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Ein weißer Engel auf dem Grab erinnert Carmen S. an ihr totgeborenes Kind.

Ärztepfusch in der Klinik?

Kind starb im Mutterleib: Schmerzensgeld

Traunstein – Sie war hochschwanger, hatte unglaubliche Schmerzen – doch im Krankenhaus nahm man ihre Not nicht ernst. Carmen S. verlor ihr ungeborenes Kind. Jetzt bekommt sie 40 000 Euro Entschädigung.

Christina-Marie hätte das Baby von Carmen S. aus Söchtenau, Landkreis Rosenheim, geheißen. Vor gut dreieinhalb Jahren war sie mit dem Mädchen schwanger. Doch das Kind verstarb im Mutterleib. Zwei Tage vor dem Geburtstermin. Besonders tragisch: Die werdende Mutter lag bereits in einer – mittlerweile geschlossenen – Privatklinik im Chiemgau. Obwohl sie wegen heftiger Schmerzen die Nachtschwester mehrmals darum bat, kam kein Arzt. Am Morgen des 14. Februar 2009 war das Baby tot. Der Fall zog einen Zivilrechtsstreit vor dem Landgericht Traunstein nach sich. Jetzt einigten sich Carmen S. und Anwälte der Klinik auf einen Vergleich: Die 45-Jährige erhält 40 000 Euro Entschädigung.

Die Dritte Zivilkammer mit Vorsitzendem Richter Wolfgang Müller hatte diesen Vergleichsvorschlag im Juli 2012 gemacht. Damit soll ein langwieriger und nervenaufreibender Zivilstreit der Klägerin gegen den verantwortlichen Belegarzt, seine Versicherung und früheres Klinikpersonal umgangen werden. Denn schon die mündliche Verhandlung im Juli wühlte die 45-Jährige stark auf, immer wieder kamen ihr die Tränen, als sie ihre traurige Geschichte erzählte.

Am Vormittag des 13. Februars 2009 hatte sie mit dem Belegarzt in der Klinik den Termin für den am 16. Februar vorgesehenen Kaiserschnitt vereinbart. Doch am Nachmittag setzten unerwartete Schmerzen ein. Ihr Lebensgefährte brachte die 45-Jährige, wie von der Klinik telefonisch empfohlen, schnellstmöglich ins Krankenhaus. Der Assistenzarzt untersuchte die Patientin, eine halbe Stunde später, gegen 19.30 Uhr, der Belegarzt. Die Rede war von „falschen Wehen“. Weil es stark schneite, behielten die Ärzte die Hochschwangere zur Beobachtung im Krankenhaus. In der Nacht wurden die Schmerzen und das Ziehen im Unterleib immer schlimmer. Carmen S. verlangte mehrfach nach einem Arzt. Stattdessen bekam sie von einer „unfreundlichen, überfordert wirkenden Nachtschwester“, so die Klägerin, nur zweimal eine letztlich unwirksame Tablette. Die 45-Jährige spürte zu der Zeit deutlich ihr Kind, wie sie vor Gericht schilderte: „Es hat in meinem Bauch herumgehauen.“ Wieder klingelte sie der Schwester – die endlich zusagte, sich mit dem Belegarzt in Verbindung zu setzen. Der ordnete via Telefon eine Infusion an. Die Schmerzen wurden schlimmer. Aber das Kind bewegte sich noch.

Erst nach dem morgendlichen Personalwechsel brachte eine andere Schwester die Klägerin zu einer Hebamme und einem Assistenzarzt. Als er die Herztöne kontrollieren wollte, schaute der Assistenzarzt „komisch“ und sagte: „Ich höre das Kind nicht mehr.“ Der Belegarzt stellte schockiert fest: „Das Kind ist tot.“ Mittels Kaiserschnitt wurde das verstorbene Baby aus dem Mutterleib geholt.

Der Belegarzt wohnte damals nur wenige Meter entfernt von der Klinik. Der Assistenzarzt habe ihn nachts über „Ziehen im Unterleib“ und „Wehen“ der Patientin, nicht aber über die großen Schmerzen informiert, wie der Beklagte vor Gericht betonte. Er ordnete damals eine Wehen hemmende Infusion und weitere Überwachung an. Die Anwälte von Carmen S. hatten in dem Prozess 100 000 Euro Entschädigung gefordert. Der Anwalt der Gegenseite hatte 20 000 Euro von der Donau-Versicherung AG geboten. Jetzt also die Einigung auf 40 000 Euro. Einschließlich Schmerzensgeld, Kosten für Umbettung des Sargs und neue Beerdigung. Damit kann Carmen S. ihren Wunsch verwirklichen: „Ein eigenes Grab für das Kind.“ Denn noch immer liegt der Babysarg in einem fremden Grab: Die Mutter ihres Lebensgefährten hatte der Frau damals gestattet, ihr totes Mädchen in dem Familiengrab bestatten zu lassen.

M. Kretzmer-Diepold

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