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Der 57-jährige Sex-Täter, der derzeit in Heinsberg bei Verwandten lebt.

Kommt die Sex-Bestie zurück nach Bayern?

Heinsberg/Geretsried - "Kinderschänder raus" skandieren Demonstranten vor dem Haus des Sex-Täters, der von Oberbayern nach Heinsberg gezogen war. Die Anwohner wollen den 57-Jährigen aus dem Ort vertreiben - kehrt er dann nach Bayern zurück?

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Die Bewohner haben Angst

Um 18.00 Uhr standen sie vor dem Haus. 20 Leute mögen es gewesen sein, überwiegend Männer. Alle aus dem Dorf. Zuerst waren sie ruhig, warteten und guckten, bis die Ersten riefen: "Kinderschänder raus aus dem Haus". Die anderen fielen ein. Die Stimmung wurde gereizt. "Gut, dass die Polizei da war. Ansonsten wäre vielleicht noch was passiert", sagte ein Augenzeuge am Mittwoch. Am Abend wollten sich die Menschen in dem Dorf bei Heinsberg wieder vor dem Haus treffen, für eine Großdemo. Und jeden Tag danach - so lange, bis der aus der Haft entlassene Sexualverbrecher aus dem Ort in Nordrhein-Westfalen verschwindet. Möglicherweise kehrt er dann zurück an seinen alten  Wohnort in Penzberg (Kreis Weilheim-Schongau).

1984 hatte der 57-jährige Mann eine 17-jährige Schülerin vergewaltigt und dafür eine sechsjährige Haftstrafe verbüßt. 1994 nahm er in Geretsried (Kreis Bad Tölz-Wolfratshausen) zwei Schülerinnen in seinem VW-Bus mit und vergewaltigte sie an einer abgelegenen Stelle stundenlang. Vergangenes Wochenende kam er nach weiteren 14 Jahren Haft aus dem Gefängnis frei -gegen den Antrag der Staatsanwaltschaft auf nachträgliche Sicherungsverwahrung zum Schutz der Bevölkerung. Gutachter bescheinigen dem Mann sadistische Züge und einen Hang zu weiteren schwersten Straftaten. Er hält sich bei Verwandten in dem Dorf bei Heinsberg auf.

Der Sex-Täter darf ohne Zustimmung von Aufsicht oder Bewährungshelfer seinen Wohnort nicht verlassen oder den Arbeitsplatz wechseln. Außerdem muss er sich von Orten fernhalten, "an denen sich typischerweise Personen unter 25 Jahren aufhalten, insbesondere von Schulen, Kindergärten und Diskotheken". Allerdings darf er sehr wohl am öffentlichen Leben teilnehmen. In der Bestimmung heißt es, um dem Mann "eine gewisse Entfaltungsmöglichkeit" hinsichtlich seiner möglichen Freizeitaktivitäten zu belassen, sei davon abgesehen worden, ihm den Besuch von Freizeiteinrichtungen und Volksfesten "sowie sonstigen Vergnügungsstätten" zu verbieten.

Als der Mann zu seinen Verwandten nach Nordrhein-Westfalen gezogen war, ging Landrat Stephan Pusch (CDU) in die Offensive und informierte die Bevölkerung. Alles andere wäre mit seinem Gewissen nicht vereinbar gewesen, sagte er. "Die Information der Bevölkerung war für mich eine der Maßnahmen, das Risiko, das von diesem Täter ausgeht, zu minimieren und die Information der Öffentlichkeit in sachliche Bahnen zu lenken." Er habe nichts gesagt, was nicht schon vorher durch die Medien bekanntgewesen sei. Fernsehteams hätten den Mann von Bayern nach Heinsberg "begleitet" und berichtet. Eine ungewöhnliche Situation wie diese verlange Zivilcourage, auch wenn er sich damit der Kritik aussetze.

