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Kriegsspiele: In der Bad Reichenhaller Kaserne stellen Soldaten und Kinder Szenen aus dem Kosovokrieg nach.

Kinder spielen "Kosovo-Krieg" in Reichenhaller Kaserne

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Bad Reichenhall - Kinder haben beim Tag der offenen Tür in der Bad Reichenhaller Kaserne Szenen aus dem Kosovo-Krieg nachgespielt - unter Aufsicht der Bundeswehr. Jetzt ermittelt die Heeresführung.

Am Tag der offenen Tür war bei den Gebirgsjägern in Bad Reichenhall einiges für die Besucher geboten. Da konnte man am vergangenen Samstag staunend beobachten, wie ein Panzer ein Auto zerquetscht, Gebirgsjäger erklärten interessierten Bürgern, wie militärische Drohnen eingesetzt werden – und auch für die Kinder war etwas dabei.

Die Gebirgsjäger in der General-Konrad-Kaserne hatten für die Kleinen ein Miniatur-Dorf aus Holz aufgebaut. Große Häuser, kleine Häuser, sogar an eine Kirche dachten die Soldaten. Manche Hütten hatten Einschusslöcher, andere Rußspuren. Die Soldaten gaben dem Mini-Dorf auch einen Namen: Klein-Mitrovica, so stand es auf einem gebastelten Ortsschild. Unter der Aufsicht der Berchtesgadener „Jager“ knieten die Kinder unter einem Tarnnetz – und legten Gewehr-Attrappen auf die Häuser an. Munition gab es keine, doch Schussgeräusche wurden durch ein Klicken imitiert. Klein-Mitrovica hat ein trauriges, reales Vorbild.

Immer wieder war die Stadt mit heute 107 000 Einwohnern Schauplatz blutiger Auseinandersetzungen: Im Zweiten Weltkrieg wurde Kosovska Mitrovica Schauplatz von SS-Greueltaten, an denen Reichenhaller Gebirgsjäger beteiligt waren. Damals wurde in der Stadt ein Konzentrationslager für Partisanen gebaut. 1999 verfolgten und vertrieben Albaner dort ansässige Roma, 2004 steckten albanische und serbische Nationalisten Häuser in Brand und plünderten den Ort. Tausende Menschen wurden vertrieben – trotz der Anwesenheit von KFOR-Truppen, zu denen Gebirgsjäger aus Bad Reichenhall zählten.

Kriegsspiele für Kinder in Reichenhaller Kaserne

Kriegsspiele für Kinder in Reichenhaller Kaserne

Was die Kriegsspiele am Tag der offenen Tür angeht, hält man sich in der Kaserne vor Ort bedeckt und verweist auf das Heeresführungskommando. „Dort wurde extra eine Pressestelle eingerichtet“, heißt es in Bad Reichenhall. Beim Obersten Heeresführungskommando ist man indes um Schadensbegrenzung bemüht: „So etwas geht nicht“, sagt der Oberstleutnant Siegfried Stuben vom Heeresführungskommando in Koblenz knapp. „Den dafür Verantwortlichen wird disziplinarisch-juristisch beizukommen sein“, so Stuben weiter. Deswegen wurde am Freitag auch eine mehrköpfige Untersuchungskommission eingesetzt: Die zehnte Panzerdivision in Sigmaringen wurde mit der Aufklärung beauftragt. Genauso wie die Gebirgsjägerbrigade 23, die ausgerechnet in der Bad Reichenhaller Kaserne sitzt. Stuben sieht neben der moralischen Verfehlung auch den Verstoß gegen klare Grundregeln, die in der Bundeswehr gelten. „Menschen unter 18 Jahren dürfen zu keinem Zeitpunkt auf dem Gelände der Bundeswehr Waffen in die Hand nehmen“, so der Oberstleutnant. Das gelte auch für Attrappen. Alles weiter müsse nun die Untersuchung klären.

 Auf den Skandal am Tag der offenen Tür in der Kaserne aufmerksam gemacht hatte das linke Aktionsbündnis „Rabatz“. Georg Hunter, Mitglied im Bündnis, war selbst vor Ort. „Ich war vollkommen schockiert, als ich die Kinder mit den Gewehren in dem Unterstand sah“, sagt der 22-Jährige. Auch der Schirmherr der Veranstaltung ist nicht begeistert: Bundesverkehrsminister Peter Ramsauer (CSU), der nicht persönlich in Bad Reichenhall war, habe nichts von den Kriegsspielen gewusst. „Er heißt so etwas auch nicht gut“, ließ eine Sprecherin mitteilen. Die für Berchtesgaden zuständige Grünen-Landtagsabgeordnete Anne Frank sprach von einer „Entgleisung“. Schießübungen mit Kindern bei einer Bundeswehrveranstaltung seien schon völlig daneben. „Wenn damit aber auch noch so ein obskures Gebräu an historischen Anspielungen verbunden ist, muss man sich ernsthaft fragen, was in den Köpfen der Veranstalter vorgegangen ist.“ Sie forderte umfassende Untersuchungen.

Patrick Wehner und Carina Lechner

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