Im Land der Rekorde

München - Nirgendwo in Deutschland ist es kälter und zugleich heißer, sonniger und gleichzeitig nasser, nirgends gibt es höhere Berge oder tiefere Höhlen: Bayern ist das Bundesland der Rekorde. Nur warum?

Wenn Werner Fritz aus dem Fenster blickt, gibt es eine recht gute Chance, dass es vor seinem Rathaus gerade regnet oder schneit. Dafür stehen die Chancen eher schlecht, dass der Bürgermeister einen seiner Bürger auf der Straße sieht. Balderschwang, 1044 Meter über dem Meeresspiegel im Oberallgäu gelegen, hält gleich zwei Rekorde. Das Örtchen wirbt damit, die „kleinste selbständige Gemeinde Deutschlands“ zu sein - denn es gibt nur 265 Balderschwanger, „und ich kenne jeden einzelnen“, sagt Bürgermeister Fritz. „Wir haben eine Einwohnerdichte wie Sibirien.“ Denn auf jeden Balderschwanger kommt eine Fläche von rund zwei Hektar. Da kann es schon mal einsam werden, rund ums Rathaus. Im Regen. Denn Rekord Nummer Zwei lautet: Nirgendwo in Deutschland gibt es mehr Niederschlag.

Zum Glück für die Balderschwanger fällt der meist als Schnee vom Himmel. Die Krone für den nassesten Ort Deutschlands ging im vergangenen Jahr an eine andere Gemeinde: Ruhpolding-Seehaus (Kreis Traunstein) gewann mit 2456 Litern pro Quadratmeter. Kein Problem, reagierte Bürgermeister Claus Pichler, es gebe sowieso kein schlechtes Wetter, nur schlechte Kleidung. Aber warum trifft es immer die Bayern mit den miesen Wetterrekorden?

Es liegt an der Entfernung zum Meer und am Gebirge, erklärt Gerhard Hofmann vom Deutschen Wetterdienst (DWD). Das Meer unterliege geringeren Temperaturschwankungen und stabilisiere dadurch das Klima in Küstennähe. „Kontinentalklima“ ist „extremer“, sagt Hofmann. Hinzu kommt: An den Alpen stauen sich Regenwolken und entledigen sich dort ihrer Last. Drittens liegt es an den Höhenunterschieden in Bayern, die für unterschiedliche Witterungen sorgen.

So kommt es zustande, dass es im Freistaat nicht nur den nassesten Ort Deutschlands gibt, sondern auch den mit den meisten Sonnenstunden. Bürgermeister Ulrich Pfanner ist nach eigenen Angaben stets gut gebräunt: Scheidegg am Bodensee war 2007 der sonnigste Ort der Republik und belegt jedes Jahr einen Spitzenplatz in der Statistik. In der Marktgemeinde stehen vier Reha-Kliniken - man nutzt die Sonne geschickt als Werbemittel: „Sonne macht gesund“, sagt Pfanner und gibt zu, dass er immer wieder von anderen Bürgermeistern neidisch auf den Sonnen-Rekord angesprochen wird.

Franz Rasp wäre so einer, der neidisch sein könnte. Ganz in der Nähe von Berchtesgaden gibt es nämlich den kältesten Ort Deutschlands. Und er ist brutal kalt: Minus 45,9 Grad wurden im Jahr 2001 am Funtensee gemessen, einem Gebirgssee am Rande des Steinernen Meeres. Der See liegt in einer Mulde, umrahmt von Bergen. Die kalte Luft sammelt sich dort unten, schon 100 Meter über dem See ist es 15 Grad wärmer.

In Berchtesgaden herrscht erst recht anderes Klima. „Doch immer wieder rufen Touristen an und fragen, ob man hier überhaupt aus dem Haus gehen kann“, erzählt Bürgermeister Rasp. Er nimmt es mit Humor: „Ich halte dann das Thermometer aus dem Fenster und gebe die Temperatur durch.“ Abgesehen von solchen Extremwerten ist die Zugspitze der kälteste Ort Deutschlands. Im vergangenen Jahr kamen die Meteorologen im Schnitt auf minus 4,2 Grad. Und bei 2962 Metern Höhe ist man dem Himmel an keinem anderen Ort so nah.

So hoch die Bayern hinaus wollen, so tief geht es auch unter die Erde. Die „Riesending-Schachthöhle“ im Untersberg in den Berchtesgadener Alpen ist die tiefste und zugleich längste Höhle Deutschlands. Als sich gigantische Erdmassen durch tektonische Verschiebungen aufschichteten, entstanden nicht nur Gebirge, sondern auch unterirdische Kathedralen, die man im deutschen Flachland vergeblich sucht.

Ein letzter Rekord fehlt noch: der deutsche Hitzerekord. Es gibt zwei Gemeinden, die ihn sich teilen. Im Sommer 2003 maß der DWD in Karlsruhe 40,2 Grad - exakt die gleiche Temperatur, wie sie in Gärmersdorf in der Oberpfalz 1983 gemessen wurde. Der ältere Rekord geht also - mal wieder - nach Bayern. Ins Land der Rekorde.

Thomas Schmidt

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