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Keime verstecken sich überall: Sie haften an Betten, Türklinken oder an OP-Besteck. Offenbar nehmen viele Kliniken die Hygiene-Bestimmungen nicht ganz so ernst.

Krankenhaus-Hygiene

„Viele Kliniken sind noch in der Ruhezone“

München - Mehr als jedes vierte Krankenhaus in Deutschland schlampt bei der Hygiene, das zeigt eine Studie. Auch in Oberbayern fallen viele Häuser beim Hygienetest durch. Doch wie aussagekräftig sind die Zahlen?

Keime sind unsichtbar. Sie haften an Türklinken, Stethoskopen und Betten. Über eine halbe Million Patienten holt sich jedes Jahr Infektionen in deutschen Krankenhäusern, bis zu 30 000 Menschen sterben daran. Gegen die Keime hilft nur gründliche Hygiene. Dafür gibt es Vorschriften. Doch ein Viertel der Krankenhäuser erfüllt die Hygienestandards nicht. In Bayern haben 20 Prozent der Kliniken zu wenig Hygienepersonal und bleiben damit unter der Empfehlung des Robert-Koch-Instituts. Zu diesem Ergebnis sind das unabhängige Recherchezentrum Correctiv und das ARD-Magazin Plusminus gekommen. Sie haben die Daten der internen Qualitätsberichte von 2059 deutschen Kliniken ausgewertet.

Negativ fallen beispielsweise die „Waldburg-Zeil Kliniken“ in Oberammergau und die Unfallklinik in Murnau auf. Die Klinikleitung in Oberammergau sieht sich allerdings durch die Studie zu Unrecht verunglimpft. „Wir erfüllen alle Vorgaben an die Hygiene“, sagt Geschäftsführer Robert Tauber. Wer daran zweifle, könne in die Unterlagen schauen. Demnach habe die Klinik ein gut funktionierendes Team für Hygiene. Auch eine Hygienefachkraft sei inzwischen im Einsatz.

Murnauer Klinik dementiert Vorwürfe

Auch die Murnauer Klinik dementiert die Vorwürfe. Sie habe die Hygienevorschriften stets erfüllt. Das Traumazentrum verfügt seit Mai 2016 über zwei Krankenhaushygieniker, drei hygienebeauftragte Ärzte, zwei Hygienefachkräfte und 35 Hygienebeauftragte in der Pflege.

Die Studie arbeitet zwar mit Daten von 2014 und sie zählt nur die Stellen im Hygienebereich, statt sich mit der tatsächlichen Hygiene zu befassen. Doch Experten sehen auch aktuell große Mängel. „Viele Kliniken sind noch in der Ruhezone“, sagt Peter Walger von der Gesellschaft für Krankenhaushygiene. Ein Problem sei der Sparzwang vieler Krankenhäuser: „Wo Personalnot herrscht, kann es keine gute Hygiene geben.“

Im Dauerstress käme es zu Versäumnissen bei Pflegern und Schwestern. „Da bleibt der Schmuck dran oder die Hände werden vor Betreten des Patientenzimmers nicht ordentlich desinfiziert.“ Reinigungskräfte hätten oft nur Zeitverträge, würden schlecht geschult, an Feiertagen und am Wochenende käme es teils zu Engpässen.

Viele Krankenhäuser sparen sich momentan auch noch den Hygieniker oder hygienebeauftragte Ärzte. Diese sollen das Pflegepersonal kontrollieren, Hygienepläne erstellen, Keiminfektionen vermeiden und im Ernstfall den Ausbruch mit resistenten Keimen managen und Infektionsstatistiken führen.

Erst ab 2019 soll ein bestimmtes Kontingent an Hygienepersonal Pflicht werden. Dann muss jedes Krankenhaus mindestens eine Hygienefachkraft, einen Hygienebeauftragten unter den Ärzten und einen unter den Pflegekräften haben. Kliniken mit über 400 Betten brauchen zusätzlich einen Hygieniker. Doch ein Fachkräftemangel zeichnet sich ab.

Zusatzausbildung: Krankenhaushygieniker

Über Jahrzehnte sei die Krankenhaushygiene vernachlässigt worden, sagt Walger: „Teilweise wurden Lehrstühle an den Universitäten geschlossen.“ Um die Lücke zu schließen, gibt es nun eine zweijährige Zusatzausbildung zum Krankenhaushygieniker. Allerdings bieten sie nur größere Krankenhäuser an und die Kosten müssen die Kliniken vorfinanzieren. Auch die Ausfälle für Schulungen müssen intern aufgefangen werden. „Viele Krankenhäuser sitzen es aus“, sagt Walger, Sie sparen das Geld für den Hygieniker oder arbeiten mit externen Hygieneärzten. Doch diese sind nicht rund um die Uhr vor Ort.

Positiv bewertet Walger, dass die Kliniken in Smartphone-Zeiten unter öffentlichem Druck stehen. „Jeder kann Fotos von Missständen machen und die Krankenhäuser haben ihren Ruf zu verlieren.“

Zuletzt in Verruf geraten ist so die Amper-Klinik in Dachau. Verdreckte Zimmer und vernachlässigte Patienten, wurden öffentlich. Obwohl diese Klinik nach Recherche von Correctiv alle Hygienevorschriftenl erfüllt.

Aglaja Adam

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