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Endlich am Ziel: Nurullah Burhani war mit seiner Klage vor Gericht erfolgreich. Er darf die Schneiderlehre bei Gabi Urban in Moosburg beginnen. Unterstützt hat ihn während des Prozesses Reinhard Kastorff.

Rechtsstreit um gegen Arbeitsverbot beendet

Klage erfolgreich: Nurullah darf endlich seine Lehre beginnen

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Ein Jahr lang hat Nurullah Burhani vor Gericht gekämpft, um eine Ausbildung beginnen zu dürfen. Der Afghane war der erste Flüchtling in Bayern, der gegen das Arbeitsverbot geklagt hat. Erst jetzt steht fest, dass er die Lehre beginnen darf. Das verdankt er nicht nur dem Gericht und seinen Unterstützern – sondern einer ganzen Menge Zufälle.

München/Moosburg – Nurullah Burhani ist gestern nicht in die S-Bahn gestiegen, um nach München ans Verwaltungsgericht zu fahren. Stattdessen ist er zur Schneiderei von Gabi Urban in Moosburg (Kreis Freising) gelaufen. Er hat gelächelt, als er in den Laden kam. So sehr, wie Gabi Urban ihn schon lange nicht mehr lächeln gesehen hat. Für den 35-Jährigen ist ein Wunsch in Erfüllung gegangen. Er darf endlich seine Schneider-Ausbildung beginnen. Das Landratsamt hatte bereits am Tag zuvor mitgeteilt, dass Burhani die Genehmigung bekommt. Der Rechtsstreit ist damit beendet – nach genau einem Jahr.

Nurullah Burhani hatte im Iran bereits 13 Jahre als Schneider gearbeitet. Nach einem Praktikum bei Gabi Urban bot sie ihm einen Ausbildungsplatz an. Den Arbeitsvertrag hatte er im Dezember 2016 unterschrieben. Wenige Tage später verschickte das Innenministerium ein folgenschweres Schreiben an die bayerischen Landratsämter. Es wies sie an, keine Arbeitsgenehmigungen mehr für Flüchtlinge aus Ländern mit schlechter Bleibeperspektive zu erteilen. Afghanistan gilt als eines dieser Länder – obwohl die Schutzquote um die 50 Prozent schwankt. Burhani bekam keine Ausbildungsgenehmigung mehr. Doch statt aufzugeben, klagte er dagegen. Er war der erste Flüchtling in Bayern, der das getan hat. Allein deswegen hat sein Fall große Aufmerksamkeit erregt.

Der erste Verhandlungstermin im April war erfolgreich. Das Gericht urteilte, dass die Schutzquote für Afghanistan wegen der starken Schwankung bei der Entscheidung über eine Arbeitserlaubnis nicht als Kriterium herangezogen werden dürfe. Das Landratsamt musste den Fall neu prüfen. Es ließ ein altes Schulzeugnis, das der 35-Jährige besorgen konnte, jedoch nicht als Identitätsnachweis gelten – und lehnte im Juli die Ausbildungsgenehmigung erneut ab.

Asylhelfer zog mit Burhani gegen Arbeitsverbot vor Gericht

Nurullah Burhani hat einen Unterstützer, der nicht so leicht aufgibt: Reinhard Kastorff. Der Freisinger Asylhelfer zog mit ihm erneut gegen das Arbeitsverbot vor Gericht. Und er finanzierte ihm in der Zwischenzeit einen Integrationskurs. „Es war sehr wichtig für ihn, dass er nicht ein Jahr lang tatenlos rumsitzen muss“, sagt Kastorff. Anspruch auf einen Platz im Kurs hatte Burhani nicht, weil sein Asylantrag in der Zwischenzeit abgelehnt wurde. Auch dagegen klagt er. Vor einigen Wochen konnte er dem Landratsamt den geforderten Sprachnachweis vorlegen. Und dank vieler Zufälle auch die alles entscheidende beglaubigte Tazkira. Das Dokument ist vergleichbar mit einer Geburtsurkunde, aber nur direkt in Kabul erhältlich. Da Burhani zwar in Afghanistan geboren wurde, aber bis zu seiner Flucht im Iran gelebt hatte und keine Verwandten in Afghanistan hat, konnte er das Dokument nicht anfordern – und hatte wenig Hoffnung, die Ausbildungsgenehmigung noch zu bekommen. „Immer wenn er aufgeben wollte, habe ich ihm gesagt, dass wir das jetzt zusammen durchstehen“, sagt Kastorff.

Dann kam dem 35-Jährigen ein Zufall zur Hilfe. Er entdeckte über Facebook einen alten Schulfreund, der mittlerweile in Schweden lebt. Dieser hatte noch einen Verwandten in Afghanistan – und der wiederum wusste, dass eine Schwester Burhanis in einer afghanischen Provinz lebt. „Sie haben vor langer Zeit den Kontakt zueinander verloren“, erzählt Kastorff. „Beide dachten, der andere sei tot.“ Über sie ist Burhani nun doch an die Tazkira gekommen – und damit an seine Ausbildungserlaubnis. Das Schreiben vom Landratsamt kam am Dienstag, der letzte Verhandlungstermin war nicht mehr nötig.

Gabi Urban hat ihm die Stelle nun seit zwölf Monaten freigehalten – was nicht leicht war. „Ich habe immer daran geglaubt, dass er vor Gericht Recht bekommt“, sagt sie. Nun hofft sie, dass der 35-Jährige schon Anfang Januar bei ihr anfangen kann. Sie will mit der Berufsschule sprechen, ob er während des laufenden Schuljahres einsteigen kann.

Für Burhani wäre es auch aus einem anderen Grund wichtig, bald arbeiten zu dürfen . Reinhard Kastorff hat ihm Geld für die Tazkira geliehen, das er nun in Raten zurückzahlt. Auch wer die Kosten für das Verfahren trägt, ist noch nicht klar. Seine Anwältin Anna Toth muss er in jedem Fall selbst bezahlen. Aber auch sie hat ihm eine Ratenzahlung ermöglicht. Die Juristin geht davon aus, dass die Zahl der Klagen gegen Arbeitsverbote stark zunehmen wird. Sie selbst betreut aktuell drei vergleichbare Fälle. Sie sagt aber auch: „Ohne Helfer im Hintergrund trauen sich diesen Schritt nicht viele Flüchtlinge.“ Ihnen könnte Burhanis Fall Mut machen, vermutet sie.

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