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Für viele gehört dieses Bild zu Oberbayern, wie der Gamsbart zum Hut: Kuh mit Glocke.

"GPS ist keine Alternative"

Quälende Kuhglocken? Das sagen unsere Almwirte

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München/Zürich - Eine aktuelle Studie zeigt, dass das Geläut der Kuhglocken den Tieren schadet. Tierschützer fordern sogar ein Verbot, Almwirte in Oberbayern schütteln da nur den Kopf.

Eine Glocke pro Kuh – so hält es Georg Mair, 62, seit Jahren. Und so soll es, wenn es nach ihm geht, auch weiterhin bleiben. Die Vorteile, sagt der Almbauer aus Gaißach (Kreis Bad Tölz-Wolfratshausen), liegen auf der Hand: Die Tiere sind leicht zu finden und die Herde bleibt eher zusammen. Außerdem sind die Glocken Tradition, gerade zu festlichen Anlässen. Mair sagt: „Die Tiere tragen sie voller Stolz.“

Das sind die gesammelten Argumente der Glocken-Befürworter. Mair, zugleich Vorsitzender des Almwirtschaftlichen Vereins Oberbayern, spricht für die Mehrheit seiner Kollegen. Es gibt aber auch Glocken-Gegner: Sie formieren sich vor allem im Nachbarland Schweiz, wo das Thema heiß diskutiert wird. Inzwischen gibt es Facebook-Gruppen beider Seiten. Die Gegner sind überzeugt: Das Geläut ist Tierquälerei.

Anlass dazu bietet ein Versuch der Eidgenössischen Technischen Hochschule in Zürich, in der 19 Kühe unter verschiedenen Versuchsbedingungen getestet wurden. Dabei musste jedes Tier drei Tage lang eine 5,5 Kilogramm schwere Glocke tragen, dann folgten drei Tage mit einem unbeweglichen Klöppel, dann drei ohne Glocke. Mit Glocke, so das Ergebnis, bewegten die Tiere ihre Köpfe seltener als glockenlose Artgenossinnen. Außerdem fraßen und ruhten sie weniger und: Die Wiederkäu-Dauer war pro Tier um zweieinhalb Stunden gesenkt.

Ob das Gebimmel oder das Gewicht dafür verantwortlich waren, blieb unklar. In ihrer Schlussfolgerung werden die Schweizer Forscher aber deutlich: Liegen und Fressen seien wichtige Verhaltensweisen für Kühe, heißt es im Abschlussbericht. Verkürze sich die Liege- und Fressdauer langfristig, könne das zu einer reduzierten Leistung führen – und zu „vermindertem Tierwohl“.

In der Schweiz fordern Tierschützer nun das Verbot der Glocken. Auch der Deutsche Tierschutzbund in Bayern ist auf die Studie aufmerksam geworden. Einem Tier aus Tradition so etwas anzutun, sei „völlig abzulehnen“, sagte dessen Präsidentin Nicole Brühl. „Wenn man nachweisen kann, dass die Tiere darunter leiden, muss man handeln.“

Das mit dem Nachweis ist aber so eine Sache: Bislang gibt es nämlich nur diese eine Studie. Und die Almbauern zweifeln laut an ihrer Aussagekraft. „Nach ein paar Tagen kann man doch nicht sagen, ob etwas schädlich ist oder nicht“, sagt Max Haßlberger, 31. Er ist Almbauer in Ruhpolding (Kreis Traunstein) und hat etwa 40 Tiere auf seinen Almwiesen. Außerdem sei das Testgewicht der Glocken zu hoch. Im Sommer, sagt er, tragen die Tiere nur leichte Schellen von maximal einem Kilo. Schwerere Exemplare tragen sie nur zu feierlichen Anlässen – etwa zum Almabtrieb, der hierzulande Anfang Oktober beginnt.

GPS kann die Glocken nicht ersetzen

Haßlberger ist nicht verdächtig, auf falschen Traditionen zu beharren. Zwei seiner Kühe tragen nun schon im dritten Jahr GPS-Geräte, mit denen sie vom Computer aus geortet werden können – ein digitaler Glocken-Ersatz. Der junge Almwirt schätzt die Geräte, sagt aber auch: „Sie ersetzen die Glocken nicht.“ Denn denen geht unter Garantie nie die Batterie aus.

Auch Bayerns Agrarminister Helmut Brunner (CSU) sind die GPS-Systeme noch nicht ausgereift genug – daher fallen sie als Alternativen aus. Überhaupt sieht er wenig Handlungsbedarf. „Ich glaube, dass die Glocken keine Beeinträchtigung sind für die Kühe – weder vom Gewicht her noch vom Ton“.

Auf Basis der vorliegenden Fakten ein Verbot zu fordern, geht auch Tierschutzbund-Präsidentin Brühl zu weit. „Da reicht mir eine Studie nicht“, sagt sie. Stattdessen sollte es möglichst bald weitere Tests mit verwertbaren Daten geben. Beim Almabtrieb im Herbst darf also hierzulande weiter geläutet werden

Marcus Mäckler

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