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Auftakt unserer Serie

Das Kriegsende in Bayern: Terror bis zum Schluss

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München - Vor 70 Jahren erreichte die US-Armee bei Aschaffenburg bayerisches Gebiet. Damit begann die Endphase des Zweiten Weltkriegs. Nun, ganz am Schluss, eskalierte die Gewalt auch in vielen oberbayerischen Dörfern.

Ende April 1945 weiß jeder, dass der Krieg verloren ist. Die US-Armee erreicht Oberbayern. Am 29. April werden sie das KZ Dachau befreien, einen Tag danach München. Der Horror ist fast überstanden. Im Rundfunk erklärt am 28. April eine „Freiheitsaktion Bayern“ das Hitler-Regime für abgesetzt und ruft dazu auf, weiß-blau zu flaggen.

Das ist leider voreilig, wie die Einwohner des kleinen Dorfes Götting bei Bad Aibling bald bemerken. Die Meldung im Radio hat dort auch der Lehrer Georg Hangl gehört. Früh um 6.30 Uhr rennt er zum Pfarrer Josef Grimm. Kurze Beratung, dann weht Weiß-Blau vom Kirchturm. Eine Hitlerfahne, die am Turm hing, landet in der Dachrinne.

Hangl und Grimm sind froh: Erst einen Tag vorher war ein Trupp des SS-Jagdverbandes Nordwest aus Götting abgezogen, der Ort ist jetzt offenbar Niemandsland. Doch sie täuschen sich: Einige SS-Leute sind noch im Ort, sie haben sich im nahen Gasthaus einquartiert.

Hinrichtung in letzter Minute: Pfarrer Josef Grimm wurde durch einen SS-Trupp hingerichtet. Er hatte nach einem Aufruf der „Freiheitsaktion Bayern“ die weiß-blaue Flagge gehisst.

Das Verhängnis naht um 16 Uhr, als Pfarrer Grimm von einem Auswärtstermin zurückkehrt. Oberpfarrer Ernst Albert Stump, der wie alle Pfarrer im Erzbistum München und Freising über das Kriegsende Rechenschaft ablegen musste, beschrieb, was dann geschah: „Wenige Minuten später standen SS-Männer an der Haustüre und forderten den Pfarrherren auf, mit ihnen im Auto wegzufahren.

Pfarrer Grimm tat es ohne Zögern und damit war er verloren. Die SS fuhr ihn Richtung Irschenberg in das Holz oberhalb Unterleiten, misshandelte ihn (die eingeschlagenen Zähne beweisen es) und tötete ihn durch zwei Genickschüsse.“ Der Dorflehrer wird wenig später von der SS gesucht – und erschossen.

Die Hinrichtungen von Götting waren kein Einzelfall. Viele Dörfer in Oberbayern, bislang vom Krieg fast unberührt, durchlebten jetzt schockierende Stunden. Bestrafungsaktionen fatalistischer SS-Trupps, Tieffliegerangriffe, in Brand geschossene Bauernhöfe, verletzte Kinder durch herumliegende Munition – all das kennzeichnete jene kurze Eskalationsphase im März/April 1945, die Historiker die „Niemandszeit“ nennen.

Das Kriegsende, die neun Monate nach dem Scheitern des Attentats auf Hitler am 20. Juli 1944, war aber auch generell die verheerendste Phase des Krieges. Von den 18,2 Millionen deutschen Wehrmachts-Soldaten starben 5,3 Millionen; davon aber in den letzten neun Monaten 2,6 Millionen.

Deutschland 1945 wandelte sich jetzt, da die Fronten im Land selbst verliefen, zu einem „riesigen Leichenhaus“, wie der britische Historiker Ian Kershaw schreibt. Am 25. März eroberten US-Truppen erstmals bayerischen Boden. Die „Festung Aschaffenburg“ hielt eine Woche – dann ergaben sich die letzten fanatischen Wehrmachts-Einheiten. Am 13. April erreichte die Rote Armee Wien, am 16. April begann der Angriff auf Berlin.

München - auferstanden aus Ruinen

München - auferstanden aus Ruinen

Der deutsche Machtbereich schrumpfte auf einen „schmalen Schlauch“, der freilich noch von Norwegen bis zur Adriaküste reichte, wie Goebbels in seinem Tagebuch notierte. Resigniert fügte er an: „Wir geben hier in Berlin Befehle, die unten gar nicht mehr ankommen.“ Deutschland „implodierte“, schreibt Historiker Kershaw. Ungefähr zur gleichen Zeit rückte die US-Armee schon auf Nürnberg zu (befreit am 20. April), danach ging es entlang der „Reichsautobahn“ rasch nach Süden.

