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Seit 19 Jahren vermisst: Sonja Engelbrecht ist als 19-Jährige verschwunden – bis heute gibt es keine Spur von ihr.

Wo ist Sonja?

"Tag der vermissten Kinder": Hilfe durch neue Medien

München - Hunderte Kinder werden jeden Tag als vermisst gemeldet. Meist tauchen sie bald wieder auf. Bleiben sie länger weg, schweben sie häufig in Gefahr. Dann muss es schnell gehen. Neue Medien sollen helfen.

Sonja Engelbrecht fühlt sich beobachtet. Es ist nachts, sie steht allein am Stiglmaierplatz in München, gerade kommt sie von einer Party in Schwabing. Sonja ist 19, hat lange, blonde Haare, bis zwei Uhr früh hat sie in der Wohnung von Bekannten gefeiert. Ihr Schulfreund Robert hat sie hierher begleitet und ist dann in eine Tram gestiegen. Weil das Geld fürs Taxi nicht reicht, will sie ihre Schwester aus einer Telefonzelle anrufen. Dazu kommt es nicht mehr. 19 Jahre ist das her – seit jener Nacht hat niemand mehr etwas von Sonja Engelbrecht gehört.

Sonja Engelbrecht

Es gibt viele solcher Fälle. Zu viele. Der „Tag der vermissten Kinder“ an diesem Sonntag will an sie erinnern. Auf knapp 2800 Info-Screens werden bundesweit Bilder von Vermissten aus der ganzen Welt gezeigt. Auch Sonjas Foto wird als digitales Plakat aufleuchten.

Die Aktion heißt „Vermisst – aber nicht vergessen“ und wird von der Hamburger Initiative Vermisste Kinder organisiert. 100.000 Menschen werden jedes Jahr vermisst. Das ist so, als wäre ganz Erlangen leergefegt. „Die allermeisten Fälle klären sich innerhalb der ersten Stunden oder Tage“, sagt Lars Bruhns. Er leitet die Initiative Vermisste Kinder. Viele Kinder oder Jugendliche tauchen nach kurzer Zeit wieder auf. Andere bleiben noch nach Jahren oder Jahrzehnten verschwunden. Wie Peggy Knobloch aus Lichtenberg.

Aktuell sucht die Polizei in Deutschland nach rund 2300 Kindern und Jugendlichen – egal ob Ausreißer oder Langzeitvermisste. Tag für Tag werden 200 neue Vermisste gemeldet, doch ebenso viele tauchen jeden Tag auch wieder auf. In Bayern wird nach 113 Kindern und 144 Jugendlichen gesucht, die schon lange unauffindbar sind. „Die Zahl erscheint hoch“, sagt ein Sprecher des Bayerischen Landeskriminalamts. „Dazu zählen jedoch auch Unglücksfälle, bei denen die Leiche nicht gefunden wurde oder sogenannte Kindesentziehungen.“ Bei diesen verschleppt meist ein Elternteil seine minderjährigen Kinder ins Ausland. „Man weiß zwar, wo das Kind ist, kann aber nichts machen, weil Kindesentziehung in seinem Heimatland nicht strafbar ist.“ Den Behörden fehlt die rechtliche Handhabe.

Weltweit sucht die Initiative Vermisste Kinder seit 1997 nach Verschollenen – über das Internet, soziale Netzwerke oder eben Info-Screens an Bahnhöfen. Die derzeit 27 ehrenamtlichen Mitarbeiter des Portals „Vermisste Kinder“ stellen zudem Kontakte zu Behörden her, betreuen die Angehörigen und betreiben ein Notfall-Telefon, das rund um die Uhr besetzt ist.

Um die Suche besser koordinieren zu können, wünscht sich Lars Bruhns eine bundesweit zentrale Stelle bei der Polizei: Dort könnten sich Experten um Verschwundene kümmern – ähnlich wie in den USA. „Manchmal werden Vermisstenfälle zu spät in diese Kategorie eingeordnet“, sagt der 33-Jährige. „Dabei sind die allerersten Stunden entscheidend. Die Suche muss ganz, ganz schnell anlaufen.“

Bruhns und seine Mitarbeiter haben ihre Arbeitsweise daher optimiert. Anfangs wollte die Initiative möglichst viele Menschen erreichen, wenn irgendwo ein Kind vermisst wurde – was aber zu einem Überschuss an Hinweisen führen kann. Es mache daher mehr Sinn, gezielt Leute in der betroffenen Region zu alarmieren und eine „konzentrierte Suche“ zu starten. Der Verein will dafür noch in diesem Jahr ein neues Projekt starten – über Handys.

Dabei arbeitet er eng mit dem Info-Screen-Betreiber Ströer zusammen: „Wenn ein Kind vermisst wird, bekommen Handynutzer, die sich in der Region befinden und per GPS orten lassen, auf Internetseiten statt Werbung eine Vermisstenanzeige zu sehen“, erklärt Unternehmenssprecher Marc Sausen.

Im Ernstfall hilft der sogenannte Amber Alert, ein Alarmsystem, mit dessen Hilfe in den USA seit 1996 mehr als 680 entführte Kinder gerettet wurden. Teilnehmer erhalten per App, SMS oder soziale Netzwerke Foto und Steckbrief des vermissten Kindes. Zudem läuft der mit der Polizei abgestimmte Aufruf auf digitalen Anzeigen in Großstädten und Bahnhöfen. Derzeit erreicht der Alarm nach maximal drei Stunden über acht Millionen Menschen in Deutschland.

Ist ein Kind verschwunden, bedeutet das für die Angehörigen: Ungewissheit. Quälendes Warten. Ständige Unruhe. Und: Je länger der Fall zurückliegt, desto geringer werde die Unterstützung, sagt Bruhns. „Man wird relativ schnell gedrängt, wieder normal in der Spur zu laufen – und wieder so fröhlich zu sein wie zuvor.“

Tassilo Pritzl

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