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Was ist unhöflich, was gehört sich? Kulturdolmetscher helfen Migranten dabei, in Deutschland zurechtzukommen.

Sie helfen Flüchtlingen, sich zurechtzufinden 

Kulturdolmetscher: Brückenbauer zwischen zwei Welten

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Seit anderthalb Jahren werden in Bayern Kulturdolmetscher ausgebildet. Das sind Menschen, die mit zwei Kulturen aufgewachsen sind und nun Flüchtlingen dabei helfen, sich in Deutschland zurechtzufinden. Wie schwierig das ist, haben sie selbst erlebt – aber auch, wie bereichernd es sein kann.

München – Deutschland und Afghanistan trennen nicht nur rund 6300 Kilometer. „Deutschland und Afghanistan – das sind zwei unterschiedliche Welten“, sagt Rohafza Mohammad. Und wenn sie das sagt, gibt es keinen Grund, zu zweifeln. Die 45-Jährige hat die ersten 19 Jahre ihres Lebens in Afghanistan verbracht. 1993 flüchtete sie mit ihrem Mann nach Deutschland. Inzwischen hat sie mehr als die Hälfte des Lebens hier verbracht – und gelernt, dass es eine Bereicherung sein kann, mit zwei Kulturen zu leben. Aber das war ein langer Weg. „Ich habe damals kaum Hilfe bekommen, um mich hier einzuleben“, erinnert sie sich. Sprachkurse gab es nicht. Rohafza Mohammad hat sich Deutsch selbst beigebracht. Mit Büchern. Es gab niemanden, der ihr bei Behördengängen oder Arztbesuchen zur Seite stand. Es gab niemanden, der ihr erklärt hat, was sich in Deutschland gehört und was unhöflich ist.

Alle Dolmetscher haben eine Spezial-Ausbildung absolviert

Heute ist die 45-Jährige die Helferin, die sie damals selbst gern gehabt hätte. Sie ist eine von mehr als 50 Kulturdolmetschern, die in Bayern seit Herbst 2016 ausgebildet wurden. Alle haben selbst Migrationshintergrund. Und ein spezielles Zertifikat erworben. Die Ausbildung wird von der Stiftung Bildungszentrum des Erzbistums München und Freising und vom Dachauer Forum angeboten. Die Kurse dauern ein halbes Jahr.

Rohafza Mohammad war unter den ersten, die daran teilgenommen haben. Sie arbeitet als Kinderpflegerin in einer AWO-Einrichtung in Dachau – als sie von dem Projekt erfahren hat, war für sie sofort klar, dass sie mitmachen möchte. Weil sie sich noch so gut daran erinnert, wie fremd Deutschland sich für sie einst angefühlt hat. „Ich habe die Menschen damals als verschlossen empfunden“, erzählt sie. „Weil man in Afghanistan viel mehr Fragen stellt. Ich hatte keine Ahnung, ob das in Deutschland unhöflich ist.“ Dafür hat sie etwas anderes lieben gelernt: Terminkalender. Die deutsche Pünktlichkeit. „In Afghanistan sind Termine viel unverbindlicher als hier“, erzählt sie. „Und es wird viel weniger vorausgeplant.“ Nicht nur Terminkalender gehören heute fest zu Rohafza Mohammads Leben. „Ich habe mir aus beiden Kulturen das Beste rausgesucht“, sagt sie und betont: „Zwei Kulturen nebeneinander – das funktioniert ganz wunderbar.“

Nicht nur mit der deutschen Kultur hat sich die Dachauerin in den vergangenen 25 Jahren intensiv befasst – sondern auch mit der afghanischen. „Ich habe plötzlich wahrgenommen, was ich an meiner eigenen Kultur besonders schön finde“, erzählt sie. Die Gastfreundschaft zum Beispiel, die in Afghanistan über allem steht.

Soumaya Ben Dhif ging es ähnlich, sie hat tunesische Eltern, ist zwar in Deutschland geboren, aber in Tunesien aufgewachsen. Erst nach dem Abitur kehrte sie zurück. „Mir ist durch die Arbeit als Kulturdolmetscherin erst aufgefallen, dass man in den arabischen Ländern alles viel indirekter sagt als hier“, erzählt sie. Sie hat oft beobachtet, dass sich Asylbewerber aus arabischen Ländern auf Ämtern oder in Elternsprechstunden in Schulen nicht trauen, nachzufragen, wenn sie etwas nicht verstanden haben, weil sie nicht unhöflich sein möchten. „Daraus entstehen oft Missverständnisse“, sagt sie.

Die 40-jährige Dachauerin begleitet sie auf Ämter, erklärt das deutsche Schulsystem und wie die Bayern miteinander umgehen. „Weil ich selbst Migrationshintergrund habe, haben Asylbewerber schnell Vertrauen zu mir“, sagt sie. „Sie haben das Gefühl, ich stehe auf ihrer Seite – das macht es leichter, Werte und Umgangsformen zu vermitteln.“ Und manchmal erzählt sie auch, wie stolz sie selbst darauf ist, so ganz selbstverständlich zwischen zwei Kulturen zu leben. „Ich kann nicht sagen, ob ich mehr Deutsche oder mehr Tunesierin bin“, sagt sie. „Ich kann nur sagen, dass ich auf keine von beiden Kulturen verzichten möchte.“

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