Dennoch war der Krieg mit der Befreiung Münchens am 30. April noch nicht vorbei. In den Dörfern weiter südlich dauerten die Kampfhandlungen eine Woche länger – in Kreuth zum Beispiel kamen die US-Truppen erst am 5. Mai um 1 Uhr mittags an.

Je näher die Front rückte, desto hektischer wurden die Fluchtbewegungen. „Tag und Nacht sausen und rasseln ununterbrochen Kraftfahrzeuge, Personenautos, Sanitätswagen, Lastwagen (...), vollgepfropft mit Lebensmitteln und Vorräten, Wein und Spirituosen, Munition und dergleichen dem Spitzinggebiet oder Bayrischzell und der Landesgrenze zu“, berichtete der Pfarrer von Schliersee Mitte April 1945. Dazu zeigte sich die gesamte Brutalität des NS-Regimes – in Gestalt von KZ-Häftlingen, die in Todesmärschen durch Oberbayern getrieben wurden, aus Dachau, aber auch aus Nebenlagern.

 „Sie konnten kaum mehr gehen vor Hunger und Müdigkeit, baten flehentlich um Brot und Wasser“, notierte der Stadtpfarrer von Bad Tölz, Anton Seebäck. 40 Tote seien gefunden worden. In dem Dorf Asten bei Tittmoning, unweit der Grenze zu Österreich, berichtet der Pfarrer über „ca. 250 Mann in gestreiften KZ-Kleidern, barfuß in Holzschuhen“, getrieben „wie eine Herde Vieh“. In Schnaitsee östlich von Wasserburg erschossen SS-Leute noch am 2. Mai abends 38 KZ-Häftlinge im Wald.

Wer in Lokalblättern nach solchen Nachrichten suchte, tat das vergebens. Die „Fürstenfeldbrucker Zeitung“, die bis 14. April erschien, ehe das Papier ausging, brachte neben purer Propaganda (Titel am 5. April: „Köln unter dem Terror einer jüdischen Bestie“) ein „Kleines Gemüsebau-ABC“, in dem der ausgezehrten Bevölkerung zur Aussaat dauerhaften Lagergemüses wie Kohlrabi geraten wurde. Todesanzeigen waren in Rubriken unterteilt: „Für Führer, Volk und Reich starben den Heldentod“ (Soldaten), „Dem Terrorangriff fielen zum Opfer“ (Bombenkriegsopfer) sowie „gestorben sind“ (normale Todesfälle).

Das Hissen der "weißen Fahne" als Eskalations-Auslöser

Natürlich auch nichts zu lesen war über den destruktiven Schrecken, den die nun eingesetzten fliegenden Standgerichte hitlertreuer Wehrmachts-Offiziere auf der Suche nach vermeintlichen Saboteuren verbreiteten. Berüchtigt war das Standgericht des Offiziers Erwin Helm, das in Nordbayern wütete. Aber auch in Oberbayern gab es solche Terrorgerichte, etwa in Oberwarngau (hier durch die SS).

Ein Pfarrer aus dem Dekanat Wolfratshausen berichtete knapp Folgendes: „Das im Pfarrhaus zu Deining einquartierte (vom 25. – 30. April) deutsche Feldgericht hat vier Todesurteile gegen flüchtige Soldaten ausgesprochen, von denen eines vollzogen wurde.“ Er fügte hinzu: „Der Erschossene wurde im Wald verscharrt. Seine Leiche wird in den Friedhof verbracht.“

Auslöser von Eskalationen war oft das Hissen der „weißen Fahne“ auf dem Kirchturm. Sie signalisierte die Kapitulation, doch mussten die Honoratioren genau den Moment abpassen, in dem der letzte SS-Trupp hinterm Hügel verschwunden, die US-Panzer indes noch nicht ins Dorf eingefahren waren.

In Allershausen ging das Schlag auf Schlag: 8.15 Uhr: Abmarsch der SS-Division „Götz von Berlichingen“; 8.35 Uhr: weiße Fahne am Kirchturm; 8.45 Uhr: US-Panzer im Ort. Zu rasches Handeln war gefährlich.

Bild von den Amerikanern wandelte sich nur langsam ins Positive

In Schneizlreuth sprengte ein SS-Trupp noch am 3. Mai die Brücke über die Saalach genau in dem Augenblick, als der Bürgermeister mit einer weißen Fahne den Amerikanern entgegenging. Der Bürgermeister starb. Die Sprengung einer Brücke, um den US-Truppen den Vormarsch zu erschweren, war oft die letzte Zuckung eines Regimes im Todeskampf. Dutzende Brücken versanken in den Flüssen, zum Beispiel die Brücke der „Reichsautobahn“ über die Mangfall, die Amperbrücke in Dachau oder die Innbrücke bei Neuötting.

