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Abitur nach acht oder nach neun Gymnasialjahren? Die Debatte um das G8 in Bayern geht weiter.

Debatte um Gymnasium

Lehrerverband will zurück zum G9

München  - Die Debatte über eine Rückkehr zum neunjährigen Gymnasium ist in Bayern nicht mehr aufzuhalten. Der Philologenverband plädiert für eine grundsätzliche Rückkehr zum G9.

Angesichts der Dauerkritik von Lehrern, Eltern und Schülern will der Bayerische Philologenverband (bpv) die Gymnasialzeit grundsätzlich wieder auf neun Jahre verlängern. Besonders leistungsfähige Schüler sollen das Gymnasium aber wie bisher in acht Jahren durchlaufen können. Das geht aus den Eckpunkten des bpv für ein „neues neunjähriges Gymnasium“ hervor, die der Verbandsvorsitzende Max Schmidt am Mittwoch in München vorstellte.

Ministerpräsident Horst Seehofer (CSU) kündigte eine breite und vorurteilsfreie Diskussion über die Vorschläge an. Er gehe „ohne innerliche Vorgaben“ in die Debatte, die er mit dem bpv, aber auch mit Eltern, Direktoren und Schülern führen wolle. „Ich möchte für die Schülerinnen und Schüler - die müssen da im Mittelpunkt stehen - das Beste erreichen. Und wenn's was Besseres gibt als das Gute, das wir zur Zeit haben, dann soll's das Bessere sein“, sagte er. Es gebe aber keine Festlegung - weder, ob die CSU dem Volksbegehren der Freien Wähler für eine grundsätzliche Wahlfreiheit zwischen G8 und G9 etwas entgegensetzt, noch, wie ein solcher Gegenentwurf aussehen könnte.

Seehofer betonte, er wolle „einen weitestgehenden Schulfrieden“. Das, was am Ende entschieden werde, müsse auf eine hohe Akzeptanz stoßen. Kultusminister Ludwig Spaenle (CSU) sagte, er sei bereit, über eine „qualitätsvolle Weiterentwicklung“ der Gymnasien zu reden. Acht Jahre oder neun Jahre für alle Gymnasiasten - beides sei überholt. Dagegen betonte Fraktionschef Thomas Kreuzer: „Wir werden gar nichts schnell ändern. Wir werden uns von niemand unter Druck setzen lassen.“

Der bpv plädiert für eine Umkehr des jetzigen Systems, wo das G8 die Regel und das G9 die Ausnahme ist. „Wir denken das achtjährige Gymnasium ausgehend vom neunjährigen“, sagte Schmidt. Statt „begleitetem Wiederholen“ soll es künftig ein „unterstütztes Überspringen“ geben. Der Lehrplan und die Stundentafeln sollen vor allem in der Mittel-, aber auch in der Oberstufe entzerrt werden.

Konkret schlägt der bpv vor, dass Schüler sich in der Mittelstufe entscheiden, ob sie das Abitur nach 12 oder 13 Jahren machen. Wer sich für die kürzere Variante entscheidet, soll dann die zehnte Klasse überspringen können und dafür sowohl in der neunten als auch in der elften Klasse spezielle Förderangebote nutzen können.

Der bpv strebt nun einen breit angelegten Gymnasialkongress vor der Sommerpause an. „Wir brauchen ein Art Schulkonsens“, sagte Schmidt. Ziel sei es, möglichst viele Gruppen für das Konzept zu gewinnen. Ohne einen breiten Konsens könne man den Dauerstreit nicht beenden.

bpv kritisiert Konzept der Freien Wähler

Das Konzept der Freien Wähler lehnt der Philologenverband, in dem die bayerischen Gymnasiallehrer organisiert sind, als „in ganz weiten Teilen Bayerns nicht realisierbar“ ab. Schmidt verwies auf die zurückgehenden Schülerzahlen, die dies ummöglich machten. In Ballungsräumen allerdings hält der bpv es durchaus für möglich, dass es künftig reine G8- und reine G9-Gymnasien nebeneinander gibt.

Auch ein „Abitur der zwei Geschwindigkeiten“, wie es die Grünen zuletzt vorgeschlagen hatten, lehnt der bpv ab. Ein solches Modell könne das Problem der vollgepackten Mittelstufe nicht lösen. Unmöglich sei auch eine weitere Reduzierung des gymnasialen Lehrplans insgesamt. Schmidt warnte vor einer „Entkernung des Gymnasiums“.

„Die Zeit zum Erwachsenwerden kann nicht qua Verordnung verkürzt werden, sondern die Zeit zum Erwachsenwerden braucht man“, sagte Schmidt. Besonders Buben seien derzeit die Verlierer. Die Schüler müssten wieder mehr Zeit haben, um Wissen zu vertiefen, aber auch für ästhetische und musische Bildung. Und die Schüler sollten sich zu Persönlichkeiten entwickeln. „Dies ist nicht möglich ohne Freiräume.“

Der SPD-Bildungsexperte Martin Güll betonte, die SPD fordere schon lange, das Gymnasium wieder zu entschleunigen und mehr Druck aus den Schulen zu nehmen. „Der Vorstoß geht daher absolut in die richtige Richtung. Das Gymnasium muss jetzt schnell langsamer werden, damit die Entlastungen für die Schülerinnen und Schüler zügig greifen!“ Thomas Gehring (Grüne) forderte einen breiten gesellschaftlichen Konsens. Michael Piazolo (Freie Wähler) nannte das bpv-Konzept eine „schallende Ohrfeige“ für die CSU-Bildungspolitik. Er kündigte an, an dem Volksbegehren festzuhalten. Man sei aber zu Gesprächen bereit.

Kritik kam von der Direktorenvereinigung, in dem die Schulleiter der Gymnasien organisiert sind. „Der große Wurf ist das nicht“, sagte der Vorsitzende Karl-Heinz Bruckner. Denn 70 Prozent der Schüler kämen mit dem G8 gut zurecht, maximal 30 Prozent hätten Schwierigkeiten.

dpa

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