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Kuriose Siege und nicht alltägliche Ergebnisse nach der Kommunalwahl

Kurioses rund um die Wahl

Klare Siege, knappe Siege, gefühlte Siege

München - Mindestens eine neue Bürgermeisterin gibt es in Bayern, die gestern Früh dachte, ihr Wahlsieg müsse ein Traum gewesen sein. Eine andere genießt es, mindestens zwei Wochen lang einen Titel ganz für sich allein zu haben. Und in einem Ort gibt es einen Kandidaten, den sich alle Parteien als Gemeinderatsmitglied gewünscht hätten.

Es braucht schon einiges, um eine Gräfin aus dem Konzept zu bringen. Den Tüßlingern ist es am Sonntag Abend gelungen. Sie haben in der kleinen Marktgemeinde im Kreis Altötting für eine große Überraschung gesorgt. Nach 52 Jahren sitzt künftig kein Sozialdemokrat mehr auf dem Chefsessel im Rathaus – sondern Stephanie Bruges-von Pfuel. Die 52-Jährige ist Gräfin, Hauptdarstellerin eines Kaffee-Werbespots, Verfasserin einer Autobiographie, Moderatorin einer Einrichtungsshow, CSU-Politikerin und stellvertretende Bürgermeisterin. Sonntag Abend war sie außerdem: sprachlos.

„Ich habe schon nach den ersten Ergebnissen im Wahllokal zittrige Knie bekommen“, erzählt sie. Die Spannung im Rathaus hat sie nicht ausgehalten, sie fuhr weiter zur CSU-Wahlparty und betrat das Gasthaus in dem Moment, in dem ihr Prozentbalken auf über 80 kletterte. Gräfin Stephanie Bruges-von Pfuel drehte sich zur Bedienung um und sagte: „Ich brauche erstmal ein Bier.“

Josefa Schmid

Rund 130 Kilometer entfernt, im niederbayrischen Kollnburg, hat etwa zur selben Zeit eine andere Kommunalpolitikerin auf ihr Wahlergebnis angestoßen: Josefa Schmid. Zumindest bis zu den Stichwahlen in zwei Wochen hat sie einen Titel in Bayern für sich allein: Sie ist im ganzen Freistaat die einzige FDP-Bürgermeisterin. Der Bürgermeister-Titel ist für sie nicht neu, die Partei allerdings schon. Denn 2008 kandidierte die 39-Jährige trotz CSU-Parteibuch für die Freien Wähler – und gewann. Bei der Regener Landtagswahl trat sie auf eigener Liste gegen den CSU-Kandidaten an – seit damals ist ihr Verhältnis zu den Christsozialen zerrüttet. Schmid wechselte 2012 in die FDP – und besiegte nun ihren CSU-Gegenkandidaten Josef Klimmer knapp mit 51,97 Prozent. Über ihren Wahlsieg ist sie wesentlich weniger überrascht, als die Tüßlinger Gräfin. „Ich habe in den vergangenen sechs Jahren vieles angepackt“, sagt sie selbstbewusst. „Fleiß wird belohnt.“ Außerdem ist Josefa Schmid überzeugt: Die Partei ist bei Kommunalwahlen eher Nebensache.

Franz Josef Strauß

In Aying (Kreis München) trifft das vermutlich zu. Dort ist ein gesamter Gemeinderat enttäuscht, dass einem CSU-Kandidaten etwa 200 Stimmen für einen Sitz gefehlt haben. Die Ayinger hätten zu gerne Franz Josef Strauß an ihrem Rathaustisch gehabt. Den Ayinger Franz Josef Strauß. Der ist 27 Jahre alt, Feuerwehrmann, Gemeinde-Mitarbeiter in Brunnthal – und Besitzer einer Franz Josef Strauß Silbermünze. Die hat ihm sein berühmter Namensvetter damals wenige Tage nach seiner Geburt geschickt. Und ihm damit vielleicht sogar die Leidenschaft für Politik in die Wiege gelegt. Bis er CSU-Mitglied wurde, hat es dann allerdings noch rund 10 000 Tage gedauert. Im September 2013 konnte die CSU-Ortsvereinsvorsitzende nich anders – und warb den Freien Wählern in Aying ihren Franz Josef Strauß ab. Damals bekam sie direkt einen Anruf von einem CSU-Politiker höherer Ebene, der wissen wollte, ob es sich um einen Scherz handle. Jetzt, vor der Kommunalwahl, ist der Ayinger Franz Josef Strauß von den Medien entdeckt worden. „Es kamen soviele Anfragen von Journalisten“, erzählt er. „Das war manchmal ganz schön anstrengend.“ Letztendlich hat der Listenplatz neun trotz aller Interviews nicht gereicht. Das Ergebnis fühlt sich für Strauß trotzdem ein bisschen wie ein Sieg an. Denn: „Ich habe gestern von allen Parteien gehört, dass sie mich gerne im Gemeinderat gehabt hätten.“

Katrin Woitsch

Nicht alltägliche Wahlergebnisse

Das beste Ergebnis in Bayern hat ein Bürgermeister im Unterallgäu erreicht. Amtsinhaber Franz Grauer (Freie Wähler/CSU) hatte in der 1350-Einwohner-Gemeinde Kirchhaslach keinen Gegenkandidaten – und bekam 99 Prozent der Stimmen. Nur sechs Bürger wählten ihn nicht. Dicht hinter diesem Ergebnis liegt der Landrat Klaus Söllner (Freie Wähler) aus Kulmbach. Auch er hatte keinen Gegen-Kandidaten – und bekam 96,4 Prozent der Stimmen. Für Bayerns jüngsten Stadtrats-Kandidaten Lukas Blahusch hat es nicht ganz gereicht. Der Germeringer wurde am Wahlsonntag 18 Jahre alt – er kandiderte auf Listenplatz 7 der Grünen. Die Partei hat nur fünf Sitze bekommen. In Fürstenfeldbruck hat es zum ersten Mal ein Pirat in den Stadtrat geschafft: Andreas Ströhle. Die Piraten wollten dort 2,5 Prozent schaffen – es wurde fast eine Punktlandung. In Deggendorf wurde der SPD-Landesvorsitzende Florian Pronold bei der Stadtratswahl von seinem Vater abgehängt. Ambros Pronold bekam einen Sitz, seinem Sohn fehlten 97 Stimmen. In Neubeuern (Kreis Rosenheim) hat der Rathaus-Mitarbeiter Hans Nowak (Beurer Bürgernähe) seinen Chef aus dem Amt gekegelt. Josef Trost (CSU) erhielt nur 35,7 Prozent. Der SPD-Gemeinderat Leo Hermann aus Hohenkammer (Kreis Freising) hat nach 18 Jahren die Fraktion gewechselt. Erstmals traten die Grünen an, darauf hatte Hermann fast zwei Jahrzehnte gewartet. Während in Oberammergau (Kreis Garmisch-Partenkirchen) sieben Gruppierungen im Gemeinderat sitzen, kommt die Gemeinde Chiemsee ganz ohne Parteien aus. Das Gremium ist völlig parteifrei besetzt.

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