Räumung am Hauptbahnhof - das war der Grund

Räumung am Hauptbahnhof - das war der Grund
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„Wir haben genau die Lücke getroffen.“ Diakon Ludwig Streicher, 63, in seiner Trödeltenne in Utting im Landkreis Landsberg am Lech. Seine Idee hat eingeschlagen wie der Blitz.

Streichers Tennen

Der König von Trödelwunderland

Utting - Soziale Marktwirtschaft zum Anfassen: Diakon Ludwig Streicher hat in Denklingen und Utting zwei Warenhäuser für Neues und Gebrauchtes eröffnet. Von Dessous bis zu Krückstöcken gibt es hier alles. Jeder Besuch ist eine gute Tat – und ein mordsmäßiger Spaß.

Einmal hat der Diakon sogar Dessous bekommen. Beate Uhse, originalverpackt. Die Frau war ein bisserl verschüchtert, die Wangen knallrot, als sie ihre Reizwäsche in die Trödeltenne von Ludwig Streicher brachte. „Nehmen Sie so was überhaupt?“, hat sie gefragt. „Man hat mir erzählt, so was darf man nicht zu Ihnen bringen.“ Die Antwort von Ludwig Streicher, 63: „Natürlich nehmen wir Dessous.“ Warum auch nicht.

Hier geht’s lang – zum Warenhaus für Neues und Gebrauchtes. Da, wo es alles gibt, vom Golfschläger bis zum Eierkocher und zum Schreibtisch.

In seinem alten, zugigen Bauernhof in Utting am Ammersee verkauft der dauergutgelaunte, glatzköpfige, wirbelwindartige Mann auf drei Stockwerken alles, was man halt so verkaufen kann. Gebrauchte Stühle, Golfschläger, Gehstöcke, Eierkocher, Gläser, Heiligenfiguren, Kruzifixe, Bücher, Schallplatten mit den schönsten Volksliedern aus Ostpreußen und tausend, nein, wahrscheinlich zehntausend andere Dinge. Streicher ist der König von Trödelwunderland. Der Neuerfinder der Sozialen Marktwirtschaft, wenn man ein bisschen übertreiben will.

Spieletest. Die Frauen sind noch unschlüssig, ob sie „Superhirn“ nehmen sollen.

In Denklingen im Kreis Landsberg am Lech, direkt an der B 17, hat er eine zweite Trödeltenne. In der Woche verkauft er insgesamt eine Tonne gebrauchte Kleider und gut und gerne 800 Bücher. Überragende Zahlen. Aber noch überragender, schöner, herzergreifender ist seine Idee: Die Waren bekommt er gratis. Er bekommt sie geschenkt von lieben Mitbürgern, die ihre Wohnung räumen oder die keinen Platz mehr für Dessous oder das Kaffeeservice von Tante Agathe haben. Mit den Einnahmen hilft Streicher armen Rentnern in der Umgebung, notleidenden Familien, Obdachlosen. Ein Konzept, bei dem es viele Gewinner gibt. Er sagt: „Wir haben genau die Lücke getroffen. Wir sind kein Sozialkauf, aber auch kein Antiquitätenhändler.“ Seine Kundschaft: Bedürftige, Schnäppchenjäger, Krimskramsliebhaber – und natürlich Dirk Cotterli.

Gaudi im Trödelparadies: das Ehepaar Kalus (l.) aus Utting, Diakon Streicher.

Der bärengroße Rentner und frühere Lehrer aus Landsberg kommt jeden Freitag nach Utting. Ein eingefleischter Trödelfan. „Wenn man einkaufen geht“, sagt er, „hat man eine Liste. Wenn man hier herkommt, weiß man nicht, was einen erwartet.“ Der Warenumschlag ist riesig. Was Streicher im Angebot hat, ist jedes Mal eine Wundertüte. Heute hat Cotterli schon eine Teekanne, ein Küchenlexikon, ein Bild, einen Geldbeutel für die Enkelin und eine gelbe Segeljacke, Preis vier Euro, beiseite gelegt. „Da schimpft mich meine Frau wieder“, sagt er, „wenn ich so viel heimbringe.“ Er lacht, aber der Einkaufsvormittag ist noch nicht zu Ende. Nachher wird er noch ein fantastisches Fernglas finden. Meistens bleibt er drei, vier Stunden in der Tenne. Und er hat einen Trick, um seine Gattin zu besänftigen: Briefmarken. „Sie sortiert sie“, sagt er, „fürs Leben gern.“ Er muss nur welche finden, so macht’s der Profi, dann droht daheim kein Ungemach, dann kann er einkaufen wie der Teufel.

Willkommen im Trödelwunderland: Manche Kunden kommen alle paar Tage, um zu schauen, was es Neues gibt.

