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Bayerns Königstreue sind in Aufruhr. Grund ist ein neu erschienenes Buch, das für sie eine infame Majestätsbeleidigung ist.

Königstreue empört - Märchenkönig ein Vergewaltiger?

München - Bayerns Königstreue sind in Aufruhr. Grund dafür ist ein neu erschienenes Buch über "ihren Kini", das für sie eine infame Majestätsbeleidigung ist.

Ludwig II., der Erbauer der Schlösser von Neuschwanstein, Herrenchiemsee und Linderhof, soll nicht nur homosexuell gewesen sein, sondern zum Ausleben seiner Neigung untergebene Reitersoldaten sexuell missbraucht haben. So steht es in dem soeben erschienenen Buch "Ein König wird beseitigt: Ludwig II. von Bayern" des Heidelberger Psychiater und Neurologen Heinz Häfner. "Die Erkenntnisse stehen auf einer sehr soliden Basis, das Buch ist eine wissenschaftliche Arbeit", verteidigt sich Häfner gegen Angriffe.

"Das hat sich der Herr Professor aus den Fingern gesogen und dafür keinerlei Beweise vorgelegt", wirft der Vorsitzende der Königstreuen in Bayern, Stefan Jetzt (Altötting), dem Buchautor vor. Die Vorwürfe gegen den König seien "wirres Zeug", Häfner sei mit dem Namen "Ludwig II." auf Sensationen aus, ohne die Beweise dafür zu liefern. Jetzt: "Der König war viel zu katholisch, um sich an Untergebenen zu vergreifen." Die Vorwürfe in Häfners Buch seien eine "Ehrverletzung" des 1886 gestorbenen Königs, der sich nicht mehr verteidigen könne.

Dem widerspricht Häfner entschieden. Er habe in seinem über 540 Seiten starken Buch seine Angaben mit seriösen Quellen belegt. Als Wissenschaftler sehe er sich der Wahrheit gegen jede Legendenbildung verpflichtet. "Es gibt eindeutige Briefe des Königs an Lakaien mit dem Hinweis, diese sofort zu verbrennen, was offenbar nicht geschehen ist", belegt Häfner seine Erkenntnisse. Diese Schreiben ließen es nicht an "anatomischer Deutlichkeit" fehlen. "Die homosexuellen Neigungen des Königs wurden doch damals an den Wirtshaustischen offen diskutiert." Das habe dann auch entscheidend für die Absetzung des Königs durch seinen Onkel, den Prinzregenten Luitpold, beigetragen.

Davon will der Berliner Ludwig-Forscher und Autor mehrerer Ludwig-Bücher Peter Glowasz nichts wissen. Für ihn sind Häfners Angaben "abscheuliche Unterstellungen" ohne "seriöse Quellen". Die von Häfner angeführten Briefe signalisierten zwar ein sexuelles Interesse des Königs an Männern, Beweise für einen "tatsächlichen homosexuellen Verkehr" gebe es aber nicht. Allerdings räumt Glowasz ein, dass diese Verdächtigungen bei der "Beseitigung des Königs" 1886 eine erhebliche Rolle gespielt hätten. Glowasz ist wie die meisten Königstreuen der felsenfesten Meinung, dass Ludwig II. erschossen worden ist und nicht - wie offiziell angegeben - im Starnberger See ertrunken ist.

Häfner bedauert die einseitige Bewertung seines Buches nur aus der Perspektive der homoerotischen Züge des Märchenkönigs. Er habe in seinem Buch schlüssig dargelegt, dass Ludwig nicht geisteskrank war, wie es bis heute behauptet wird. "Ludwig war ein geistig hochbegabter, gewissenhafter und intensiv künstlerisch interessierter Mann." Seine historischen Verdienste, wie die Gründung der Technischen Universität München, werden nach Häfners Meinung bis heute verschwiegen. Allerdings stand Ludwig II. in einer damals nicht mehr zeitgemäßen dynastischen Tradition, der Hinwendung zur absolutistischen Monarchie. Wegen seiner Schüchternheit habe er seine repräsentativen Verpflichtungen in der Öffentlichkeit, nicht aber seine Regierungsgeschäfte vernachlässigt. Häfner: "Er war beim Regieren extrem sorgfältig, litt aber wegen seiner sexuellen Neigungen massiv an Schuldgefühlen".

Für die Königstreuen und Monarchisten in Bayern bleibt Ludwigs Bild unangetastet. Für sie ist und bleibt er die Lichtgestalt in Bayerns 200-jähriger Monarchie von Napoleons Gnaden. Darauf soll kein Schatten fallen. Deshalb kommt Glowasz auch zu dem Schluss, Heinz Häfner habe mit seinem Buch dem Ansehen Ludwig II. "sehr geschadet". Die Gefühlswelt Ludwig II. sei so außerordentlich, dass alle Versuche einer sexueller Festschreibung vor ihr versagen müssen.

Nikolaus Dominik, dpa

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