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Die Kirchweih fällt aus: Immer häufiger wird gegen Traditionen und Brauchtum geklagt.

Gemeinde muss Kirchweih absagen

Störfaktor Brauchtum: Kann man Traditionen wegklagen?

München/Kahl a. Main – Kirchweih in Kahl? Fällt dieses Jahr aus. Ein Anwohnerpaar hat erfolgreich geklagt, weil ihm das Fest in dem unterfränkischen Ort zu laut ist. Es ist längst nicht der erste Fall dieser Art. Selbst der Gemeindetag sieht einen Trend dazu, Tradition wegzuklagen.

Die Tradition lebt hier schon lange, sehr lange. Seit ziemlich genau 100 Jahren feiern sie im unterfränkischen Kahl am Main ihre Kirchweih. Im großen Festzelt wird drei Tage lang getanzt und getrunken, auch einen Autoscooter gibt’s. Kahl, das ist ein 7400 Einwohner-Ort im Kreis Aschaffenburg, gerade noch Bayern, weit weg von München. Aber mit seinem Problem ist der Ort sehr nahe.

Denn die beliebte Kirchweih steht vor dem Aus. „Im Moment müssen wir davon ausgehen, dass die Kerb 2015 nicht stattfindet“, sagt der Geschäftsleiter der Gemeinde, Andreas Oberle. Grund dafür ist die Klage eines Ehepaars, das am Platz vor der Festhalle wohnt. Die Anwohner zogen wegen der ihrer Meinung nach enormen Lärmbelästigung vor das Würzburger Verwaltungsgericht. Das gab dem Paar Recht und legte einen Lärmwert fest, der nach 22 Uhr nicht überschritten werden darf. „Selbst das Murmeln von 100 Leuten kommt schon über diese 55 Dezibel“, sagt Oberle weiter. Verstößt die Gemeinde dagegen, will das Paar zivilrechtlich klagen. Es könnte ein Bußgeld von bis zu 250 000 Euro oder eine Freiheitsstrafe drohen.

Genau dieses Bußgeld ist der Knackpunkt. Ausrichter war bislang eine Vereinsgemeinschaft. Der Vorsitzende, Sven Uhlig, ist nicht bereit, das Risiko einer Strafe einzugehen. „Wir haben an allen Stellschrauben gedreht. Wir können nicht noch leiser“, sagte der 38-Jährige. Ein Umzug an einen anderen Ort sei kaum möglich. „Außerdem verlagert es nur das Problem.“

Ende der Kirchweih also. Beim Bayerischen Gemeindetag sieht man sogar einen Anstieg ähnlicher Klagen und Auseinandersetzungen im Freistaat. „Wir haben keine Übersicht, wie viele Gemeinden davon betroffen sind, aber wir können den Trend schon erkennen“, sagte Sprecher Wilfried Schober. Die Gesellschaft habe sich gewandelt. „Die Leute nehmen es nicht mehr so wie früher hin oder feiern einfach mit. Stattdessen pochen sie auf ihr Recht und sagen: Da gibt es eine Vorschrift und die muss eingehalten werden.“

Auseinandersetzungen um Tradition und Brauchtum gibt’s immer wieder. Eines der jüngeren Beispiele: der Glockenstreit von Gilching (Kreis Starnberg). Ein Anwohner hatte vergangenes Jahr gegen das Geläut der St. Nikolaus-Kirche in Argelsried geklagt, allerdings nicht wegen des Lärms. Unserer Zeitung sagte er damals, er werde „dazu gezwungen, an einer religiösen Übung teilzunehmen“. Grundgesetzwidrig, fand er. Seine Klage wurde zwar abgewiesen, allerdings hatte die Kirchengemeinde schon zuvor eingelenkt und zahlreiches Gebetsgeläut abgeschafft, etwa das Angelus-Läuten.

In Bad Reichenhall (Kreis Berchtesgadener Land) knallte es Mitte 2013 zwischen den Gebirgsschützen und einem Pfarrer. Der lehnte Waffen im Gottesdienst konsequent ab, was die Schützen extrem elektrisierte. Sie boykottierten das Fronleichnamsfest. Das Tragen der Büchsen, hieß es damals, sei identitätsstiftend und eine Jahrhunderte alte Tradition. In Bad Endorf (Kreis Rosenheim) tobte kurz zuvor ein ähnlicher Streit zwischen Pfarrei und Schützen.

Brauchtum als Störfaktor. Schade, findet Gemeindetags-Sprecher Schober, weil damit auch eine gewisse Kultur verloren gehe. Außerdem gehe den Vereinen wie der Feuerwehr oder dem Musikverein damit wichtiges Geld verloren und es könnten Angebote ausfallen, sagt Uhlig, der Mann, der um seine Kirchweih bangt. „Das zieht schon ziemlich weite Kreise.“

Die Vereine und die Gemeinde Kahl würden gern mit den Klägern reden und einen Kompromiss finden, doch die haben eine vom Richter vorgeschlagene Mediation abgelehnt. Die Gemeinde soll nun die Landespolitiker um Hilfe bitten. „Wir haben die Forderung an die große Politik, dass die Lärmrichtlinien für solche traditionsreichen Veranstaltungen geändert werden“, sagte Oberle. Außerdem seien eine Petition sowie eine Demonstration geplant.

Christiane Gläser und Marcus Mäckler

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