gekämpft und war 1705 der Anführer des Bauernaufstandes, der in der Sendlinger Mordnacht gipfelte. Er wollte Bayern von den Österreichern befreien, doch er starb den Heldentod. Auch so was gehört zu so einer Reise: Blut und Geschichte.

Auf dem Weg über den Kesselberg nach Kochel ist uns ein Lkw entgegengekommen, Miesbacher Kennzeichen, im Fahrerhaus eine metergroße Fahne mit Ludwig II. drauf. Bayern ist ein allgegenwärtiges Land. Mehr noch: ein Gefühl. Alle paar Meter trifft man auf den Kini, den Defiliermarsch, eine bayerische Rautenflagge, einen Metzger, der Wammerl verkauft, und ein Mordstrumm Supermarkt am Ortsausgang. Eigentlich ist es unmöglich, sich in Oberbayern aufzuhalten, ohne zu merken, dass man in Oberbayern ist. Auch so ein Geheimnis dieses Landstrichs.

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Nächste Station: Benediktbeuern, die Gemeinde mit dem Kloster. Kennt jeder. Martin Bichlmeier steht in der Basilika und zündet Kerzen an. Er ist 2. Mesner, und gleich ist eine Beerdigung. 45 Minuten braucht er, um die Kirche herzurichten. Ein Mitarbeiter der Bestattungsfirma kommt rein. „I dad den Sarg gern herbringa. Könna Sie helfn?“ Martin Bichlmeier sagt: „Ich bin schon am Fliegen.“ Er ist ein Meister der letzten Ehre.

In der Basilika gibt’s zudem ein einzigartiges Angebot: Man kann direkt an den Herrgott schreiben. Ein dickes Buch und ein Kuli liegen bereit. „Liber Got, Ich habe einen Wunsch an dich das Oma und Opa noch lange leben. Dein Elias.“ So steht es da zum Beispiel in krakeliger Kinderschrift. Hier ist Glaube noch heilig. Seit neun Jahren macht Bichlmeier die Arbeit jetzt. Aber warum? „Des Miteinand, des is’ des Geheimnis.“ Miteinander bis zum Letzten. Gemütlichkeit, Geselligkeit und Glaube – das sind die drei bayerischen G. Lediglich zwei von ihnen spielen sich im Wirtshaus ab. Sag’ noch einer, da würde ein richtiger Bayer sein halbes Leben verbringen. Glattes Vorurteil. Wenn’s drauf ankommt, geht er auch in die Kirche.

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Weiter nach Bad Heilbrunn, an Bichl vorbei, dann die B 472 entlang. Ein geschichtsträchtiger Ort. Im Sommer 1659 verbringt Kurfürstin Henriette Adelheid von Bayern hier eine sechswöchige Kur. Grund: anhaltende Kinderlosigkeit. Die Heilquellen sollen für einen Thronfolger sorgen.

Und was soll man sagen: hat hingehauen. Das Bad Heilbrunner Wasser hat Bayerns Geschichte entscheidend geprägt. Allein deswegen sollte man einmal im Leben herkommen. Am 11. Juli 1662 bringt die Kurfürstin Sohn Max Emanuel zur Welt. Damals ist die prachtvolle Heilbad-Welt noch in Ordnung, heute steht ein gigantisches Kurhotel in der Ortsmitte – das Gebäude ist mit Graffiti verschmiert und unbewohnt. Am Haus hängen Schilder. „Dem toten Ortskern zum Gedenken“ steht darauf. Sehr traurig. Dagegen hilft kein Heilwasser.

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Kurz vor der Blombergbahn dann eine Sensation – die „Pension Nirwana“ gleich an der Bundesstraße. Man kann hier sogar übernachten. Wirt Walter Schüller, 75, schneidet gerade Blumen zurecht. Er sagt: „Pension Nirwana? Werd’ ich oft gefragt, warum das so heißt.“ Aber Schüller ist vorbereitet: Er holt einen Zettel. Denn solle man mal lesen, sagt er. Machen wir gerne. Ergebnis: Die Pension heißt so, weil Schüllers Großvater Max Gattermann, ein niederbayerischer Postinspektor, das Haus vor fast 100 Jahren so getauft hat.

Die Einheimischen haben damals einen Bogen um das Gebäude gemacht. Da drin, hieß es, spukt’s. Zwei alte Damen lebten hier. Eine starb, sie lag tot im Treppenhaus. Das hat den Menschen Angst gemacht. Aber nicht dem belesenen Max Gattermann, den die Einheimischen schon bald den „Philosophenbauer“ nennen. Er sieht das idyllische Anwesen zum ersten Mal – und ruft: „Hier ist mein Nirwana.“ Herrlich.

Jetzt haben wir den endgültigen Beweis dafür, dass selbst das Nirwana in Oberbayern liegt. Haben wir uns eigentlich schon lange gedacht.

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Auf nach Bad Tölz. Hier ist es wunderschön. Hier haben sie einen berühmten Bullen. Weiß jeder. Aber manchmal ist Tölz auch sonderbar. Mitten in der Innenstadt stehen wir plötzlich vor einem Frisörsalon – er bietet energetische Transformations-Haarschnitte an. Zudem Lichtkosmetik. Man steht ratlos davor. Manchmal spinnen sogar die Bayern. Schnell weiter.

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Letzte Station des Tages: Gmund am Tegernsee, den neidische Zungen Lago di Bonzo nennen. Wir halten am mobilen Hendlstand, der von Weitem leuchtet. Davor: eine lange Schlange. Menschen steigen aus sündteuren Autos. Hendlverkäufer Cengiz Çinar sagt: „Gmund ist gut, viel Stammkundschaft.“ Das halbe Hendl kostet 3,50 Euro. Jeden Tag außer Sonntag arbeitet er hier. Gmund liebt Mitnehm-Giggerl. Lustig. Aber grad gut, dass einen selbst die Heimat immer wieder überrascht. Über 100 Kilometer liegen noch vor uns. Schau ma moi, was noch so passiert.

Stefan Sessler

(mit Bildern von Klaus Haag)

Teil 2 der Geschichte

erscheint am Samstag, 15. November, in der Printausgabe und zeitnah auch online

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