Kongress über bayerische Identität: Grüne suchen nach der Heimat

München - Lange genug hätten die Christsozialen einen ausgrenzenden, reaktionären Heimatbegriff geprägt, schimpfen die Grünen. Sie wollen, dass Heimat künftig anders verstanden wird - und basteln schon an einem Konzept.

Das ist kein Angriff von außen. Da sitzt kein Zuagroaster, der den Leuten hier erklären will, wie der Hase läuft. Die Landtags-Grünen bieten Sepp Dürr auf, den Biobauern aus Germering (Landkreis Fürstenfeldbruck), um zu erklären, wie sie es künftig halten wollen mit der Heimat.

Sie haben noch keine exakte Vorstellung davon, wo sie hinwollen. Aber wovon sie wegwollen, das wissen die Grünen ganz genau: Vom Heimatbild der CSU, dem laut Dürr nicht jeder angehören darf. „Die CSU hat ihre Mia-san-mia-Mehrheit gebildet, indem sie die Minderheiten in der eigenen Bevölkerung davon ausgegrenzt hat“, sagt der Abgeordnete.

Aber das funktioniere heute nicht mehr. Denn diejenigen, die früher von den Christsozialen als Bürger zweiter Klasse behandelt worden seien, würden mittlerweile den Ton angeben, meint Dürr. „Die san einfach die mehran - und die schweran.“ Sein Beleg: Die Wahl von Michael Adam - jung, schwul, evangelisch, SPD-Mitglied - zum Landrat im niederbayerischen Regen.

Nun wollen die Grünen ein Konzept für Heimat entwickeln, das Minderheiten und Zugezogene einbezieht. Dabei sind sie, so Dürr, „in vielen Bereichen selber noch in der Meinungsbildung“. Am kommenden Samstag will die Landtagsfraktion diese Meinungsbildung in Regensburg bei einem Kongress unter dem Motto „Regionale Identität in einer globalisierten Welt“ vorantreiben.

Es soll um Fragen der Tradition gehen, wie den Schutz von Dialekten und die Gestaltung einer freieren Dorfkultur. Aber auch um Themen, die auf den ersten Blick nicht ganz so eng mit dem klassischen Heimatbegriff verbunden sind: Passt Windkraft in unsere Landschaft? Was haben Vertriebene und Flüchtlinge zur bayerischen Kultur beigetragen?

Den Landtags-Grünen geht es nicht nur darum, Bayern aus ihrer Sicht lebenswerter zu gestalten. Es geht ihnen auch darum, am heimatdurchdrungenen Markenkern der CSU zu kratzen, um den Christsozialen Wählerstimmen abzujagen. Deshalb versucht Dürr nun, den modernen Heimatbegriff so für die Grünen zu vereinnahmen, wie es die CSU lange mit dem alten gemacht hat. „Wir sind der politische Kern einer neuen Heimatbewegung“, sagt er. Die CSU will das der Oppositionspartei so nicht durchgehen lassen. „Die Grünen haben die bayerische Heimat nie verstanden und sie wollen unsere bayerische Tradition nicht verstehen“, kritisiert Generalsekretär Alexander Dobrindt. „Wer Kruzifixe aus den Klassenzimmern holen und islamische Feiertage einführen will, der will unsere bayerische Heimat nicht bewahren, sondern verfälschen.“

Dürr und seine Parteifreunde haben Heimat als Profilierungsfeld gewählt, weil sie in der Bevölkerung gesteigertes Interesse an dem Thema ausgemacht haben. „Es gibt eine starke Sehnsucht nach Heimat“, sagt der Grüne und führt die „Wiederkehr des Dialekts“, den Trend zur Tracht und die Beliebtheit von Regionalkrimis als Beweis an.

Kabarettist Michael Lerchenberg, der zwar kein Grüner ist, aber beim Heimat-Kongress der Fraktion ein Referat halten wird, wertet die neue Heimatverbundenheit als „Reaktion auf die Internationalisierung und Globalisierung“. Jahrzehnte, nachdem die Nazis den Ausdruck missbraucht hätten, sei „einfach das Bedürfnis da nach einem positiv besetzten Heimatbegriff“. Lerchenberg verweist außerdem darauf, dass das Ganze keine Erfindung der Politik sei. „Letztendlich kommt die Bewegung von unten“, sagt er. Es sei ja nicht so, dass Parteien da etwas angestoßen und beispielsweise gesagt hätten: „Leute, macht neue Volkslieder.“ Und überhaupt, so wahnsinnig neu findet er das Thema ohnehin nicht. Schon der vor Jahrzehnten verstorbene Schriftssteller Oskar Maria Graf habe erkannt: „Provinziell muss die Welt werden, dann wird sie menschlich.“

Von Andreas Zimniok

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