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Die 84-Jährige aus Bad Wörishofen wurde in ganz Deutschland bekannt, weil sie aus Hunger mehrfach Lebensmittel im Gesamtwert von rund 70 Euro gestohlen hatte.

Sie war zwei Monate im Gefängnis

Ladendiebin Oma Ingrid (84) ist wieder frei, glücklich ist sie aber nicht

  • Markus Christandl
    vonMarkus Christandl
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Nach acht Wochen in Haft hat die 84-jährige Ingrid Millgramm am Donnerstag die JVA Memmingen verlassen. Doch ganz unbeschwert ist die Ladendiebin nicht.

Ingrid Millgramm hat einen bösen, krampfartigen Husten mitgebracht. „Mir geht es schlecht“, sagte sie am Donnerstag. Und auch ihr Gehör habe schwer nachgelassen, sagt die 84-Jährige aus Bad Wörishofen, die bundesweit bekannt wurde, weil sie aus Hunger mehrfach Lebensmittel im Gesamtwert von rund 70 Euro gestohlen hatte. Sie sagt auch: „So schlimm hätte ich mir das Gefängnis nicht vorgestellt; die Enge, dieses Eingesperrtsein, das nicht Rauskönnen.“ 

An der Rechtsprechung, die sie in diese Situation gebracht hatte, gibt es nichts zu rütteln. Das Urteil ist allerdings wegen des Alters der Witwe diskussionswürdig. Obwohl unter Bewährung, hatte sie sich aber erneut zu einem weiteren Diebstahl hinreißen lassen. Sechs Monate hätte die Wiederholungstäterin danach ursprünglich absitzen müssen, es hätten sogar noch drei Monate mehr sein können, aber laufende Bewährungen wurden nicht widerrufen, sondern verlängert. Die alleinstehende Dame, die Ende Oktober bei Sonnenschein zwar mit Bammel, doch auch ein wenig neugierig die Haft antrat, klingt jetzt schwer verbittert. Aufgrund ihres Zustands habe sie zuletzt nur „in der Koje gelegen“. Doch der stellvertretende JVA-Leiter Uwe Siller sagt, man entlasse niemanden, falls es gesundheitliche Bedenken gäbe. „Die Insassen werden davor untersucht.“ 

Ladendiebin war gelangweilt von ihrer Zellengenossin

Für Millgramm ist aber der Anstaltsarzt „eine Katastrophe“, das Leben im Knast „von wahnsinniger Langeweile geprägt“. Eng sei es in ihrer Zelle zugegangen. Ihre Zellengenossin, die offenbar wegen ALGII-Betrugs in Höhe von 300 Euro einsaß, sei eine einfache Frau gewesen, mit der sich schlecht Gespräche hätten führen lassen. Millgramm: „Sie hat mir jeden Tag das Gleiche erzählt.“ 

Momentan scheint es nicht so, dass die Rentnerin, der nach allen Ausgaben rund 100 Euro zum Leben bleiben, zuversichtlicher nach vorne blickt. Immerhin hat sie aber 37 aufmunternde Briefe in den Knast bekommen, die sie auch alle beantwortet hat. Dabei hat sich ein Kontakt zu einer Dame ergeben, die sie regelmäßig unterstützen wird. Damit dürfte sich zumindest die finanzielle Situation entspannen. Trotz der Unterstützung bleiben die gesundheitlichen Probleme und die dunkle Erinnerung an die Zelle. Und das vor Weihnachten. 

Doch mit dem Begriff Weihnachten verbindet sie sowieso keine Welt in Frieden, ein Zusammensein mit den Lieben. „Zwei Tage vor Heiligabend ist mein erster Mann gestorben, ebenso mein Vater und mein Onkel. Für mich ist das kein Feiertag, es ist ein Tag wie alle anderen.“ 

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