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Eine echte Gaudi: Junge Trachtler schaukeln in Hohenfurch (Kreis Weilheim-Schongau) auf einer Kirchweih-Hutschn. Auf dem Land wird das Kirchweih-Brauchtum noch gepflegt.

Sorge um Freudenfest

Kirchweih: Was ist von der Tradition geblieben?

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München - Am Sonntag ist es in Oberbayern wieder soweit: Speziell in den ländlicheren Regionen wird die Tradition der Kirchweih gefeiert. Doch was ist aus dem Brauchtum in der heutigen Zeit geworden?

Am kommenden Sonntag wird gefeiert in Oberbayern. Vor allem auf dem Land. Dann ist der dritte Sonntag im Oktober und damit Kirchweih. „Allerweltskirchweih“, wie der Tag im Volksmund genannt wird. Doch welchen Stellenwert hat „Kirchweih“ heute eigentlich noch? Danach fragten wir den oberbayerischen Bezirksheimatpfleger Norbert Göttler.

Vielen Menschen fallen zu Kirchweih nur die Kirta-Gans und das Schmalzgebäck, die Kirtanudln, ein. Aber was steckt hinter dem Fest?

Norbert Göttler, Bezirksheimatpfleger

Bezirksheimatpfleger Norbert Göttler: Viel mehr ist es wahrscheinlich in den meisten Fällen nicht mehr. Ursprünglich hatte jede Kirchengemeinde ihr eigenes Kirchweihfest, das Patroziniumsfest, wo man des Namensgebers gedachte und die Gründung der eigenen Kirche feierte. Das gibt es sogar heute noch in einigen Orten unter dem Namen „kloane Kirta“, kleines Kirchweihfest. Im Barock nahmen diese Patroziniumsfeste derart zu, dass man sich entschloss, ein zentrales Kirchweihfest auszurufen, an dem alle Kirchen ihr gemeinsames Fest feiern.

Und das ist der dritte Sonntag im Oktober.

Göttler: Genau. Das war eine lange Entwicklung. Vorher gab es viele kleine Feste, und da feierte man natürlich nicht nur sein eigenes Fest, sondern ging auch in alle Nachbargemeinden. Überall war ein Markt: Kirchweih, Kerwa.

Und wie ist es heute?

Göttler: Nach meiner Beobachtung verliert sich der ursprüngliche Sinngedanke langsam. Kirchweih hat sich heute zusammen mit dem Erntedank zu einem allgemeinen Herbstfest entwickelt.

Aber in vielen Orten Oberbayerns hat sich doch einiges an Brauchtum erhalten. Etwa die Kirtahutschn. Welche Bedeutung hatte das Fest früher?

Göttler: Kirchweih war wirklich für die ländliche Bevölkerung – und das war bis weit ins 20. Jahrhundert 90 Prozent – das zentrale Herbstfest. Das Fest nach der Ernte. Kirta ist das wichtigste und ausladendste Fest im bäuerlichen Lebenswandel gewesen – vielmehr als Weihnachten und Ostern. Das kann man auch bei Ludwig Thoma nachlesen. Einmal im Jahr durfte man praktisch alles machen, was man wollte...

Zum Beispiel?

Göttler: Essen bis zum Umfallen. Die Speisenkarte am Kirchweihfest war gigantisch: Mehrere Sorten Fleisch, ein Schwein wurde geschlachtet, oft auch eine Gans. Das ist bis heute eines der Relikte: Die Kirchweih-Gans. Fett gab es in allen Formen. Auch als Kirchweih-Nudln. Anders als vor Weihnachten und Ostern ist keine Fastenzeit vorher. Vor Kirchweih lag die sehr schwere und brutale Erntearbeit, mit diesem Herbstfest wurde sie abgeschlossen. Und dann gab es jede Menge Vergnügungen, etwa die Kirchweih-Hutschn. Eine Schaukel – ursprünglich nicht für Kinder, sondern für Erwachsene. Die hat man nur zu diesem einen Tag aufgebaut. Das ist ein Balken, der wurde unter dem Vordach der Scheune montiert, und da konnten bis zu zehn Erwachsene draufsitzen. Das war ein Vergnügen, sich zwischen den Essensgängen zu verlustigen. Von meinen Vorfahren habe ich noch gehört, dass die größeren Bauernhöfe zuhause auch ein Grammophon stehen hatten. Das kam nur an diesem einen Tag im Jahr zum Einsatz. Das war viel zu teuer und zu empfindlich, dass man das täglich nutzt. Nur an Kirchweih und da wurde dann getanzt.

Um Kirta haben sich Märkte entwickelt. So gibt es heute in Fürstenfeldbruck einen großen Trachtenmarkt mit Karussell und Schiffschaukel. Entspricht das dem Sinn des Festes?

Göttler: Naja, schon. Es ist eine lange Tradition, dass zu Kirchweih Buden aufgebaut wurden, dass es Kindervergnügungen gab. Auch Viehmärkte und Pferderennen. Alles, was man als Luxus bezeichnete, hat man da zusammengepackt. Weil es ja durch und durch ein Freudenfest war. Also, das passt schon.

Kann man das Fest wiederbeleben?

Göttler: Manche Feste hängen sehr stark mit dem bäuerlichen Lebensablauf des 19. und beginnenden 20. Jahrhunderts zusammen. Und wenn es diese bäuerlichen Strukturen nicht mehr so gibt, dann wird man ein solches Fest in der alten Form kaum begehen.

Man kann es ja mit neuem Leben füllen.

Göttler: Ja, das wird auch schon gemacht. Weil sonst die Zeit zwischen Sommer und dem Advent auch so lang würde. Man hält offenbar eine so lange festfreie Zeit nicht gut aus. Wo Kirchweih gepflegt wird, freut es uns sehr. Aber das Fest ist nicht mehr so an die bäuerlichen Strukturen gebunden. Und muss auch nicht wie bei Ludwig Thoma in einer Rauferei enden (lacht).

Das Interview führte Claudia Möllers

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