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Seit knapp 16 Jahren kümmert sich Brunhilde R. um ihren pflegebedürftigen Mann Hermann (72), der von der Hüfte abwärts gelähmt ist. Die Pflege lief immer reibungslos. Erst als die 69-Jährige Hermann zur Kurzzeitpflege in ein Heim gibt, treten Probleme auf

Prozess um Pflegemängel 

Hermann R. - Krank nach drei Wochen Kurzzeitpflege

Traunstein – Hermann R. (72) ist drei Wochen in Kurzzeitpflege und kommt stark wundgelegen nach Hause. Pflegepfusch? Selbst ein Gericht kann das nicht zweifelsfrei beantworten. Aber der Fall zeigt, was im Pflegegeschäft schiefläuft.

Bevor er den Gerichtssaal verlässt, reicht der junge Pflegehelfer Brunhilde R. die Hand. Er sagt: „Ich wünsche Ihnen und ihrem Mann trotzdem alles Gute.“ Trotzdem. Die 69-Jährige aus Kienberg (Kreis Traunstein) nickt, blickt unter sich, sagt nichts. Die ganze Zeit glaubte sie, bei dieser Faktenlage würde das Gericht ihr Recht geben – und jetzt das.

Blasen an den Fersen (oben) und eine offene Wunde am Steiß. Die Familie will sich das nicht gefallen lassen.

Brunhilde R. pflegt ihren schwerstbehinderten Mann Hermann seit 16 Jahren. Um einmal durchatmen zu können, bringt sie ihn im Oktober 2012 zur Kurzzeitpflege in ein Heim im westlichen Landkreis Traunstein. Drei Wochen soll Hermann R. dort bleiben. Nach einigen Tagen hat er dicke Blasen an den Fersen. Nach zwei Wochen eine offene Wunde am Steiß – ein Dekubitus, der entsteht, wenn eine Stelle des Körpers abgedrückt und zu wenig durchblutet werden. Selbst der Hausarzt Falk L. sagt vor Gericht, vorher habe sein Patient niemals solche Geschwüre gehabt. Pflegepfusch?

Nur 1000 Euro Schmerzensgeld und Pflegekosten erlassen

Die Familie des Geschädigten glaubt daran und zieht vor das Landgericht Traunstein. Das ist selten genug, nur wenige trauen sich, den juristischen Weg zu gehen. Dass bei dem Prozess nur ein wackliger Vergleich über 1000 Euro Schmerzensgeld und den Erlass der Pflegekosten herausgekommen ist, hat etwas mit den Widersprüchen des Falls zu tun. Und die lassen stark an jene Pflegemängel denken, die von Kritikern immer wieder angesprochen werden.

Widerspruch eins: die Lagerung. Der 19-jährige Pflegehelfer Gerhard M. sagt, er und seine Kollegen hätten den Bewohner Hermann R. regelmäßig umgelagert, um Wundliegen zu verhindern. Allerdings habe sich Hermann R. oft quergestellt und etwa das Kissen unter seinem Rücken wieder weggezogen; im Lagerungsprotokoll ist das festgehalten. Hausarzt Falk L. kann sich seinen Patienten allerdings nur schwer als Querulanten vorstellen. Bisher sei er nie widerspenstig gewesen.

"Wir wissen, dass Lagerungsprotokolle oft gefälscht werden"

Beide Positionen gehen kaum zusammen, auch der Prozess bringt keine Auflösung. Pflegekritiker Claus Fussek kennt aber vergleichbare Fälle. „Wir wissen, dass Lagerungsprotokolle oft gefälscht werden“, sagt er. Der Grund ist meist der gleiche: Personalmangel. Mit zwei Pflegern – oft seien es auch „nur“ Pflegehelfer – auf einer Station könne Dekubitus-Prophylaxe nicht ordentlich durchgeführt werden. „Die Leute liegen dann stundenlang im Bett und werden nicht gelagert. Im Protokoll steht aber etwas anderes.“

Vor Gericht war das kein Thema. Wie sollte auch ein gefälschter Bericht nachgewiesen werden?

Zur Wahrheit gehört, dass Hermann R. wohl ein Einzelfall ist. Auch Hausarzt Falk L. bestätigt, dass es in dem Heim bisher keine Dekubitus-Fälle gegeben habe. Doch selbst wenn Hermann R. sich gegen die Vorsorge gewehrt haben sollte, ist für den Kritiker Fussek klar: Das Personal hätte mit den Angehörigen sprechen müssen. Diese Gespräche habe es gegeben, behauptet Gerhard M. Die Familie weiß nichts davon.

"Das Frühwarnsystem klappt nicht"

Widerspruch zwei, die Kommunikation: Oder wie Fussek sagt: „Das Frühwarnsystem klappt nicht.“ Erst Tochter Martina habe die Blasen an den Fersen entdeckt, sagt Brunhilde R. Und: Der Dekubitus ist erst auf Anordnung des Hausarztes behandelt worden.

Wer nun die Schuld an den Druckgeschwüren trägt, konnte der Prozess nicht klären. Der Vergleich, den Richter Rainer Vietze vorschlug, macht ein kostspieliges Gutachten unnötig. Klar ist, dass Hermann R. kein zweites Mal Probleme mit Dekubiti hatte. Umso plausibler scheint Pflegekritiker Fussek eine Schuld des Heims, „zumal es Einrichtungen gibt, in denen Dekubitus gar kein Thema mehr ist“.

Brunhilde R. hätte sich zumindest eine Entschuldigung vonseiten des Heims erhofft. Jetzt, nach dem Prozess, ist sie „nur froh, dass es vorbei ist“. Auch wenn sie den Vergleich als Niederlage empfindet – Fussek hält ihren Gang vors Gericht für couragiert. „Würde man jeden Dekubitus zur Strafanzeige bringen, dann müsste sich in den Heimen etwas ändern.“

von Marcus Mäckler

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