Ein ganz gewöhnlicher Freitagvormittag – und in der Trödeltenne geht’s zu wie im Hühnerstall. Kunden kommen, Kunden kaufen, Kunden gehen. Menschen bringen Bücher vorbei, Kleider, Brettspiele, alles mögliche. Plötzlich kommt eine Frau rein, sie hat’s arg eilig. Sie mistet zu Hause grad aus. „Mein Mann kauft immer ganze DVD-Reihen“, sagt sie. „Aber schaut sie nie an. Hier für Sie, Herr Streicher.“ Zack, und schon ist der König von Trödelwunderland um eine Tüte mit nigelnagelneuen DVDs reicher. Das beste daran: Alle sind danach glücklich – die Frau, die Kunden, Streicher und die Bedürftigen, die er unterstützt, sowieso. Es ist ein kleines Wirtschaftsmärchen, das so in keinem Ökonomie-Lehrbuch vorkommt. Aber doch wie die Faust aufs Auge zu Ludwig Streichers Lebensweg passt.

Längst reserviert. Das Service hat bereits einen Abnehmer.

Der gebürtige Uttinger hat in jungen Jahren Betriebswirtschaftslehre studiert, danach in der Baubranche gearbeitet und parallel dazu Theologie studiert. Er ließ sich weihen, kehrte dem Bau den Rücken und arbeitete über zehn Jahre im Kloster Andechs in der Wallfahrtskirche, später in Dießen am Ammersee. Dann der Bruch: Die Trennung von seiner Frau und der Kirche als Arbeitgeber. Seitdem ist er selbstständig. Als freier Seelsorger traut er Paare, die nicht kirchlich heiraten möchten. Wenn jemand Hilfe beim Schneeräumen braucht, den eigenen Garten nicht mehr versorgen kann, einen Einkaufsservice braucht oder endlich mal wieder in Begleitung ins Kino will, dann besorgt Streicher jemanden. Oder übernimmt den Einsatz gleich selbst. Das ist der Dienstleistungssektor.

Stammkunde: Diesmal kauft Dirk Cotterli eine Segeljacke.

Aber die meiste Zeit steckt er doch in die Warenhäuser. Gerne würde er ein drittes eröffnen – irgendwo zwischen Herrsching und Starnberg. In dem Speckgürtel-Wohlstandsgebiet vermutet er gigantische Bestände an Möbeln, Kleidern, Haushaltsgeräten, die in Kellern liegen und nur darauf warten, von Streicher für kleines Geld verkauft zu werden. Aber er sucht noch die richtige Immobilie. „Ich bin auch schon für verrückt erklärt worden“, sagt er. Was macht dieser rastlose, kauzige Diakon jetzt schon wieder? Das haben sich die Leute gefragt. Früher hat er Sechser-Schülern Dampferausflüge spendiert – als Antwort auf die Idee des bayerischen Finanzministers, Einser-Schüler mit Gratisfahrten auf Bayerns Seen zu belohnen. Streicher denkt gegen den Strom – er kann nicht anders. Kürzlich war eine Frau in seinem Warenhaus. Nach dem Einkauf sagte sie: „Wenn es so was nach dem Krieg gegeben hätte, dann wäre vieles leichter gewesen.“

Heilige Abteilung: Alles für den Glauben haben sie hier auch.

Gerade sind Rosemarie Kalus aus Utting und ihr Mann Peter im Warenhaus. Sie haben da ein bisserl mit anderen Kunden geratscht, dort ein bisserl rumgeschaut. Jetzt sagt Rosemarie Kalus: „Immer wenn ich hier war, bin ich danach glücklich.“ Im Winter ist es in der Tenne zwar bibberkalt, aber trotzdem ist einem irgendwie warm. Weil alle so herzlich miteinander umgehen. Weil der Ort mehr ist als eine günstige Einkaufsmöglichkeit am Ammersee. Die Tenne ist ein Treffpunkt.

Textilbörse: Eine Tonne Kleidung geht pro Woche weg.

Ludwig Streicher ist inzwischen ein paar Mal durch sein Warenhaus gefetzt, hat einen Schreibtisch verkauft, an der Kasse ausgeholfen, telefoniert, Bücher durch die Gegend getragen und auch noch seine Lieblingströdelgeschichte erzählt. Die geht so: Vor einiger Zeit war ein älteres Ehepaar in „Streichers Tenne“. Der Ehemann war auf der Stelle vernarrt in ein Geschirr-Service, das er in irgendeinem Eck entdeckt hatte. „Schau, ganz, ganz wundervoll. So eines wollte ich schon immer mal haben.“ Die Ehefrau hat sich die Schwärmereien eine Zeitlang angehört, dann hat sie gesagt: „Schatz, das ist unseres, das haben wir vor ein paar Monaten hergebracht.“

Tiefpreis-Teppich: In der Tenne sind die Preise sehr günstig.

So kann es gehen – erst in dieser magischen Tenne entdeckt man die Schönheit mancher Dinge. Zurück nach Hause nehmen durfte er das Geschirr trotzdem nicht. Die Ehefrau hat’s verboten.

Streichers Tennen

In Denklingen in der Dr. Manfred-Hirschvogel-Str. 11. In Utting am Seefelderhofberg 10. Öffnungszeiten: Montag bis Freitag, 11-18 Uhr; Samstag 10-16 Uhr.

Stefan Sessler

Am morgigen Freitag erscheint die nächste Panorama-Seite im Münchner Merkur.

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