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Bayrische Bauernhöfe schreiben rote Zahlen: Tierwohl und Umweltschutz machen das Leben schwer

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Von: Dominik Göttler

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Kühe in einem Stall.
Bayerns Bauernhöfe haben zu kämpfen. © picture alliance/dpa/Angelika Warmuth

Tierwohl, Umweltschutz, aber bitte bezahlbar: Die Gesellschaft fordert viel von den Landwirten. Eine Bäuerin berichtet von ihren alltäglichen Problemen.

München – Sabine Müller (Name geändert) steht in dem 100 Jahre alten Stallgebäude ihres Bauernhofs und blickt mit einem sanften Lächeln auf ihre Kälber. „Die Viecher sind mein Leben“, sagt die 58-Jährige. Für dieses Leben arbeitet sie bis zu 80 Stunden in der Woche auf ihrem Hof, wie sie sagt. Seit 30 Jahren habe sie keinen freien Tag gehabt. „Damit kann ich leben.“ Doch im vergangenen Wirtschaftsjahr hat sie mit ihrem kleinen landwirtschaftlichen Betrieb erstmals rote Zahlen geschrieben. Die Bilanz hat sie auf einen Zettel notiert. Einnahmen wie Milchgeld, Schlachtvieh und staatliche Zuschüsse. Ausgaben vom Futter über den Diesel bis zum Tierarzt. Am Ende steht ein Minus. Und sie fragt sich: „Wie kann es sein, dass bei so viel Arbeit nicht mal das Nötigste zum Leben übrig bleibt?“

Müller betreibt in einem Dorf im westlichen Oberbayern eine konventionelle Landwirtschaft mit knapp 50 Hektar Fläche, 30 Milchkühen und Kälberaufzucht. Sie will anonym bleiben, weil sie sagt, wer den Schaden hat, brauche den Spott nicht noch obendrauf. Aber sie will trotzdem erzählen von ihrer Situation, weil sie glaubt, dass viele Landwirte vor ähnlichen Problemen stehen.

Bayerns Bauerhöfe: Globalisierung und Orientierung am Weltmarkt lassen Preise schwanken

Dass gerade kleinere Bauernhöfe wirtschaftlich unter Druck geraten, ist keine neue Entwicklung, wie Johannes Sauer, Inhaber des Lehrstuhls für Produktions- und Ressourcenökonomie an der TU München, erklärt. „Der generelle Trend ist, dass staatliche Mittel nur noch fließen, wenn bestimmte Leistungen, insbesondere in den Bereichen Umweltschutz und Tierwohl, erbracht werden.“ Die zunehmende Globalisierung und die Orientierung am Weltmarkt lasse die Preise stärker schwanken als früher, der Lebensmitteleinzelhandel nutze seine Marktmacht voll aus. Und der kritische Verbraucher treibt die Landwirte zu stärkeren Investitionen in ökologisch nachhaltige Produktionsweisen und mehr Tierwohl. „Da steigen natürlich die Kosten“, sagt Sauer. Das zwinge die Betriebe zu wachsen – oder zur Spezialisierung. „Gerade Haupterwerbsbetriebe müssen hier knallhart rechnen. Sie müssen sich bei jeder Investition eine Strategie zurechtlegen: Wo will ich hin? Und was ist mein Plan B?“ Eine pauschale Antwort darauf gebe es nicht. Denn jeder Betrieb hat seine eigene Geschichte. Und unterschiedliche Voraussetzungen.

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Strenge Vorgaben für Tierschutz für die Bauernhöfe

Auch der von Sabine Müller. Sie hat spät geheiratet, ihr Mann hilft mit auf dem Hof, ist aber Quereinsteiger. Die Tochter geht noch zur Schule. Das Interesse an der Landwirtschaft sei da, aber ob sie den Hof wirklich übernimmt, steht noch nicht fest. Doch eigentlich müsste Sabine Müller investieren in ihren Betrieb, wenn sie ihn für die Zukunft aufstellen möchte. Immer wieder mahnt das Veterinäramt zum Nachrüsten. „Seit dem Tierschutzskandal im Allgäu sind sie viel strenger geworden“, sagt Müller. „Eigentlich habe ich die Kühe immer im Sommer auf die Weide getrieben.“ Doch weil die Veterinäre nicht einverstanden waren mit dem Anbindesystem, seien ihre Kühe im vergangenen Jahr erstmals ganz im Stall geblieben. „Ich konnte das tägliche Austreiben mit diesen Vorgaben nicht mehr stemmen“, sagt Müller.

Dass das keine Zukunft hat, weiß sie selbst. Doch ein moderner Stall ist teuer. Müller müsste sich viel Geld leihen, ohne zu wissen, ob sie das überhaupt wieder erwirtschaften kann – mit der offenen Nachfolgefrage im Nacken. „Ich verfüttere kein Kraftfutter, spritze kaum und verwende wenig Kunstdünger – so wie es sich die Gesellschaft wünscht.“ Aber dadurch sinke auch die Milchleistung, der Ertrag wird kleiner, das Polster, um einen Kredit abzuzahlen, dünner.

Zwei Arten von Bauerhöfen in Zukunft: Große Betriebe und Bio-Höfe

Professor Sauer beobachtet, dass der Investitionsstau auf Betrieben mit offener Nachfolgefrage häufig besonders groß ist. Für die Zukunft sieht er eine Entwicklung kommen, bei der zwei Arten von Betrieben hervortreten dürften. Große Betriebe mit viel Fläche, die stark auf die neuesten Technologien setzen und damit effizient arbeiten können. „Da wird aber selbst eine Größe von 200 Hektar wahrscheinlich nicht reichen.“ Und daneben Betriebe, die er als „neoökologisch“ bezeichnet. Bio-Betriebe, die ihre Produkte regional vermarkten, mit ihrer ethisch gerechten Produktion werben und dank dieser Nische auch mit weniger Fläche auskommen. Dazu die Nebenerwerbsbetriebe, die in Bayern mittlerweile schon in der Überzahl sind – oftmals aber nicht auf jeden Cent achten müssen, weil das Haupteinkommen wo anders herkommt.

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Bayerns Landwirte müssen „stärker zu Unternehmern“ werden

„In jedem Szenario müssen die Landwirte aber noch stärker zu Unternehmern werden“, sagt Sauer. Sich dabei auch mehr am Konsumenten orientieren. „In der Landwirtschaft wird immer noch zu wenig vom Markt aus gedacht. Daran hat die Agrarpolitik eine Mitschuld, sie hat diese Entwicklung verschleppt.“

Sabine Müller hat das vergangene Jahr überstanden, weil sie neben der Landwirtschaft noch Mieteinnahmen hat. Dazu hat sie ihr Erspartes eingebracht und ein paar kleinere Wiesen verkauft. Aufgeben will sie nicht. „Ich hänge viel zu sehr an den Tieren.“ Von der Politik wünscht sie sich, dass Betriebe wie ihrer nicht vergessen werden. „Da wird immer nur gesehen: Der ist bio oder der ist konventionell. Aber die Zwischenstufen werden nicht gewürdigt.“ Sie wünscht sich, dass Kühe nicht nur zur maximalen Leistung hingezüchtet werden. Dass die Veterinärämter mit Augenmaß vorgehen. Und dass es auch bei der Anbindehaltung eine Abwägung gibt. So viel Bewegung wie möglich für junge Tiere. Dafür Kompromisse bei älteren Kühen, deren Bewegungsdrang nicht mehr so groß sei. Ihr Hauptwunsch aber ist, dass sie mit ihrer Arbeit weiterhin ihren Lebensunterhalt bestreiten kann.

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