+
Hereinspaziert: Gerne würde Flori Schuster in seinem Sporthaus am Marienplatz auch mal nachts Gastgeber sein. Das darf er aber nicht.

Debatte

Ladenschlusszeiten: Offene Türen bis in die Nacht?

  • schließen
  • Sebastian Raviol
    Sebastian Raviol
    schließen

Bayern streitet über die Ladenöffnungszeiten: Länger als 20 Uhr? Was ist mit Sonntagen? Das Thema hätte schon vor Jahren geklärt werden können – wenn Edmund Stoiber länger bei einer Sitzung geblieben wäre.

München Ein Novemberabend vor 14 Jahren. Eine Schlange bildet sich vor der Buchhandlung Hugendubel am Münchner Marienplatz, alle wollen um Mitternacht den fünften „Harry Potter“-Band zum Verkaufsstart in den Händen halten. Die Ladeninhaberin hat sich das als besondere Aktion einfallen lassen, doch dann kommt die Polizei auf Pferden, die Potter-Fans sind verwirrt. Verkaufen nach 20 Uhr – das verbietet das Ladenschlussgesetz, das letzte Relikt aus einer Zeit, in der es die DDR noch gab.

Schuster: „Ich würde mir diese Kreativität für uns Händler wünschen“

Längst kauft ganz Bayern Tag und Nacht im Internet ein, die Post schleppt tausende Pakete durch die Gegend, bis spätabends werden inzwischen auch Lebensmittel heimgeliefert. Aber ein Kinderbuch oder 100 Gramm Aufschnitt aus dem Laden gibt es noch immer nicht.

Flori Schuster sitzt im Besprechungsraum seines Sporthauses beim Marienplatz und erzählt die Harry-Potter-Anekdote. „Ich würde mir genau diese Kreativität für uns Händler wünschen“, sagt er. 

Die Liberalisierung begann am 1. November 1996

Doch beim Auf- und Zusperren der Läden gibt’s im Freistaat keine Gnade, nur hier und im Saarland gilt noch das alte Bundesladenschlussgesetz von 1956, als das Fernsehen noch schwarz-weiß war. Alle anderen Bundesländer haben die Vorschriften gelockert, genauso die Länder um Deutschland herum. So fahren die Ostbayern und Sachsen zum Beispiel sonntags nach Tschechien, um einzukaufen. Was den Ladenschluss angeht, ist Bayern das gallische Dorf in Europa, vielleicht aus gutem Grund, weil die Welt hier noch anders tickt. Doch jetzt kippt die Stimmung möglicherweise, es wäre nicht das erste Mal.

Die Diskussion dazu gibt es schon seit 20 Jahren. Am 1. November 1996 begann die Liberalisierung, Geschäfte durften montags bis freitags statt bis 18.30 Uhr bis 20 Uhr und samstags immerhin bis 16 Uhr öffnen. 50 000 Verkäufer demonstrierten in Bonn gegen die Idee des Wirtschaftsministers Günter Rexrodt (FDP), Wissenschaftler kritisierten den „Ausverkauf der Arbeitszeiten“. Selbst die Kunden trauten sich zunächst nicht in die Läden, nach 19 Uhr waren die Gänge leer. 

Änderung der Zeiten scheiterte 2006 an einer Stimme

Wer heute um diese Zeit an der Supermarktkasse steht, kann das kaum glauben. 2003 wurde auch der Samstag bis 20 Uhr verlängert, mit der Föderalismusreform 2006 ging die Kompetenz für den Ladenschluss vom Bund auf die Länder über. Ein weiterer Schub folgte, manche Bundesländer haben seitdem rund um die Uhr auf. Auch in Bayern gab es die Idee zur Aufweichung, aber die scheiterte in einer bizarren Polit-Posse, wie es sie in der CSU-Fraktion selten gegeben hat.

Im November 2006 warben der damalige Ministerpräsident Edmund Stoiber und sein Kabinett für eine Verlängerung der Öffnungszeiten bis 22 Uhr. Die Fraktion unter ihrem damaligen Chef Joachim Herrmann, heute Innenminister, diskutierte eineinhalb Stunden hitzig, stimmte ab – und verwarf die Idee mit einem Patt: 51 zu 51 Stimmen. Stoiber hätte das Ganze entscheiden können, musste aber früher weg. Das war’s.

Rewe-To-Go-Laden hatte bis 22 Uhr offen

Die emotionale Debatte rührte die CSU seitdem nicht mehr an, dennoch ist in Bayern heute längst nicht mehr alles so streng wie damals. Am Münchner Hauptbahnhof wirbt ein Edeka mit Öffnungszeiten an 365 Tagen im Jahr bis 23 Uhr, an Heiligabend (ein Sonntag!) dürften heuer sogar einige Geschäfte per Sondererlaubnis aufsperren.

Ein ganz aktuelles Beispiel gibt es in Schwabing. Dort testet die Handelskette Rewe einen „To Go“-Laden mit Tiefkühlpizzen, Sandwiches und Bier – Dinge für den schnellen Bedarf auch am Abend. Der Laden hatte bis 22 Uhr geöffnet, weist am Eingang mittlerweile aber auf „vorübergehende Öffnungszeiten bis 20 Uhr“ hin. Das Kreisverwaltungsreferat hatte eingegriffen. Rewe selbst sieht das Angebot als Gastronomie, erlaubnisfrei. „Diese Filialen nutzen eine Grauzone“, sagt dagegen ein Sprecher des Kreisverwaltungsreferats. In diesem Fall sieht die Behörde keine Ausnahme. Es gelten die Schlusszeiten. Rewe selbst äußert sich nicht. Die Handelskette möchte wohl gern weiter Geschäft machen mit Kunden, die es nicht vor 20 Uhr schaffen.

