Das rasante Schmelzen macht auch vor dem Blaueis-Gletscher im Berchtesgadener Land nicht Halt. In den Alpen wirken sich Veränderungen des Klimas besonders deutlich aus. foto: Wolfgang Tusler /fkn

Klimawandel: Der Rückzug der Riesen

München - 75 Prozent der Alpengletscher verschwinden bis zum Ende des Jahrhunderts, warnen kanadische Klimaforscher. Damit sind die Alpen die am stärksten betroffene Gebirgsregion.

Als Hartmut Graßl noch ein kleiner Bub war, da kam der Schnee jedes Jahr im November, zuverlässig und reichlich. In seinem Heimatdorf in Salzberg im Berchtesgadener Land haben sie dann gesagt: Jetzt hat’s zugeschneit. Die weiße Pracht blieb bis Ende Februar, und niemand glaubte, dass es jemals anders sein könnte. Das Thema Klimaerwärmung war damals noch keines. Die Zeit verging, der Schnee wurde weniger und Professor Hartmut Graßl (70) zum Klimapapst. Heute sagt er: „Viele der Alpengletscher sind nicht mehr zu retten.“

Keiner Gebirgsregion setzt der Klimawandel so stark zu wie den Alpen, stellt eine jetzt veröffentlichte Studie kanadischer Klimaforscher fest. Die Alpengletscher drohen um drei Viertel zu schrumpfen. „Das halte ich nicht für übertrieben, sondern eher untertrieben“, meint Graßl, Vorsitzender des bayerischen Klimarates. Nicht nur im Freistaat schwitzen die Gletscher. Die kanadischen Wissenschaftler simulierten die Folgen von zehn Klimamodellen für 19 Regionen mit über 120 000 Berggletschern und Eiskappen. Ergebnis: Weltweit verlieren die Gebirge durch die steigenden Temperaturen bis 2100 rund 21 Prozent ihres Eises. Je nach Modell werden die Gletscher der Alpen zwischen 60 und 90 Prozent ihres Volumens einbüßen. Das Abschmelzen wird den Meeresspiegel um neun bis 16 Zentimeter ansteigen lassen.

Die Berechnungen von Valentina Radic (University of British Columbia, Kanada) und Regine Hock (University of Alaska) beziehen sich auf ein Computermodell, das auf zwischen 1961 und 2004 erhobenen Daten von mehr als 300 Gletschern basiert. Bei der Erderwärmung arbeiteten die Forscher mit Daten des Weltklimarats, der bis zum Ende des 21. Jahrhunderts einen Anstieg der Temperatur um 2,8 Grad Celsius vorhersagt. Die Studie berücksichtigt nicht die gewaltigen Eisschilde von Grönland und der Antarktis. Diese enthalten über 99 Prozent des weltweiten Eises.

Schmelzende Gletscher sind das sichtbarste Anzeichen für den Klimawandel. Rund 60 Prozent des Eises sind in den Alpen seit 1850 verschwunden. Der Nördliche und Südliche Schneeferner auf dem Zugspitzplatt und der benachbarte Höllentalferner sowie das Blaueis und der Watzmanngletscher im Berchtesgadener Land - nur noch 85 Hektar Fläche haben die Riesen 2006 noch umfasst. Neuere Zahlen der Bayerischen Akademie der Wissenschaften gehen davon aus, dass etwa das Watzmann-Eis bis 2009 nochmals um fast 50 Prozent geschrumpft ist.

Das Institut für Meteorologie und Klimaforschung in Garmisch-Partenkirchen hat errechnet, dass die Durchschnittstemperatur in den Alpen in den vergangenen 120 Jahren um mehr als zwei Grad angestiegen ist, doppelt so stark wie im europäischen Mittel. „Die Nachricht aus Kanada überrascht uns nicht. Bei den deutschen Gletschern wird das Eis in 15 Jahren weg sein“, sagt Leiter Hans-Peter Schmid.

Damit der Rückzug der Riesen nicht noch schneller voranschreite, helfe laut Graßl ohnehin nur „ein globaler Klimaschutz von ganz massivem Kaliber“. Beispiele: In 30 Jahren gibt es kein mit Benzin oder Diesel betriebenes Auto mehr auf der Straße. Oder Häuser, die so gut isoliert sind und auf dem Dach die Sonne nutzen, dass sie mehr Energie produzieren als sie verbrauchen. „Das ist aber sehr unwahrscheinlich und wird wesentlich länger dauern als man gemeinhin denkt.“

Katharina Blum

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