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Hornlos glücklich? Kühe ohne Kopfschmuck beherrschen Bayerns Weiden.

Die Zukunft der Kuh ist hornlos

Grub - Verletzte Bauern, schmerzhafte Rangkämpfe unter Kühen und Einsätze mit dem Brennstab: All das könnte bald ein Ende haben. Denn genetisch hornlose Kühe sind bei Landwirten immer beliebter. Die Kuh, wie wir sie kennen, ist jedoch in Gefahr.

Manche halten sie für die berühmteste Kuh aller Zeiten: die Milka-Kuh. Sie ist eben anders als die anderen. Sie ist lila. Und: Sie hat Hörner. Tatsächlich unterscheidet auch das die Kuh, die seit 40 Jahren das Pin-up der Schokoladenindustrie ist, von den meisten ihrer Artgenossinnen im Freistaat. „Behornte Kühe gibt es fast nicht mehr auf bayerischen Weiden“, sagt Bernhard Luntz vom Institut für Tierzucht in Grub (Kreis Ebersberg). Stofftiere, Postkartenmotive oder eben der „lila Superstar“ beweisen aber, dass in den Köpfen der Menschen das Horn zur Kuh gehört wie 1000 Füße an den Tausendfüßler.

Rund 200 Gründe, warum die behornte Kuh beinahe nur noch die Weiden in unserer Fantasie abgrast, kennt Fritz Allinger von der Landwirtschaftlichen Berufsgenossenschaft. So viele Landwirte werden nämlich jährlich in Bayern durch Hornstöße verletzt. In den vergangenen 20 Jahren sind allein in Niederbayern, Oberpfalz und Schwaben neun Bauern auf einem Auge blind geworden. Vier verloren gar ihr Leben. „Ich schätze für den Rest Bayerns sind die Zahlen sehr ähnlich“, sagt Allinger.

Viel höher ist die Zahl der Verletzungen, die sich die Tiere in der Laufstallhaltung gegenseitig zufügen. Also müssen sie weg, die Hörner. Einzig Demeter-Betriebe lassen sie noch dran. Der Kopfschmuck sei ein „gut durchblutetes Organ, das wichtig für Verdauung und Stoffwechsel ist“, heißt es dort.

So verzichtet man auf Utensilien, deren Namen klingen, als seien sie aus einem Folterkeller entwendet worden: Brennstab, Ätzstift oder Sägedraht. Die Methoden, die Hörner zu entfernen, sind umstritten. Der Ätzstift ist mittlerweile verboten. Gesägt wird bei erwachsenen Tieren, allerdings nur unter Betäubung. Bei Kälbern im Alter von bis zu sechs Wochen kommt der Brennstab, das gängigste Instrument, zum Einsatz. Doch auch der könnte bald erlöschen. Denn die Züchtung von Kühen ohne Horn ist auf dem Vormarsch. „Die Zahl an Besamungen durch hornlose Bullen steigt in diesem Jahr kräftig an“, sagt Luntz. Beim sogenannten Fleckvieh, der häufigsten Milchkuhrasse, erwartet der Experte im nächsten Jahr einen Anstieg auf 2,5 bis drei Prozent bei den Kälbern, die hornlos geboren werden. Klingt zunächst nach wenig. Doch die aktuelle Zahl würde sich verdoppeln. In 20 Jahren – das sind drei Rindergenerationen – könnte ein Großteil der Tiere genetisch hornlos sein. „Das hängt davon ab, ob Zuchtorganisationen und Milchviehbetriebe das weiter forcieren.“

Dass im Dezember ein Bulle mit dem Hornlos-Gen für die Rekordsumme von 49 500 Euro auf einem Viehmarkt den Besitzer wechselte, ist ein Indiz dafür, dass die Züchtung auf dem Vormarsch ist. Vielleicht war aber auch die Beschreibung des Stiers namens Irola maßgeblich für dessen Verkauf: „Seine leistungsstarke Großmutter Bern ist eine Vollschwester des Besamungsbullen Wolkentanz.“

Setzt sich der Trend fort, profitieren dabei drei Parteien. Eine Win-Win-Win-Situation sozusagen. „Landwirte sparen sich Aufwand und Kosten des Enthornens, und den Tieren blieben Schmerzen und Stress erspart“, erklärt Luntz. Letzteres würde den Tierschützern schmecken, die – wenig überraschend –, gegen den Einsatz des Brennstabs sind.

Der Tierschutzbund setzt jedoch voraus, dass Inzucht vermieden wird. Das ist der Grund, warum die Kuh ohne Horn langsam vorangetrieben werden muss. Begonnen hat die Hornlos-Züchtung beim Fleckvieh durch Einkreuzung eines Angusbullen, ein von Haus aus hornloses Fleischrind. „Die gezüchteten Kühe waren deshalb schwerer zu melken und gaben weniger Milch“, beschreibt Dr. Franz Gasteiger, Zuchtleiter beim Zuchtverband Miesbach, das Ergebnis.

Weil auf Kriterien wie Milchmenge oder Euterqualität geachtet wird, werden die Züchtungen von Generation zu Generation leistungsstärker – die Nachfrage steigt. „Das Ziel sind genetisch reinerbige Hornlos-Tiere“, sagt Tierarzt Gasteiger. Das sei aber schwierig. Bei zwei mischerbigen Tieren kommt nur ein Viertel der Kälber reinerbig hornlos auf die Welt. „Eine Rangfolge wird übrigens auch bei diesen Kühen ausgefochten“, erklärt er. Dass die Züchtungen dümmer seien als ihre Artgenossinnen, wie es Allinger von Kollegen vernommen hat, kann er nicht bestätigen. Es fällt ja auch schwer, ohne Horn ein Hornochse zu sein.

Von David Libossek

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