Der Aufruhr in Heinsberg ist kein Einzelfall. Auch in Joachimsthal in Brandenburg und in Quedlinburg in Sachsen-Anhalt gab es zuletzt Bürgerproteste gegen aus der Haft entlassene Sexualstraftäter. In Joachimsthal wird ein 50-Jähriger, der wegen wiederholter Vergewaltigungen 22 Jahre im Gefängnis saß und Anfang 2008 auf freien Fuß kam, noch bis mindestens Mai rund um die Uhr von Polizisten überwacht. In Quedlinburg verfolgten Ende 2006 Anfang 2007 zwei Monate lang 32 Polizisten im Schichtsystem einen aus der Haft entlassenen Frauenmörder auf Schritt und Tritt. In beiden Fällen waren Anträge für eine nachträgliche Sicherungsverwahrung gescheitert.

Der Schritt des Heinsberger Landrates sei mit dem Recht nicht vereinbar, kritisierte eine Sprecherin der NRW-Datenschutzbeauftragten. Straftäter hätten nach Verbüßung ihrer Strafe ein Recht auf Wiedereingliederung in die Gesellschaft und damit auf freie persönliche Entfaltung. "Man kann sie nicht, wenn das Strafverfahren beendet ist, an den Pranger stellen", sagte Sprecherin Bettina Gayk. Das Vorgehen des Landrats sei "gänzlich ungeeignet", die Bevölkerung zu schützen. Es müssten andere Maßnahmen greifen, etwa eine engmaschige Kontrolle des Entlassenen.

"Wir ziehen den Hut vor dem Landrat. Er war sich sicher bewusst, dass das Folgen haben kann", sagte dagegen Dorfbewohnerin Anja Marx. Sie hat ihre neunjährige Tochter zum Schulbus gebracht, wie alle anderen Mütter an diesem und jedem anderen Morgen seit dem Wochenende. Keine lässt ihr Kind mehr allein auf die Straße, nicht zum Bus, nicht zur Schule, nicht zur Freundin oder nicht zur Oma, die nur zehn Minuten entfernt wohnt. "Wir haben Angst", sagte Anja Marx.

Diese Angst erfasst die Familien, aber auch die Schule. "Beim Unterricht ist das Schulgebäude abgeschlossen", sagt Marion Lenzen, die in den Freistunden Schulkinder betreut. In dieser Zeit müssen die Kinder die Toiletten im Gebäude benutzen. In den Pausen dürften die Schüler auf den Schulhof, der aber eingezäunt ist.

Das Haus, in dem sich der entlassene Häftling aufhält, liegt am Dorfrand. An der Straße dorthin hängt an einem Imbiss eine Kopie in Schwarz-Weiß, die einen Mann in den Fünfzigern zeigt, über den Augen ein schwarzer Balken. "Passt auf Eure Kinder auf", steht darüber. Vor dem Haus, das im Ort jeder kennt, steht ein schwarzer Kleinwagen. Die Polizei bestätigt das nicht direkt. Aber die Menschen wollen wissen, dass der 57-Jährige von dort aus rund um die Uhr beobachtet werde.
"Die Leute wollen erreichen, dass er von selbst wieder verschwindet", sagte eine Mutter von zwei sechs- und dreijährigen Mädchen, die eine Gaststätte betreibt. In ihrer Kneipe gebe es kein anderes Thema mehr. "Immer wird darüber gesprochen und dabei entwickelt sich auch ein gewisses Aggressionspotenzial."

Mit einer Beschwerde beim Oberlandesgericht will die Münchener Staatsanwaltschaft erreichen, dass der Ex-Häftling wieder ins Gefängnis kommt, bis zu einer Revisionsentscheidung des Bundesgerichtshofs. Ursprünglich sollten die OLG-Richter schnell entscheiden. Mit ein paar Tagen hatte man gerechnet. "Es könnte maximal zwei Monate dauern", sagte Gerichtssprecher Hans-Kurt Hertel.

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