Händlerin: „In einer Kleinstadt wie Wolfratshausen nicht praktikabel“

Es gibt aber auch Händler, die von längeren Öffnungszeiten nichts halten. Ines Boodevaar führt in Wolfratshausen ein Modegeschäft mit 29 Mitarbeitern. Länger zu öffnen, lohne sich nicht, sagt sie. Bei einer Liberalisierung müsste sie aber gezwungenermaßen nachziehen, um von der Konkurrenz nicht abgehängt zu werden. „In einer Kleinstadt wie Wolfratshausen ist das nicht praktikabel“, sagt Boodevaar. „Es gibt viele familiengeführte Geschäfte, die würden das nicht organisiert bekommen.“ Wozu auch?

Wahrscheinlich ist die Sache mit der Ladenschluss-Ausweitung etwas für die Großstadt. Auf dem Dorf braucht das einzige Geschäft mit Durchlaufkundschaft keine dauerhafte Präsenz, in der Einkaufsmeile am Marienplatz mit den Touristen ist das etwas anderes. Einzelhändler wie Flori Schuster denken an Aktionen, Mitternachts-Shopping vielleicht, damit sie zum Rund-um-die-Uhr-Angebot des Onlinehandels konkurrenzfähig bleiben.

Auffällig: Sonntagsöffnungen fordert niemand

Der Münchner Abgeordnete Michael Piazolo (Freie Wähler) hat die Debatte jetzt im anlaufenden Landtagswahlkampf auf die Agenda gesetzt. Sein parteiübergreifendes Bündnis fordert die Öffnungserlaubnis werktags bis 22 Uhr, so wie es zum Beispiel in Rheinland-Pfalz und Sachsen gemacht wird. Die FDP ist die einzige Partei, die klar dafür ist. „Zeigen wir Mut“, rief ein Delegierter auf dem Parteitag in Amberg. „Womit wollen wir denn sonst im Wahlkampf werben?“ Die anderen Parteien – CSU, Freie Wähler, Grüne, AfD – sind vorsichtiger. Einige Verantwortliche sind dafür, andere fürchten sich vor wütenden Verkäufern, die nicht auch noch spätabends arbeiten wollen. SPD und Linke haben mit Verweis auf die Belastung der Arbeitnehmer ohnehin schon abgewunken.

Auffällig: Sonntagsöffnungen, im Ausland üblich, fordert niemand. Dagegen gibt es eine zu starke Allianz aus Gewerkschaften und Kirchen. Überhaupt wäre die Liberalisierung „für viele Arbeitnehmer ein Planungsproblem“, sagt Hans Sterr von Verdi. Man warte ab, erst wenn die CSU wieder aus der Deckung komme, „müssten wir hellhörig werden“. Dann könnte es auch Protestdemos geben, wie damals den Aufmarsch der Verkäufer in Bonn. Bernhard Kellner vom Erzbistum München und Freising sagt, man müsse „genau hinschauen, welche Folgen verlängerte Ladenöffnungszeiten für das gesellschaftliche Zusammenleben hätten. Und was das für die Familien von Verkäuferinnen oder Angestellten im Handel bedeuten würde.“ Wie Fundamentalopposition klingt das aber auch nicht mehr.

Auch wenn man es nicht vermuten mag, ein historisches Beispiel gibt es sogar in Bayern für eine Zeit, als man bis 21 Uhr einkaufen konnte. Im August 1972 war das, in München. Mit 24 zu 20 Stimmen hatte der Stadtrat entschieden, dass die Läden während der Olympischen Spiele bis 21 Uhr öffnen dürfen. Es war eine kleine Revolution. Olympische Spiele sind gerade aber nicht in Sicht.

Auch interessant

Mehr zum Thema

Meistgelesene Artikel

Razzia bei Security von Erstaufnahme-Einrichtung
Gegen die Security der Erstaufnahme für Asylbewerber in Donauwörth wird ermittelt. Die Polizei Dillingen hat am Mittwoch eine Razzia durchgeführt.
Razzia bei Security von Erstaufnahme-Einrichtung
Mercedes brennt auf der A93 aus - Autobahn Richtung München komplett gesperrt
Hohe Rauchschwaden auf der Autobahn: Ein Wagen brannte am Mittwoch auf der A93 lichterloh. 
Mercedes brennt auf der A93 aus - Autobahn Richtung München komplett gesperrt
Hakenkreuze und fremdenfeindliche Sprüche: Jugendliche gestehen Graffitis
Jugendliche sprühen Hakenkreuze und ausländer- und judenfeindliche Sprüche quer durch Kürnach - Täter offenbar geständig.
Hakenkreuze und fremdenfeindliche Sprüche: Jugendliche gestehen Graffitis
Vater tot, Sohn schwer verletzt: Sie sind wohl Opfer eines illegalen Autorennens
Ein Vater stirbt vor Augen seines Sohnes (10) bei einem Horror-Unfall in Achslach. Der Zehnjährige liegt schwer verletzt im Krankenhaus. Jetzt hat die Polizei einen …
Vater tot, Sohn schwer verletzt: Sie sind wohl Opfer eines illegalen Autorennens

Kommentare

Ab dem 25.5.2018 gilt die Datenschutzgrundverordnung. Dazu haben wir unser Kommentarsystem geändert. Um kommentieren zu können, müssen Sie sich bei unserem Dienstleister DISQUS anmelden. Sollten Sie zuvor bereits ein Profil bei DISQUS angelegt haben, können Sie dieses weiter verwenden. Nutzer, die sich über den alten Portal-Login angemeldet haben, müssen sich bitte einmalig direkt bei DISQUS neu anmelden.