Die Eroberung des Dorfes markierte dann den absoluten Neuanfang. Das Bild von den Amerikanern, anfangs eher misstrauisch betrachtet und nur vereinzelt „wirklich als Befreier“ begrüßt (so der Pfarrer von Oberhaching), wandelte sich nur allmählich ins Positive. „Bei den Deutschen herrschte zwar allgemeine Erleichterung, dass der Krieg nun vorüber war, doch waren dies weder nur Erschütterung noch ausschließlich Freude“, urteilt der Historiker Walter Ziegler. Fraternisation, Chewing gum und Chocolate – das waren aber dann die Stichworte, die die Atmosphäre prägten.

Kaum bedauert wurde, dass die US-Amerikaner in einigen Orten NS-Täter kurzerhand hinrichteten. Am Tegernsee erwischte es zum Beispiel die beiden Leiter der Louisenthaler Papierfabrik, die ihre ausländischen Zwangsarbeiter schikaniert hatten („nach kurzem Verhör erschossen“, notierte der Pfarrer fast lakonisch), in Palling bei Tittmoning den Bürgermeister und NSDAP-Ortsgruppenleiter, der einen abgestürzten US-Piloten ermordet hatte.

Vergewaltigungen: Berichte der Pfarrer mit Vorsicht zu interpretieren

Ein schwieriges Thema für die Forschung sind bis heute die Vergewaltigungen, die in den ersten Tagen nach dem Einmarsch offenbar auch von alkoholisierten US-Soldaten des öfteren begangen wurden, etwa in Ramsau oder St. Wolfgang. Die Berichte, die die Pfarrer darüber noch 1945 schrieben, sind mit Vorsicht zu interpretieren, suchten die Geistlichen die Schuld doch durchaus auch bei der Frauenwelt, die sich „würdelos um die Panzerwagen drängte“, wie sich etwa der Pfarrer von St. Theresia in München empörte.

Ähnliche Berichte liegen für Sauerlach oder Bad Kohlgrub vor. Der unmittelbare Akt der Befreiung war zudem von erstaunlich vielen Selbstmorden verzweifelter NS-Anhänger (so in Holzkirchen, Egmating und Böbing), ferner von Zerstörungen und Plünderungen geprägt, über die auch Pfarrer klagten. Mal kam der Messwein abhanden, mal – wie in Söchtenau – ärgerte sich der Pfarrer, weil „ein feindlicher Panzer (...) die Eingangstür und ein Stück des Pfarrgartenzaunes mutwillig überfahren“ habe.

Während des gesamten Krieges sind, wie das Statistische Landesamt 1970 ermittelte, 320.400 Soldaten aus Bayern gefallen, für tot erklärt worden oder für immer vermisst. Zum Vergleich: im Ersten Weltkrieg waren es knapp 200.000. Die Zahl der toten Zivilisten kann nur geschätzt werden – die gesichert durch Luftkrieg getöteten Personen eingerechnet (33 600), waren es sicherlich einige Zehntausend.

Erst spät, häufig zu spät, gerieten die Eskalationstaten der oberbayerischen „Niemandszeit“ in den Blick der Justiz. Im Fall Götting, immerhin, wurde nach 1945 ermittelt. Der ehemalige SS-Obersturmführer Josef Bachot, ein Belgier, kam in den 1960er-Jahren vor Gericht. Das Strafmaß wegen Totschlags war jedoch so gering, dass Bachot mit zweieinhalb Jahren Untersuchungshaft davonkam.

Erinnerung ans Kriegsende - Leseraufruf

Tagebuch-Einträge, Briefe, Fotos, vielleicht auch Filme – in vielen Familien werden bis heute Erinnerungsstücke ans Kriegsende aufbewahrt. Wir möchten Sie, liebe Leser, dazu aufrufen, Ihre Erinnerungsdokumente zur Verfügung zu stellen. Eine Einschränkung dabei: Wir suchen nicht wahllos Dokumente zum Zweiten Weltkrieg, sondern speziell zum Kriegsende in Oberbayern.

In Zusammenarbeit mit Historikern wollen wir einzelne Fundstücke begutachten und eine Auswahl in unserer Zeitung vorstellen. Bitte melden Sie sich per Email bei: Dirk.Walter@merkur.de oder per Brief: Münchner Merkur, Bayern-Redaktion, z.Hd. Dirk Walter, Paul-Heyse-Str. 2-4, 80336 München.

Oder laden Sie Ihre Bilder und Texte direkt bei uns online hoch.

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