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Endlich auf der Welt: Bis die Eltern im Kreißsaal ihr Baby im Arm halten können, müssen sie teilweise weite Anfahrten in Kauf nehmen. Immer mehr Geburtsstationen schließen.

Kreißsaal-Schließungen: Der Frust der Hebammen

Warum viele Geburtshilfestationen schließen

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Die Geburtenzahl steigt – und trotzdem schließen ständig Kreißsäle. Finanziell lohnt sich Geburtshilfe nicht – weder für kleine Krankenhäuser noch für die Hebammen. Letztere haben Lösungsvorschläge. Doch ein Weg aus der Kreißsaal-Krise ist in Bayern trotzdem nicht in Sicht.

München – Astrid Giesen liebt ihren Beruf. Mit all den Nächten und Wochenenden in Bereitschaft. Mit all den Kämpfen, die sie mit anderen Hebammen in den vergangenen Jahren ausgefochten hat. Aber in die Zukunft blickt die Vorsitzende des Landeshebammenverbandes nur noch mit halbem Optimismus. Bayern steckt – wie andere Bundesländer auch – in einer Kreißsaal-Krise. Es müsste vor allem Geld fließen, um die Situation zu entschärfen. 

Mehr Geburten, weniger Hebammen

Eine Geburtshilfestation nach der anderen schließt. In den vergangenen acht Jahren an mehr als 35 Kliniken in Bayern, zuletzt die Kreißsäle in Bad Tölz, Gräfelfing, Bad Aibling und für gewisse Zeit auch in Erding. Gleichzeitig kommen mehr Babys auf die Welt. Man sollte also meinen, Hebammen sind gefragt wie nie. Doch immer mehr von ihnen geben auf. Astrid Giesen kann das bei aller Liebe zu ihrem Beruf verstehen. „Die Arbeitsbedingungen werden einfach immer schlechter“, sagt sie. Und das obwohl sich ein sehr großes Problem zumindest etwas entschärft hat. Nach lauten Protesten Anfang 2015 ist es den Hebammen gelungen, einen Kompromiss auszuhandeln, was die hohen Prämien für die Haftpflichtversicherung betrifft. Seit damals bekommen sie zwei Drittel der Summen von den Krankenkassen zurückerstattet, davor war es nur ein kleiner Teil. Doch das löst nicht das Problem. 

Entbindungen rechnen sich einfach nicht

Astrid Giesen, Vorsitzende des Landeshebammenverbandes

Denn genau wie für die Belegärzte in den Krankenhäusern, die ebenfalls hohe Haftpflicht-Prämien zahlen müssen, rechnen sich Geburten für Hebammen nicht. „Belegärzte haben aber oft eine eigene Praxis und können die Geburtshilfe querfinanzieren“, erklärt Giesen. „Mit einem Hebammengehalt ist das nicht möglich.“ Sie selbst ist seit mehr als 25 Jahren Hebamme – und beobachtet mit großer Sorge, wie nach und nach Geburtsstationen schließen. Dadurch werden die Anfahrtswege für die Frauen und die Hebammen immer länger. Giesen ist sich sicher: Die Zahl der Autogeburten wird steigen. „Eigentlich bräuchten wir für die ländlichen Regionen ein Modell, wie es bereits auf norddeutschen Inseln praktiziert wird“, sagt sie. Dort werden Hebammen dafür bezahlt, dass sie in Bereitschaft vor Ort sind. In einer kleinen Praxis zum Beispiel. Davon sei Bayern aber weit entfernt. „Hier wird die Bereitschaft nicht mal teilweise bezahlt.“ 

Trend zur Zentralisierung

Den Trend, die Geburtshilfe in großen Kliniken zu zentralisieren, gibt es schon lange. „In den kleineren Krankenhäusern steht die Geburtshilfe eigentlich immer auf der Kippe“, sagt Giesen. Selbst, wenn ein Landkreis wie beispielsweise Weilheim-Schongau ein Defizit in Kauf nimmt, um sie zu erhalten. „Für Krankenhäuser lohnen sich Geburtsstationen erst ab 1000 Geburten pro Jahr.“ Zwar gebe es staatliche Sicherstellungszuschläge für Kliniken, um auch in ländlichen Regionen Leistungen beibehalten zu können. „Die Geburtshilfe wird davon aber bisher ausgeschlossen.“ Auch das müsste sich ändern. 

Doch selbst dann würde an der Zentralisierung von Geburtsstationen wohl auf lange Sicht kein Weg vorbeiführen, glaubt Giesen. Sie kritisiert vor allem, dass dabei aber der zweite Schritt vor dem ersten gemacht werde: „Die großen Kliniken müssten erst so ausgestattet werden, dass sie es auffangen können, wenn immer mehr kleine Häuser ihre Geburtsstationen schließen.“ Vor allem mit Personal. Doch auch in großen Kliniken macht sich der Belegarzt- und Hebammenmangel längst bemerkbar. Allein in München mussten im Jahr 2014 rund 800 Frauen kurz vor der Geburt abgewiesen werden. 

Grüne fordern Gesamtkonzept

Die Landtags-Grünen fordern deswegen ein umfassendes Konzept zur Sicherung der Geburtshilfe und ein Förderprogramm für Hebammen. Die sozialpolitische Sprecherin Kerstin Celina sagt: „Die schwangeren Frauen und die Hebammen brauchen die Sicherheit, dass sie nicht im Stich gelassen werden.“

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