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Attraktives Zentrum: der Marienplatz in Weilheim, soeben für 1,5 Millionen Euro saniert. Die Stadt sorgt vor – und Weilheim leuchtet.

Konkurrenz Grüne Wiese: Innenstädte bluten aus - oder?

Die Ortszentren stehen unter Druck: Einkaufsparks im Gewerbegebiet und Fachmärkte in Randlagen ziehen Kaufkraft und Menschen ab. Alt- eingesessene Geschäfte darben. Wie ist die Lage in Oberbayern? Eine kleine Geschäftsreise.

Erding

Am Stadtrand von Erding entsteht seit 2007 ein riesiger Einkaufspark. Das Gewerbegebiet Erding-West liegt verkehrsgünstig an der Flughafentangente-Ost. Die Sorgen in der Innenstadt sind groß. Hugo Gruber, Stadtrat, Bekleidungshändler und Chef des Einzelhandelsvereins Ardeo, sieht die Innenstadt vor dem Ausbluten – zumal in Erding-West innenstadtrelevante Waren verkauft werden. Weitere Filialisten stehen Schlange. CSU-Bürgermeister Max Gotz hält dagegen: „Wir brauchen das Gewerbegebiet, um Kaufkraft zu halten, zurückzugewinnen und neu zu generieren.“ Die Kundschaft sei mobil. Das letzte Möbelhaus im Zentrum schloss vor wenigen Monaten, ebenso das letzte Spielwarengeschäft. Beide Sortimente gibt es in Erding-West aber noch nicht. Immer mehr Händler in der Altstadt plädieren dafür, sich im Stadtkern, wo der Leerstand nicht übermäßig groß ist, auf alte Tugenden zu besinnen: auf eine liebenswerte Altstadt, die zum Flanieren und Shopping einlädt. (ham)

Dachau

„Dachaus Stadträte haben die Altstadt sterben lassen.“ Das hört man von alteingesessenen Geschäftsleuten seit dem Beschluss, im Osten der Stadt ein Gewerbegebiet zu genehmigen. Um den Kaufkraftabfluss nach München zu stoppen, plante man auf der grünen Wiese ein riesiges Einkaufszentrum, das seit mehr als einem Jahrzehnt floriert. Anders ist die Lage im Zentrum: Die Kundschaft bleibt aus, es ist mitunter leer. Dabei steuern Stadt, Marketingvereine und Werbegemeinschaften seit Jahren dagegen – erfolglos. Selbst ein City-Bus vom Bahnhof hinauf zur Altstadt brachte wenig. Und: Auch am südlichen Stadtrand sowie im benachbarten Karlsfeld siedeln sich immer mehr Fachmärkte an. Hoffnung keimt: Das seit Jahren leerstehende Kaufhaus Hörhammer öffnet wieder mit Geschäften. (gö)

Münchner Norden

Die starke Ausrichtung nach München prägt die schnell gewachsenen Gemeinden und jungen Städte im Norden des Kreises München. Im Garchinger Stadtzentrum gibt es kaum Einzelhandel. Es fehlt ein Laden des täglichen Bedarfs wie eine Bäckerei, Metzgerei oder ein Supermarkt, der Laufkundschaft anzöge. In Kirchheim ringt der Gemeinderat seit 20 Jahren um ein neues Ortszentrum mit Läden – nun gibt es in Heimstetten und München-Riem Einkaufszentren, die Kaufkraft abziehen. Die Händler der Bezirksstraße in Unterschleißheim, eine traditionsreiche Einkaufszeile, blicken skeptisch auf das geplante Fachmarktzentrum an der Landshuter Straße. Einige prognostizieren den „Tod der Bezirksstraße“. (gü)

Weilheim

Weilheims Fußgängerzone ist die älteste im Oberland, sie wurde 1976 eröffnet. In der Innenstadt hält sich neben einigen Filialisten wie Fielmann ein bunter Mix alteingesessener Läden und Cafés. Gegenspieler ist der Neidhart-Einkaufspark am Stadtrand, mit Media Markt, Hagebau und McDonald’s. Um die Innenstadt zu stärken, baute die Stadt am Rand der Fußgängerzone eine Tiefgarage mit günstigen Tarifen, das jährliche Defizit von rund 200 000 Euro trägt sie auch. Zudem steckte Weilheim viel Geld in die Innenstadt-Sanierung: rund 8 Millionen Euro in drei Jahren. Die Sortimente der Geschäfte im Einkaufspark überprüft die Stadt, sie dürfen nicht innenstadtrelevant sein – heißt es. (gre)

Schongau

Schongau sieht sich im Aufwind. „Ich sehe in der Altstadt viel Potenzial“, sagt Bürgermeister Karl-Heinz Gerbl. Es stehen zwar immer wieder Ladenflächen zum Verkauf oder zur Vermietung, aber in Schongau haben sich die Geschäftsleute zusammengerauft. „Sie wollen etwas bewegen“, erklärt Gerbl. Auch wenn dies, etwa wegen der strengen Satzung für Werbung und Gestaltung der Fassaden, schwierig ist. Immerhin: Kürzlich wurden die lange leerstehenden Räume im Gonizianer-Haus vermietet. (kp)

Miesbach

Um die Innenstadt zu stärken, bemühte sich Miesbach nach der Insolvenz des Kaufhauses Sundheimer um einen „Frequenzbringer“ in zentraler Lage. Im Oktober 2008 eröffnete am Bahnhofsplatz das Oberland-Center, ein Einkaufszentrum mit Parkhaus, das unter anderem einen Lebensmittel-, Textil- und Drogeriemarkt sowie Fachgeschäfte und Gastronomie beherbergt. Investitionsvolumen des Privatinvestors: rund neun Millionen Euro. In den Gewerbegebieten im Norden und Osten sollen nur Bewerber zum Zug kommen, deren Sortiment den zentralen Einzelhandel nicht bedroht. (tt)

