Umfrage zur Ehe- und Familienseelsorge

Kirchliche Sexualmoral: Veraltet und realitätsfern

München - Das Münchner Erzbistum hat die Ergebnisse einer Online-Umfrage zur Ehe- und Familienseelsorge veröffentlicht. Das Ergebnis: Die Sexualmoral der Kirche ist veraltet und realitätsfern.

Die von Papst Franziskus initiierte Umfrage unter Katholiken, wie sie zur kirchlichen Lehre über Ehe und Familie stehen, hat weltweit für Wirbel gesorgt. Gestern stellte das Erzbistum München und Freising eine mehr als 1260 Seiten starke Dokumentation online. Sie gibt in anonymisierter Form und systematisch geordnet alle Antworten wieder, die in gerade mal einer Dezemberwoche im Ordinariat eingingen.

Eine straffe Zusammenfassung war schon vor Weihnachten veröffentlicht worden. Nun aber lässt sich im O-Ton nachlesen, was die oberbayerischen Katholiken über Sex vor der Ehe, gleichgeschlechtliche Liebe, Verhütung und den Umgang der Kirche mit Geschiedenen denken. Entstanden ist so ein Sittengemälde, das im Detail bunter und differenzierter ausfällt als manche bisherige Trendmeldung.

Im sozialwissenschaftlichen Sinn kann das Ergebnis zwar keine Repräsentativität beanspruchen. Dazu hätte ein Meinungsforschungsinstitut wie Emnid oder Allensbach eingeschaltet werden müssen. Dem Vernehmen nach gab es kurzzeitig auch solche Erwägungen in München. Dann aber entschied man sich, die vatikanische Vorgabe mit ihren 39 Teilfragen unbearbeitet ins Netz zu stellen. 834 Katholiken meldeten sich daraufhin zu Wort – vom Messdiener bis zur Reproduktionsmedizinerin. Die Antworten zeugen von intensiven Diskussionen am häuslichen Esstisch. Teils wurden weit nach Mitternacht seitenlange E-Mails abgeschickt.

Beeindruckt waren die Kirchenleute vor allem von der Ernsthaftigkeit der Rückmeldungen. Seelsorgeamtsleiter Thomas Schlichting bescheinigt den Antworten trotz der verfahrenstechnischen Mängel daher „durchaus repräsentativen Charakter“. Vertreten seien nicht nur alle Altersgruppen, sondern auch das gesamte Spektrum der Gläubigen, von konservativ bis progressiv. Allein zur Teilfrage 7b bietet die Dokumentation 37 Seiten Lektüre mit überraschenden Zwischentönen. Es geht um die Akzeptanz der katholischen Lehre, dass Eheleute in ihrem Sexualleben für werdendes Leben offen sein müssen. Weit überwiegend fallen die Antworten negativ aus. Veraltet, realitätsfern, nicht praktikabel, nicht legitime Einmischung in die Gewissensentscheidung der Paare. So lautet die erwartbare Mehrheitsmeinung bei den meisten Meldungen.

Die katholische Sexualmoral werde heute nur noch von Einzelnen und von organisierten geistlichen Gemeinschaften hochgehalten, schreiben andere. Sie sehen Defizite in der kirchlichen Verkündigung und andere Einflüsse wie „den verbreiteten Hedonismus“ und den „individuellen Freiheitsdrang“. Der kritische Blick richtet sich auf eine „Hochleistungsgesellschaft“, in der „Kinder nicht als Gottesgeschenk, sondern als Komplettierung der Partnerschaft“ gesehen würden und die „auf jeden Fall“ geplant werden müssten.

„Sexualität ist heute ein Mittel zur Lusterfüllung und vielleicht zur Vermittlung von Liebe“, heißt es in einer Zuschrift nachdenklich. „Dass daran eine Verantwortung gegenüber eventuellem Nachwuchs hängt, ist bei den Wenigsten präsent.“ Kontrovers diskutiert wird die von der Kirche propagierte Methode der Natürlichen Familienplanung. Die genaue Beobachtung des weiblichen Zyklus und die Bestimmung der fruchtbaren Tage der Frau sei zu kompliziert, zu unsicher, nicht für alle Phasen eines langen Ehelebens geeignet, heißt es. Aber auch, dass viele über die zuverlässige Anwendung dieser Verhütungsform zu wenig wüssten.

Eine Teilnehmerin bedauert, „dass praktisch ohne Wenn und Aber jede Form der Verhütung in jeder Lebenslage verurteilt wird“. Dies sei schade, denn es gebe „eine Menge gegen die Pille zu sagen“. Das Verhütungsverhalten müsste unbedingt kritisch begleitet werden, aber mit der Enzyklika „Humanae Vitae“ von 1968 habe sich die Kirche „ins Abseits geschossen“. Wieder ein anderer sagt „ja zu einer Kirche, die den verantwortungsbewussten, von Liebe und gegenseitigem Respekt geprägten Umgang mit Sexualität lehrt. Das hat Gültigkeit.“

Viel Widerspruch erntet die Kirche auch im Umgang mit wiederverheiratet Geschiedenen. Auf die Frage, ob die Bertroffenen unter der Situation leiden, dass sie zur Kommunion nicht zugelassen sind, lautet eine Antwort: „Sie leiden zuerst einmal am Zerbrechen ihrer Liebe, am Zerbrechen ihrer Lebensperspektive, an dem Unglück der Kinder... Dazu kommt dann noch die wenig liebevolle Reaktion der Kirche. Das ist grauenhaft.“ (weitere Informationen: www.erzbistum-muenchen.de

Von Christoph Renzikowski

Rubriklistenbild: © picture alliance / dpa

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