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Der kleine Adrian kurz nach seiner Geburt: Da ahnte seine Mutter schon, dass etwas mit ihm nicht stimmt

Das Klinik-Drama um Baby Adrian

Das Klinik-Drama um Baby Adrian

Altötting - Der kleine Adrian Michael wurde nur 56 Tage und drei Stunden alt. Er starb am 6. März im Klinikum Landshut. Seitdem kann seine Mutter Jessica F. (23) keine Nacht mehr schlafen – aber nicht nur aus Trauer.

Ein Gedanke lässt ihr keine Ruhe mehr: „Könnte mein Baby noch leben?“

Die junge Mutter kriegt nicht mehr aus dem Kopf, wie sie im Krankenhaus und beim Kinderarzt behandelt wurde. Denn obwohl sie von der Geburt ihres Sohnes an fühlte, dass mit ihm etwas nicht stimmt, wurde ihr immer wieder gesagt: „Es ist alles in Ordnung. Alles ist ganz normal. Ihr Baby ist völlig gesund.“

Da war die Familie noch komplett: Jessica, ihr Mann Sebastian (26), Adrian und Jenny

Dabei stimmte das ganz und gar nicht … Ein starkes Kerlchen ist Adrian bei der Geburt am 9. Januar in der Kreisklinik Altötting: 3850 Gramm wiegt er nach dem Kaiserschnitt.Jessica F. hat schon eine Tochter, so merkt sie auch, als sie Adrian zum ersten Mal stillt: Etwas ist nicht in Ordnung. Ihr Sohn röchelt, er atmet ganz komisch. Die Mutter fragt eine Schwester um Rat. Die wiegelt ab: „Das ist nicht schlimm, vielleicht ein Popel in der Nase.“

Jessica fragt trotzdem noch mehrere Ärzte. Aber auch sie sagen: „Das Röcheln ist normal.“ Wieder zuhause in ihrer Wohnung in Burghausen nehmen die Sorgen zu. Adrian trinkt schlecht. Er muss nach dem Stillen spucken, scheint nie satt zu werden, schreit ständig. Da sagt sogar die Hebamme: „Völlig normal, machen Sie sich keine Sorgen …“

Nach etwa einem Monat bemerkt Jessica: Adrians Bauch wächst. Der ganze Körper ist aufgedunsen, seine Hoden sind geschwollen. Jessicas Mann Sebastian geht mit dem Buben zum Kinderarzt. Der meint: „Nur Wassereinlagerungen, nicht schlimm.“ Zur Sicherheit fährt das Paar wieder ins Altöttinger Krankenhaus. Sie fragen den Arzt: Könnte es ein Leistenbruch sein, davon kriegen Männer doch geschwollene Hoden? Prompt stellen die Ärzte Leistenhernie, also –bruch fest. Sie überweisen das Baby für eine Leisten-OP ins Klinikum Landshut.

Noch bei der Autofahrt nach Landshut fällt Jessica auf, wie süß Adrian sie anlächelt. Sie fragt: „Das wird doch nicht das letzte Mal sein, dass mich mein Sohn anlächelt?“

In der Klinik nimmt das Drama seinen Lauf. Eine Schwester nimmt der Mutter sofort das Baby ab. „Als sie ihn rausgeschoben hat, hab’ ich ihn noch gehört: Er hat geschrien wie am Spieß. Ununterbrochen! Ich hab’ mir solche Sorgen gemacht!“ Nun geht es Schlag auf Schlag. Ärzte kommen ins Zimmer, sagen: „Adrian geht es gar nicht gut.“ Die Mutter darf nicht zu ihrem Kind. Sie und ihr Mann warten. Stundenlang. Endlich kommt ein Arzt und erklärt: „Es ist kein Leistenbruch.“ Aber was dann? Niemand hat eine Antwort! Eine Woche lang liegt das Baby auf der Intensivstation. Es sind viele Stunden des Grauens. Der kleine Körper schwillt an – wiegt bald fast zehn Kilo. „Der Kopf hat ausgesehen wie ein Basketball, die Haut war kurz vorm Platzen. Ich hatte Angst, meinen eigenen Sohn anzuschauen!“ Der kleine Körper ist durchlöchert von Drainagen. „Auf der Intensivstation hat Adrian noch einmal die Augen aufgemacht und meinen Mann angeschaut. Es war das letzte Mal.“

Das Paar lässt Adrian noch taufen. „Er hat sogar noch die letzte Ölung bekommen. Wir dachten, vielleicht gibt ihm das Kraft …“ Irgendwann beschließen sie: keine lebensverlängernden Maßnahmen. Adrian soll nicht mehr länger leiden. In ihren Albträumen hört Jessica F. noch heute, wie der Arzt sagt: „Um 14.45 Uhr wird Ihr Sohn sterben.“

Zu diesem Zeitpunkt werden schließlich alle Geräte gestoppt. „Wir haben ihm die Hand bis zum letzten Herzschlag gehalten. Bis zuletzt haben wir immer noch gehofft, dass er doch leben wird.“ Das tote Kind wird obduziert. Dabei kommt heraus: Adrian hatte einen Tumor im Herzen, eine Leberstauung und eine offene Lunge. Adrian wird beerdigt, selbst seine Schwester Jenny (3) nimmt schon von ihm Abschied wie eine Große, erzählt ihre Mama: „Sie hat ihm ein Küsschen aufs Kreuz am Grab gegeben …“

Jessica F. aber kann nicht ohne weiteres Abschied nehmen. Sie liest den Obduktionsbericht so oft, bis sie ihn auswendig kennt. Mühsam übersetzt sie im Internet die kalten, medizinischen Fachbegriffe. Dabei entdeckt sie Ungeheuerliches: In Bonn konnte offenbar ein Baby mit ähnlicher Krankheit gerettet werden, weil per Ultraschall vor der Geburt die Diagnose gestellt wurde!

Jessica mit Jenny (3) an Adrians Grab. Am 9. Januar hätte er Geburtstag gehabt

Jessica F. schreibt an den zuständigen Professor in Bonn. Er antwortet ihr: „In einer Echokardiographie hätte man mit großer Wahrscheinlichkeit den Tumor im Herzen bzw. den Rückstau erkennen können.“ Der Arzt betont aber: „Ob und warum diese Untersuchung unterblieben ist, kann ich natürlich nicht sagen.“

Waren die Ärzte in Altötting bzw. Burghausen also zu unaufmerksam und haben Hinweise übersehen – die Adrian noch retten hätten können? Diese Fragen werden wohl immer offen bleiben. Jessica F. hat jedenfalls jegliches Vertrauen zu Ärzten verloren. „Ich bin überall nur belächelt worden.“

Rückblickend sagt die 23-Jährige: „Ich würde so gerne sagen: ‚Ja wir haben wenigstens alles versucht.‘ Aber er hat sterben müssen wie ein Versuchskaninchen.“ So bleibt der Burghauserin nur noch ein Appell an alle Mütter: „Vertraut eurem Gefühl! Lasst eure Sorgen von den Ärzten nicht kleinreden.“

Die Kreisklinik Altötting gab der tz keine Stellungnahme zu dem Fall – trotz mehrmaliger Anfragen und obwohl Jessica F. die zuständigen Ärzte ausdrücklich ihrer Schweigepflicht entbunden hatte.

ast

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