Das fleißige Schneiderlein: Tommy Sieber in seiner Werkstatt in Prittriching. Foto: Klaus Mergel

Bayer schneidert Kletter-Hose

Die Kraxler-Hose made in Bavaria

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Der junge Modeschneider Tommy Sieber aus Prittriching macht mit seiner Kletter-Hose vor, wie man bezahlbare, handgemachte Textilien auch in Bayern herstellen kann – und sogar gutdavon lebt.

Prittriching – Bei 200 Lagen wird selbst weiche Baumwolle zum Brett. „Hart wie Holz“, sagt Tommy Sieber. Er klopft auf den dicken Stoff-Stapel auf dem Zuschneidetisch. Mit einer Schere hat das keinen Zweck – hier muss ein „Stoßschneider “ ran. Hat er natürlich, der Mann ist Profi: Sieber ist selbstständiger Modeschneider. Mit der Kletterhose „Kraxl“ lieferte er den Beweis, dass sich Textilproduktion in Bayern sehr wohl lohnen kann. In einem ehemaligen Einfamilienhaus in Prittriching-Winkl (Kreis Landsberg) produziert er in Handarbeit eine Hose, die pro Jahr 3000 Mal über den Ladentisch geht.

Optisch hat Sieber nichts vom Klischee-Modeschneider: Die Statur kräftig, kurz rasierter Kopf, Dreitagebart und breites Grinsen – der 31-Jährige würde gut als Handwerker am Bau durchgehen – und das war er auch mal: Sieber hat Rollladenbauer gelernt. „Maurer wollt ich nicht, das war schon der Vater.“ Der Job ist aber nicht weniger hart. Die Quittung: Ein Bandscheibenvorfall nach wenigen Jahren. Physiotherapie, Wirbelsäulengymnastik, alles ohne Erfolg. Schließlich eine OP, dann sind die Schmerzen weg. „Schwer heben darf ich aber nicht mehr“, sagt er. Muss er auch nicht. Textilien sind viel leichter als Dreifachglas-Fenster. Hart arbeiten muss Sieber trotzdem. „Zwölf Stunden am Tag“, sagt er. Acht bis zehn Hosen schafft er dabei. Er beschäftigt drei 450-Euro-Kräfte, ansonsten ist „Tommy Sieber“, wie seine Mini-Fabrik heißt, eine One-Man-Show.

“Mode hat mich noch nie interessiert“

Die Kraxl-Hose: Hier das Damenmodell „Josefine“.

Inzwischen ist sie in Siebers ehemaliger Wohnung in seinem Elternhaus Prittriching-Winkl untergebracht, er selbst ist ausgezogen: Die Nähmaschinen stehen im früheren Wohnzimmer, das Büro ist in der Küche. Im Badezimmer hängen Schnittmuster von der Decke, an den Wänden stecken hunderte von bunten Garnrollen. Das hat was von Arbeits-WG. Wenn Sieber nicht an der Nähmaschine sitzt, kümmert er sich um alles: Im Moment ist ein Gast da, zum Probearbeiten. Jasmin Hohn, 28, sucht einen Nebenjob. Sieber zeigt ihr, wie man Hosentaschen mit dem Bügeleisen fürs Nähen vorbereitet. Während der Dampferzeuger am Bügeltisch keucht und Jasmin bügelt, schlummert eine rote Katze auf einem Stoffstapel. „Kodale, unser Maskottchen. Der hat alles im Blick“, sagt Sieber und lacht.

Eine Umschulung über die Agentur für Arbeit brachte Sieber nach der OP an die Nähmaschine. Bei der IHK Augsburg macht er eine zweijährige Ausbildung zum Modeschneider. Allerdings nicht, weil er von Haute Couture träumt. „Mode hat mich noch nie interessiert“, sagt er trocken. Es ist das Herstellen, das textile Handwerk, was ihn reizt: Früher waren es Tabakbeutel, die er für Freunde machte. Später Hemden. Die gelingen aber erst nach der Ausbildung: 2014 macht er sich, den Gesellenbrief in der Tasche, selbstständig.

Es vergeht ein Jahr, bevor er mit „Kraxl“, der Kletterhose, seine Existenz auf zwei solide Hosenbeine stellt. Ein hartes Jahr. „Ich hatte keine Krankenversicherung mehr“, gesteht Sieber. Seine Freundin kauft für ihn Essen ein. Die bange Frage: Wie Aufträge bekommen? Sieber klappert Boutiquen in Augsburg, Landsberg und Fürstenfeldbruck ab. Sagt: Ich schneidere euch eure Lieblingshose! Manche schlagen ein, freuen sich über die gute Qualität.

Sieber schneidert los, investiert viele tausend Euro in gebrauchte Maschinen und lernt den harten Preiskampf kennen. „Aldi verkauft Hosen für 9,99 Euro. Da krieg ich nicht mal den Stoff dafür.“ Mancher Freund sagt: „Jetzt such dir endlich einen Job!“ Sieber zweifelt – macht aber weiter.

Praktisch, robust und bequem am Fels

Bis sich seine Wege mit denen von Josef Weber kreuzen. Auf der Geburtstagsparty eines Freundes. „Ich habe jemanden gesucht, der uns Kletterhosen schneidern kann“, sagt Weber heute. Der 39-Jährige ist Mitinhaber der Alpinsportzentrale in Landsberg. Die Chemie stimmt, die Männer experimentieren herum – und 100 Hosen später ist „Kraxl“ ausgereift. Praktisch, robust, bequem am Fels. Und, wie Weber erklärt, „einen schönen Hintern macht sie auch“.

„Kraxl“ ist aus zertifizierter Biobaumwolle von einer deutschen Weberei. Und hat viele liebenswerte Details, wie etwa einen blau-weißen Rautenmuster-Einsatz an einer Tasche: made in Bavaria eben. Sie wird zum Renner bei Kletterern und Boulderern, die die gute Qualität schätzen – und den moderaten Preis von 120 Euro. Nicht viel, angesichts der rund 100 Arbeitsschritte. „Den Preis kriegen wir hin, weil wir direkt vertreiben“, sagt Weber. Und weil sie vieles selbst machen: Webers Laden-Kompagnon Martin Schmid macht die Finanzen, als Fotomodelle halten Weber und Siebers Freundin her. Und natürlich, weil Sieber und sein Team so produktiv sind.

Jasmin ist nun mit der Probearbeit fertig und stellt das Bügeleisen ab. „Ich wäre dabei“, sagt sie und strahlt. Sieber nickt, er ist zufrieden mit ihrer Leistung. Inzwischen schafft er es gelegentlich, selbst mal Sport zu machen. Und Zeit für die Freundin zu haben. „Ich hätte aber Lust, mal wieder ein bisschen zu designern“, sagt er. Eine Mütze gibt es, ein „Kraxl“-Kalkbeutel für die Kletterer ist in Arbeit. Und ein Kleidchen für die Kletterdamen in Planung: fürs „Après-Klettern“ nämlich. Bedeutet aber: erneut viele Stunden an der Nähmaschine. Sieber winkt ab: „Gegen Arbeiten hab ich noch nie was gehabt.“

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