Wolfratshausen

In der Flößerstadt gibt es außerhalb der Altstadt Auflagen für den Einzelhandel. Teile des Gewerbegebiets rund um den Hans-Urmiller-Ring sind in Sondergebiete eingeteilt, wo Einzelhandel erlaubt ist. Dort gibt es Verbrauchermärkte wie Rewe und Aldi, Gartenbaumärkte wie BayWa und Dehner sowie das Möbelhaus Möbel Mahler. „Im restlichen Gewerbegebiet ist Einzelhandel generell verboten, aber der Bebauungsplan sieht eine Befreiungsmöglichkeit vor“, so Bauamtschef Dieter Lejko. Im neuen Gewerbepark an der Loisach fiel die Sortimentsbeschränkung nach einer Änderung des Bebauungsplans: Auch dort ist nun Einzelhandel zulässig. (nej)

Bad Tölz

Leere Innenstadt? Das kennt Bad Tölz nicht. Die historische Marktstraße mit Cafés und Wirtschaften ist ein Besuchermagnet. Großereignisse wie Leonhardifahrt und Märkte locken Kunden. „Es herrscht ein schöner Stress – so soll es sein“, sagt Brita Stecher von der Touristen-Information. (stb)

Freising

„Die Freisinger Altstadt bietet ein vielfältiges Angebot an Geschäften mit einem ausgewogenen Branchenmix“, sagt Richard Grimm von der Einkaufsgemeinschaft Freisinger Innenstadt. Grimm sieht keine Gefahr durch die „grüne Wiese“. Skeptisch blickt er in Kreis-Gemeinden, die häufiger den Bau von Gewerbegebieten zulassen. „Das zieht Kunden ab. Aber das genügt nicht, um unsere Innenstadt ausbluten zu lassen.“ (ws)

Moosburg

In Moosburg (Kreis Freising) sorgt ein großes Einzelhandels-Projekt für Unruhe: Eine Essener Gesellschaft plant ein Groß-Objekt im Gewerbegebiet Degernpoint. Ein Exposé richtet sich indirekt auch an Unternehmen in der Innenstadt, die das im Angebot haben, was in der Liste der innenstadtrelevanten Sortimente steht. Zweiter Bürgermeister Martin Pschorr ist besorgt: Der Stadtrat müsse nun zügig den Bebauungsplan ändern. (kk)

Münchner Süden

Die „Piazza del Campo“ in Siena war Vorbild für den Rathausplatz in Unterhaching, doch italienisches Flair hat er nicht. Lokale schließen von 14 bis 17 Uhr, Ladenleerstand und hohe Fluktuation kommen hinzu. Geschäftiges Treiben herrscht indes am Grünwalder Weg, wo ein riesiges Gewerbegebiet entstanden ist. Schuhe, Pflanzen, Baubedarf, Einrichtung, Bekleidung, Fast-Food, Elektroartikel, Discount- und Drogeriewaren – es gibt dort fast alles. Bürgermeister Wolfgang Panzer (SPD) will nun das Ortszentrum erneuern, um „mehr Frequenz am Rathausplatz zu generieren“.

Garmisch-Partenkirchen

Zwei Ortsteile, zwei Zentren. Auf der einen Seite Garmisch mit seiner Fußgängerzone, „wo das Geschäft brummt“, wie Florian Möckl vom Gewerbeverband sagt. Auch Einzelhandelsketten drängen hin. Auf der anderen Seite Partenkirchen mit historischem Kern, „in dem es langsam zu beschaulich wird“: Immer mehr Läden stehen leer. Ein Schicksal, das beide Ortsteile in den Randlagen teilen. Seit Frühjahr bemühen sich Citymanagerin und Wirtschaftsförderer zusammen mit dem Gewerbeverband und den Werbegemeinschaften um mehr Wirtschaftskraft. Der Gemeinderat will helfen und keine großen Lebensmittelmärkte mehr außerhalb zulassen. (matt)

FFB/Germering

In den Innenstädten Fürstenfeldbrucks und Germerings kämpfen Geschäfte ums Überleben. Viele Kunden fahren ins nahe München. Auch die Einkaufszentren in Freiham und in der Buchenau locken, ebenso Baumärkte und Gartenzentren. Fürstenfeldbruck will sein Zentrum mit Hilfe des Programms „Leben findet Innenstadt“ attraktiver machen. Unternehmer, Grundstücksbesitzer und Bürger sitzen an einem Tisch. In Workshops sammeln sie Ideen, basteln am neuen Konzept und gestalten die Flächen im Viertel rund um die Hauptstraße neu. (imu)

Ebersberg

Ein Baumarkt vor den östlichen Toren, ein Lebensmittelmarkt und ein Discounter vor den westlichen. Im Norden lockt eine „Autostadt“ – so als hätten die Stadtväter alles getan, um zu verhindern, dass sich wer ins Ebersberger Zentrum verirrt. Der Eindruck täuscht. Handelskonzerne wollten Flächengrößen, die die Kommune im Kerngebiet nicht anbieten kann. Man gab große Grundstücke auf der „grünen Wiese“, sonst wären die Investoren gegangen. In der Innenstadt gibt es aber Flächen, die einer Besitzgemeinschaft gehören. Die hat nun einen Investor an Land gezogen, der 20 Millionen in die Kreisstadt pumpen und ein City-Center bauen will. (ac)

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