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Der wegen des Missbrauchs angeklagte Kinderarzt wird im Strafjustizzentrum Augsburg zwischen seinen Anwälten Ralf Schönauer (r.) und Moritz Bode (l.) in einen Gerichtssaal geführt.

Prozess-Auftakt

Kinderarzt des Schreckens: Missbrauchte er 21 Buben?

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München - Man erwartet ein Monster, das da seit Montag vor dem Landgericht Augsburg steht. Kinderarzt Harry S. (40) soll 21 Buben missbraucht haben. In Augsburg, München, Nürnberg und Hannover. Er lockte sie mit Süßigkeiten und Playmobil-Figuren an.

Es ist kurz nach 13.30 Uhr, als der Kinderarzt den Sitzungssaal 101 in Handschellen betritt. Der 40-Jährige wirkt blass, als er sich vor dem Vorsitzenden Richter Lenart Hoesch setzt. Er faltet die Hände, dann erzählt S. über sich und seine finanziellen Verhältnisse: 4000 Euro netto habe er im Monat verdient, zusätzlich etwa 1000 Euro für seine Notarzteinsätze. Und einen Kredit über 15 000 Euro zahle er ab. Fürs Auto.

Mit diesem Flugblatt suchten die Ermittler in Niedersachsen nach dem Entführer.

Staatsanwältin Maiko Hartmann beginnt um 13.41 Uhr, die Anklage vorzulesen. Es werden lange Minuten, gefüllt mit minutiösen Schilderungen der Tat-Vorwürfe. Detailliert wird jeder Missbrauch geschildert, akribisch verliest die Juristin, wie der Mediziner jede seiner furchtbaren Taten fotografiert hat. Harry S. sitzt zusammengesunken auf seinem Stuhl, blickt immer wieder unstet umher, seine Kiefer mahlen. Während der unerträglich langen Verlesung seiner Taten macht der Kinderarzt bisweilen den Eindruck, als sei er selbst ein kleines Kind und höre sich gerade eine gewaltige Strafpredigt an.

Nach fast zwei Stunden ist Staatsanwältin Hartmann endlich mit dem Verlesen fertig. Heiko S. reckt sein Kinn nach vorne und erwartet die Fragen von Richter Hoesch. Eifrig will der Angeklagte für seine Antworten aufstehen. Er darf sitzen bleiben. Und dann macht sich der Vorsitzende Richter an den scheinbar unmöglichen Versuch, Antworten auf die Fragen zu erhalten. Antworten zum namenlosen Grauen.

Je weiter die Befragung voranschreitet, desto mehr gibt Harry S. von sich preis. Das Bild vom brutalen seelenlosen Monster wandelt sich zu dem eines einsamen Menschen, der auf der Suche nach beruflicher Anerkennung und Geborgenheit einer Familie war – und seine Suche pervertierte. Richter Hoesch fragt immer wieder nach, lässt den Angeklagten sein Leben offenlegen. Er macht das sensibel, aber erspart dem Angeklagten nichts. Der scheint bisweilen dankbar zu sein, dass er reden darf. Dabei knetet S. die Hände, sieht dem Richter oft in die Augen.

Der Missbrauch eines Münchner Kindes passierte in dieser Tiefgarage in der Dachauer Straße.

„Es verlief wellenförmig“, erzählt er von seinen pädophilen Anfällen, „anfangs selten und zaghaft.“ Erst habe er Kinder auf der Straße nur angesprochen, doch schon bald gab es Geld oder Spielsachen „für Gegenleistungen“. Er habe sich als Jugendlicher schwer getan mit dem anderen Geschlecht und kaum sexuelle Erfahrungen gemacht. Mit etwa 17 Jahren habe er im Freibad „gezielt mit Interesse“ auf kleine Buben geschaut. „Es war mir aber nicht im Kopf, dass das ein Problem war“, sagt der Angeklagte. Im Studium an der Uni in München habe er weiter nach einer Freundin gesucht, aber „ich bin meist bei der Kontaktaufnahme gescheitert“.

Mit einer Kommilitonin gab es eine kurze Beziehung. Später im Prozess sagt er, dass dies der letzte echte sexuelle Kontakt zu einer Frau war.

Seine Kollegen in der Klinik waren für Harry S. eine Art Ersatzfamilie („Mein Beruf war meine rettende Insel“) und auch die Mitarbeiter beim Roten Kreuz, wo er als Notarzt arbeitete („Da habe ich mich frei gefühlt“). Dort habe er nie den Drang verspürt oder sexuelle Gedanken gegenüber Kindern gehabt. Zwei Mal hatte er tatsächlich so etwas wie eine Familie: sexfreie Beziehungen zu Müttern mit Kindern. „Das war das Maximum an Glück, das ich erreichen konnte.“ Und als das Zusammenleben mit den Frauen nicht mehr funktionierte, missbrauchte er deren Söhne.

Er wisse, dass das falsch war, sagt er. Mit brüchiger Stimme entschuldigt er sich mehrmals in der Verhandlung für seine Taten. Er habe auch Hilfe gesucht bei Pädophilie-Hotlines. „Aber da hat mich keiner an die Hand genommen und gesagt, was ich machen muss.“ Zum Schluss habe er das Gefühl gehabt, dass alles hoffnungslos ist, sagt S. „Dann ist es so gekommen, wie es ist.“ Der Prozess wird fortgesetzt.

Volker Pfau

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