Knöpfe wirken Wunder – wenn sie Senioren beschäftigen.

Die kleine Pflege-Revolution

München - Bewegung ist gesund – das gilt auch für pflegebedürftige Senioren. Ein Projekt der Caritas zeigt, wie kleine Schritte große Ergebnisse erzielen.

Angelika Zegelin, Pflegewissenschaftlerin und Professorin an der Uni Witten, hat ein Gutachten mit einem ungewöhnlichen Titel geschrieben: „Die therapeutische Wirkung von Knopfannähen“. Was banal klingt, ist Teil eines Projekts, mit dem Zegelin die Pflege revolutionieren möchte. In kleinen Schritten. Aber wegweisenden. Partner ist die Caritas und vier ihrer Altenheime in München, Dachau, Kolbermoor und Holzkirchen – dort sind Zegelins Ideen bereits Alltag. Mittelfristig sollen alle Einrichtungen in der Erzdiözese München und Freising teilnehmen – und gerne mehr.

Worum geht’s? Senioren, die zu schwach sind, ihren Rollstuhl oder das Bett zu verlassen, sollen Stück für Stück mobilisiert werden – durch einfache Tricks, ohne großen Mehraufwand. „Wir müssen den Alltag nützen“, sagte Zegelin gestern in München bei einer Fachtagung der Caritas vor 250 Pflegern, Experten und Heimleitern – sie sollen die Botschaft verbreiten. Als Zegelin das Pilotprojekt 2007 in Münchner Heim St. Willibrord startete, hieß es: „Sie kriegen nicht mehr Personal.“ Das machte sie erfinderisch. Die Pflegewissenschaftlerin regte an, eine „Drei-Schritte-Regel“ einzuführen: Die letzten drei Schritte auf dem Weg zu jedem Ziel, das der Pflegebedürftige ansteuert, soll er alleine gehen. Anfangs taten sich die Senioren schwer, sträubten sich – doch weil die anderen auch ran mussten, weil die Angehörigen den Plan unterstützten, weil er zur Routine wurde, machten sie große Fortschritte. In St. Willibrord können inzwischen fast alle Bewohner ein paar Schritte ohne Rollstuhl zum Mittagstisch laufen. Routine-Besuche beim Facharzt außerhalb sollen nach Möglichkeit erweitert werden – um einen kleinen Spaziergang, einen Einkaufsbummel. Auch innerhalb des Zimmers können Kleinigkeiten viel ausmachen: Im Dachauer Marienstift zum Beispiel, das ebenfalls am Projekt teilnimmt, wird das Bett tagsüber mit einer Tagesdecke und Kissen zu einer Art Sofa umgestaltet. Leiterin Eva Grauvogel bestätigt, dass dadurch die Versuchung abnimmt, den ganzen Tag im Bett zu bleiben.

Bettlägrigkeit und damit auch eine geistige Müdigkeit ist keine endgültige Sache – sie entwickelt sich schleichend, das hat Zegelin in einer Studie herausgefunden. Der Mensch wird älter, schwächer, traut sich nicht mehr, alleine spazieren zu gehen. Dann verunsichert ein Ereignis – ein Sturz oder ein Krankenhausaufenthalt – den Senior zusätzlich. Hilfe von Angehörigen oder Pflegern wollen viele nicht annehmen oder einfordern: Sie bleiben lieber den ganzen Tag in einer Position sitzen, als zur Last zu fallen. Umso größer muss die Versuchung sein, doch aktiv zu werden. „Das Wichtigste“, sagt die Dachauer Heimleiterin Grauvogl, „ist biografische Arbeit.“ Je mehr die Pfleger über den Senior wissen, desto einfacher können sie Anreize schaffen. Einer ihrer Bewohner wollte unbedingt in der Verwaltung helfen – das hat er früher beruflich gemacht. Jetzt trägt er täglich die Post auf seinem Gang aus, führt genaue Listen. Dafür ist er etwa eine Stunde in Bewegung. Ziel erreicht. Oft ist es schwer, viel über die Bewohner zu erfahren, wenn es keine nahen Angehörigen gibt: „Das macht viel Arbeit“, sagt Grauvogl. Aber es lohnt sich, nicht nur für die körperliche Mobilisierung. Die Dachauerin hat ein Beispiel: Ein Bewohner fand alleine nicht mehr ins Zimmer zurück – trotz Namensschildes. Dann erfuhren die Pfleger, dass der Mann früher oft in die Berge gegangen ist. Sie hängten ein großes Gipfelpanorama-Bild an die Tür – und schon hatte der Senior keine Orientierungsprobleme mehr.

Und wie war das jetzt mit den Knöpfen? Zegelin kam in einem Berliner Heim auf die Idee. An vielen Decken fehlten Knöpfe – also wurden Senioren mit Näh-Fertigkeiten eingespannt. Mit erstaunlichen Ergebnissen. Der Eifer war groß, als alle Knöpfe wieder angenäht waren, übernahmen die Bewohner kleine Flickarbeiten für die Pfleger. Dafür bekamen sie Geschenke und Anerkennung – das Projekt läuft noch immer.

Carina Lechner

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